• 14.03.2010

Negative Schlagworte wie Gentrifizierung prägen derzeit die Debatte. Um die Zukunft unserer Städte zu gestalten, braucht es positive Leitbilder.

Wir sind die Stadt

KOMMENTARvon Uwe Rada

  • 15.03.2010 10:50 Uhr

    von Schreiber:

    Szeneviertel sind etwas für Leute ohne Fantasie. Dort nennt sich zwar jeder Zweite: Musikproduzent, Mediendesigner, Filmproduzent, Schriftsteller, Künstler...sie leben dort wo früher Arbeiter, Familien oder Studenten wohnten. Man ist sich einig: Gentrification böse - wir gut.Und mindestens ist man links. Bei brennenden Barrikaden macht man gerne mal ein linkes Auge zu. Dort wo früher der Schlachter war ist heute eins von hundert LatteMCafes. Dort wird über Aufstände geredet und von den Altlinken darüber wieviel besser es 68 war.Mancher ist in dieser abgeschotteten Szenewelt gar überzeugt: Morgen beginnt die Revolution.Derweil arbeitet sich der Kapitalismus langsam weiter voran und plötzlich sitzt man da in seinem Touristenzoo mit hohen Mieten. Engagierte NGOs usw haben sich schon längst andere Standorte gesucht. Und nur die wenigsten, marktstärksten Musik- und Filmproduktionen können ihre Mitarbeiter so bezahlen, dass sie auch eine Familie ernähren können.
    Dann ist man ist ehrlich empört, dass eine Stadt wie ein Unternehmen geführt wird.Man möchte nicht zur Marke gemacht werden und merkt nicht, wie sehr man sich selber schon längst zur Marke gemacht hat.Persönlich habe ich meine Alternative entdeckt:
    Nichts ist langweiliger als Szeneviertel. Auf dem Land gibt es mehr geistigen, kreativen Freiraum, unterschiedlichere Menschen, billigere Mieten, selbstgekochten Kaffee und Freunde, die kommen, sind wirklich welche. Spekulanten verirren sich selten her. Dafür unterstützen die Nachbarn unsere Arbeit für ein Umweltschutzprojekt.

  • 15.03.2010 07:49 Uhr

    von gargravarr:

    Danke für den echt notwendigen Artikel! Gerade in Berlin kommt mir ein Aspekt in der Debatte immer zu kurz: Wechsel der Milieus, der Altersschichtung, Kommen und Gehen von Geschäften und Szenen - Leute, DAS ist Stadt!!! Dass die Karawane weiterziehen kann, ohne die Grenzen der Stadt verlassen zu müssen - das ist Großstadt. Alles andere ist Dorfdenken.

  • 15.03.2010 01:09 Uhr

    von Verena Nadorst:

    Hach ja. Herr Rada schreibt an die LeserInnenschaft als jene, die die Stadt mitgestalten. Und zeigt nebenbei, um wen es dabei geht: Spricht er doch ausschließlich mehr oder weniger alternatives Bürgertum an. Der Rest kommt gar nicht vor (naja, als Problem schon, aber nicht als Lösungsfaktor, und erst recht nicht als Adressat). Willkommen in der schönen neuen Welt!

  • 14.03.2010 22:06 Uhr

    von Sabine Krüger:

    herr rada, es ist schön, dass sie sich ihre wohnung, die gemütlicher aber teurer geworden ist, noch leisten können (und das, obwohl sie artikel für die taz schreiben). es gibt leute, die nehmen ein zugefrorenes außenklo und eine graue fassade gern in kauf, um dafür weiter in kreuzberg wohnen zu können, weil sie sich es nur so auch leisten können. was sie sich wünschen, ist eine stadt als erlebniswelt; kreatives geklüngel aus avantgardistischer szene, engagierten bürgern, authentischer underclass als hintergrund für innovative szene und mit dazu ins boot, weils so schön ist, sollen auch noch die wohlhabenden. in was für einer phantasiewelt leben sie eigentlich? ach ja, ich weiß es. in der phantasiewelt des stadtmarketings, in der armut ein märchenweltbegriff ist. ja, viertel können ghetto- und szene-kiez in einem sein, nur wohin wird die reise auf dauer gehen? schon jetzt ist es doch so, dass es keine günstigen wohnungen mehr in sogenannten szenekiezen gibt (siehe den neusten artikel zum wohnungsmarkt in der taz). und am ende müssen alle gehen, die nicht genug geld haben, auch die kreativen. ich halte das für eine ziemlich einseitige, wenig innovative aber in allen städten um sich greifende entwicklung, die es sich lohnt, aufzuhalten.

  • 14.03.2010 21:41 Uhr

    von Max:

    Ich stimme dem Verfasser zu, wenn er meint, es dürfe nicht um "entweder Ghetto oder Szeneviertel" gehen und auch, dass es gilt, positive Ansätze stärker zu betonen, wenn es um Stadtentwicklung geht. Aber was soll der Versuch, die Debatte um Gentrifizierzung künstlich zu entschärfen? Diese Entwicklung bzw. dieses Problem (imho) existiert nun mal, und davor kann man nicht die Augen verschließen, wie es der Autor hier bewusst oder unbewusst tut.

    Aussagen wie

    "Die Ware Wohnen ist zwar teurer geworden - aber eben auch hübscher."

    "Die soziale Schere in vielen Quartieren geht nicht deswegen auseinander, weil die Besserverdienenden endlich ihre Lofts bekommen. Im Gegenteil: Viele machen für ihre Traumwohnung eine preiswertere Wohnung frei."

    "Was, bitte, ist daran falsch, leerstehende Geschäfte an Künstler zu geben?"

    zeugen vom fehlenden Problembewusstsein des Autors.

    Niemand hat etwas dagegen, wenn wohnen "hübscher" bzw. angenehmer wird. Aber es muss für alle erschwinglich sein/werden(haha). Die Wohnung, die Besservierdienende für ihre Loft verlassen - wahrscheinlich ohnehin teuer genug - wird dadurch auch nicht billiger, im Gegenteil, die Mieten dort und anderswo steigen weiter.

    Es ist nur richtig, wenn lehrstehende Gebäude/Geschäfte genutzt werden, die Frage ist, in welchem Interesse.

    Dass erschwinglicher Wohnraum im Zuge der Aufwertung von Vierteln/Quartieren/Kiezen immer knapper wird und somit soziale Segragation befördert, gibt eben nicht nur schmissige Schlagzeilen her, sondern ist ein ernsthaftes Problem, das durch Schönreden nicht verschwindet.

    Und ja, ich gehe auch gern in "Szenekneipen", aber ich möchte mir z.B. dort auch in zwei Jahren noch ein Bier leisten können, ohne dass sich mein Einkommen verdoppeln muss. Viele Menschen können das bei Preisen zwischen 2,50 und 4 euro jetzt schon nicht.

    Nicht der Gedanke der "Aufwertung" bzw. Veränderung von Kiezen ist verkehrt, sondern der Gedanke, daran zu verdienen.

  • 14.03.2010 20:53 Uhr

    von ganz weit im westen:

    na, das wüßte ich aber, daß es auf dem dorf grabesruh und abstinenz von kindergeschrei hat, ist doch gerade der ländliche bereich oftmals rückzugsgebiet der famielien im zeichen des suburbanismus sowie -und das wird evtl. gerne vergessen- autochthoner bevölkerung, die der familinebildung zuneigt und die bildungsmigration nicht oder nur eingeschränkt mitmacht.
    natürlich ist das kein überall anzutreffender zustand, aber die aossiziation von dorf mit stille kann bei einigen typen als fitkion entlarvt werden. dazu gibt es vom bösen bertelsmann auch ne untersuchung zur demographischen entwicklung bis hinunter auf ortsebene.

    es stimmt, das neben den z.b. von dangschat eindringlich geschilderten lebensstilkonflikten und damit einhergehnder sozialräumlicher segregation, die verantwortlichkeit des einzelnen gerne vergessen wird, jedoch setzt verantwortliches handeln neben schlichter bereitschaft auch die erkenntnis, selber teil(nehmrIN) des problems und beitragendEr zur lösung zu sein.
    wie leite ich eine critical mass auf diesen weg und in welchem zeitlichen horizont, gemessen an den problemen, kan ich da agieren?
    hierzu erbitte ich mir auch ein paar weihevolle gedanken, herr rada, denn genau hierin liegt nicht nur die regierende politische einfallslosigkeit sondern eben auch auf wissenschaftlicher eben ein weites schweigen, sieht man mal von maßnahmen die dem programm "soziale stadt" ab, an dem es sicherlich auch einige kritik zu äußern gibt (ich erinnere mich da an einen letztlich totalverriß im rahmen einer universitären seminardiskussion...da ging die post ab allzu bekannten problemstellen ab, stichwort: soziale feuerwehr).
    wie kann auch -angesichts der richtig geschilderten arbeitsmarktsituation- auf mikroebene hier etwas bewegt werden durch sowas wie bürgersinn, ohne in prekär-sackgassen zu laufen (stichwort haushaltsnahe dienstleistungen)?
    kann mehr als bewußtes konsumieren auch unter diesem aspekt (sarrazin´s gemüsehändler statt discounter) geleistet werden?
    wie kommuniziert man das in die köpfe???

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