Der Hausbesuch

Wildkräuter und Schnaps

Sibylle und Hans Breisacher haben in den siebziger Jahren in Ihringen einen Hausgarten angelegt. Heute ist er eine Oase.

Eine Frau und ein Mann

Die Eheleute Breisacher im Gartenglück​ Foto: Stefan Pangritz

Für Hans und Sibylle Breisacher ist der Garten die Seele des Hauses. Fast immer halten sie sich dort auf, was in Ihringen, der Winzergemeinde am südlichen Kaiserstuhl, nicht so schwer ist. Soll es doch der wärmste Ort in Deutschland sein.

Draußen: Das große Tor sieht aus wie ein Fass. Wer die Breisachers besuchen will, muss da durch. Ist es offen, ist das wie eine Einladung, sich den Bauerngarten, der oasenartig an das Haus und die ehemaligen Scheunen und Stallungen grenzt, anzusehen, dabei vorbeigehend an altem Winzerwerkzeug, Fuhrwerken, Pferdegeschirren, Fässern und allerhand andere Dekoration. Wo ein Hohlraum entsteht, wird er begrünt, Schuhe oder kaputte Tonschalen auch.

Drinnen: Das Haus ist wie eine Wabe, die immer weiter ausgebaut wurde und wird, mit neuen Räumen, die in den alten Gebäuden entstehen. Direkt hinter dem Eingang und geschützt vor einer alter Bruchsteinwand steht der Esstisch, eine Ahnung vom Draußen schwappt bis hierher. Dahinter fing früher das alte Haus an. Und was dann Scheune und Stall war, war eine Zeit lang Ferienwohnung und wird jetzt die Wohnung des Sohnes. Noch ist es eine Baustelle, riecht nach frischem Putz. Wer „hallo“ in die Räume hineinruft, bekommt keine Antwort. Die Leute sind im Garten. Hans Breisacher mäht, mit dem Enkel auf dem Schoß, gerade mit dem kleinen Traktor den Rasen.

Der Garten: „3.000 Quadratmeter“, sagt Sibylle Breisacher, die hinter einem Strauch hervorkommt „da kann man was machen.“ Die 64 Jahre alte Frau wirkt scheu. Dass ihr Bauerngarten seit ein paar Jahren sogar in den Medien Aufmerksamkeit bekommt, war nicht beabsichtigt. Sie und ihr Mann haben Anfang der 70er Jahren damit begonnen, ihn anzulegen. „Ohne großen Plan.“

Wie Zugvögel: Als sie mit dem Garten begannen, wollten sie vor allem eigenes Gemüse und Platz für die Kinder. Anfangs sei das gar nicht so ambitioniert gewesen. Sie waren jung. 19 und 21. Die Tochter war schon da. Geld dagegen kaum. Deshalb sind sie ins Elternhaus von Sibylle Breisacher gezogen. Wie Schwalben in alte Nester. „Das kam. Das war nicht geplant“, sagt sie. Und jetzt kommt auch der Sohn zurückgeflogen.

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Der Mann: Dass der Garten immer größer wurde, immer lebendiger, das läge an ihm, an Hans Breisacher. Der kommt, nachdem er den Mäher weggefahren hat, angeschlendert mit seinem Lederhut auf dem Kopf, sagt: „Ich bin gern in der Natur.“ Er zupft ein Blatt Wegerich aus dem Rasen, isst es. Wenn es geht, ist er rund um die Uhr draußen. Als er jung war mehr als heute. Das Verständnis für die Wunder, die in der Natur wirken, die kämen von seinem Großvater und seinem Vater.

Verständnis für die Natur: Er ist auf einem Bauernhof am nördlichen Kaiserstuhl aufgewachsen. „Wenn die Schule aus war, war klar, was zu tun ist“, sagt er. Aufs Feld gehen. In die Reben gehen. Auf Spargeln setzte der Vater schon früh. „Schwetzinger Meisterschuss“ hieß die alte Sorte. Dreimal am Tag musste man auf die Spargelfelder. Das erste Mal morgens um fünf. „Manchmal wusste man schon vor der Schule, wo man am Nachmittag hin musste. Manchmal lag ein Zettel auf dem Tisch: Komm da und da hin“, meint Sibylle Breisacher, seine Frau. An dem Punkt gleichen sich ihre Lebensläufe. Später wurde er Kellermeister im Versuchsweingut Blankenhornsberg. Etwas mit Wein eben.

Sie: Ob sie auch einen Beruf hat? „Nein, ein Dutzend“, sagt ihr Mann und zählt auf: Hausfrau, Mutter, Krankenschwester, Köchin, Touristenführerin, Feriengästebetreuerin, Chauffeurin, Erzieherin, Winzerin, Gärtnerin, Brennmeisterin, Staubsaugerpilotin. „Hör auf“, wehrt sie ab.

Schnapsbrennerei: Der Vater von Sibylle Breisacher war Winzer und Schnapsbrenner, wie die meisten in Ihringen es früher waren. Als Rebstöcke mit den Römern über die Alpen kamen, war es kein Kunststück für die Vorfahren, hier am Kaiserstuhl, dem etwa 500 Meter hohen Vulkankegel in der Rhein­ebene mit seinem satten Boden und seiner Sonnenlage, auf Wein zu kommen. „Das hat Tradition“, sagt sie. Zum Wein- und Obstbau kam bei ihren Eltern das Schnapsbrennen dazu. Ihre Oma hatte das Brennrecht. Von dieser ging es auf den Sohn und vom Sohn auf Sibylle Breisacher. „Mir war das am Anfang nicht recht. Ich hatte Angst vor der heißen Maische.“ Bis heute brennt sie nun doch ihre eigenen Brände. Nicht nur Kirschen, Äpfel, Mirabellen. Auch mit Seltenerem wird experimentiert. Mit Maulbeeren, Feigen, Granatäpfeln, Kaki. Obst dafür ist da, ist alles im Garten.

Die wilde Natur: „Wildkräuter sind sein Steckenpferd“, sagt Sibylle Breisacher. Er: „Alles was man essen kann.“ Er habe schon Kaffee aus Löwenzahnwurzeln kredenzt und die, die er damit bewirtete, hätten keinen Unterschied bemerkt. „Jede Pflanze hat für mich eine Daseinsberechtigung.“ Er komme noch aus einer Zeit, in der man Kraut von der Böschung holte, Brennnesseln, Wegerich, „du hast es wie Spinat gekocht.“

Der Boden: „Ich bin aufgewachsen mit Kühen und Pferden, die in der Landwirtschaft eingesetzt wurden. Dann kam der Traktor“, sagt er. Als er mit dem Traktor das Feld pflügte, ist ihm der Opa mit der Peitsche hinterhergerannt und schimpfte: „Du holst mir den toten Boden hoch. „Ich dachte nur: ,Hey Opa.' Heute weiß ich es besser.“ Hans Breisacher pflegt den Boden in seinem Garten, auf der Streuobstwiese, in den Reben, die er noch hat, wie andere den Lack ihres Autos. Er kann stundenlang darüber sprechen, dass die Mikroorganismen in der oberen Bodenschicht das A und O fürs Wachsen und Gedeihen sind. Der reiche Kompost, der in seinen Tonnen reift, ist ihm so wichtig wie die Früchte, das Gemüse, die Blumen, die hier wild nebeneinander wachsen. Sein Boden könne 200 Liter Wasser in der Stunde aufnehmen. Der auf den herkömmlich bewirtschafteten Äckern, wo durch Dünger und Ackergifte die Bodenlebewesen kaputt gemacht werden, nur 20. „Gesunder Boden minimiert Überschwemmungen.“ Und bringt Ertrag. „Man kann doch keine Kuh in die Wüste schicken.“

Zeigen: Oft bleibt Hans Breisacher, als er durch den Garten führt, stehen, zupft da etwas, dort etwas, steckt es sich in den Mund, gerade sind die Mirabellen reif. Jede Pflanze, jeder Baum hat seine Geschichte: Die Urwaldrebe aus dem Rheinwald, die Baumstämme hochwächst, der Mangold im Blumenbeet, die Schönheit von Kaki, Mispel, Maulbeere, Aprikose, der Indianerbaum, die eigene Paprikazucht, Bananen, Palmen, der Malabarspinat, Chayote, der wie Kohlrabi schmeckt, und die gesprenkelten Berner Landfrauenbohnen, der schöne Perlenschnurknöterich, der ächzende Lederhülsenbaum, der wahnsinnig schnell wachsende Blauglockenbaum und so geht das immer weiter. Jede Pflanze zieht etwas nach sich, Insekten, Vögel, Tiere. Schwalbenschwänze seien im Garten, der Wiedehopf, Hirsch- und Nashornkäfer, Bienenfresser, Eisvogel, „der holt sich die Fische aus dem Teich“. Schwalben und Libellen sowieso.

Weniger ist mehr: Früher hätte er selbst Insektizide gespritzt in den Reben. Dann habe er aufgehört und gemerkt: Es gibt weniger Schädlinge. So sei das alles gekommen. Peu à peu. Man müsse nur hingucken. Und auf sich schauen, auf das, was man von der Natur zurückbekomme. „Mein Mann war oft gestresst von der Arbeit. Dann ist er in den Garten.“ Und dann kam noch die Zäsur, als er nicht mehr arbeiten konnte. Innerhalb einer Woche mussten sie entscheiden: Frührente ja oder nein. Ja, hätten sie gesagt, „wir ziehen das durch. Was nützt eine schöne Rente und dann bist du tot. Weniger ist mehr.“

Der Grundwert: Er allein könne die Welt nicht retten, sagt Hans Breisacher. „Das tut in der Seele weh, wenn man das sieht, dass viele Menschen sagen, ich lebe heute, was nachher kommt, ist egal.“ Er will, was er Grundwert nennt, und es ist Grundwert auch wörtlich: „dass man die Böden wieder gesund macht“. Er hofft, dass seine Enkel das Wunder, das er täglich vor Augen hat, sehen. Die Kleinen haben ihre eigenen Beete im ­Garten. Die großen Player, die Industrie aber sei hintendran. So was wie der Gülletourismus, wo Gülle aus holländischen Schweinemastanlagen auf Böden etwa in NRW verklappt wird, ein ­Unding. „Die falschen kriegen Geld vom Staat“, sagt Hans Breisacher. Tiefer Groll steigt in ihm hoch, verfinstert seinen Blick. „Hör auf“, sagt seine Frau.

Anerkennung: Was alles in seinem Garten gedeiht? Er weiß es nicht. Sowieso bringen er und seine Frau von Reisen, wo sie oft andere Gärten besuchen, immer etwas mit. Das hier sei die kleine Mainau, würden Besucher oft ausrufen. „Das ist schon ein Kompliment“, sagt Sibylle Breisacher. Jetzt sind die beiden mit anderen Bauerngartenbesitzern sogar Protagonisten in einer Fernsehdokumentation. Bald läuft die Dokumentation im Regionalprogramm, weil es ein Interesse gibt, und vielleicht auch ein Umdenken. Bei jungen Leuten sieht Hans Breisacher es. Das sei auch Anerkennung.

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