Wir sind nicht in einem absoluten Sinne objektiv

Das Ideal der Selbstaufklärung

Kommentar von PETER MONNERJAHN

Kurz vor Ende der Fußball-WM in Südafrika veröffentlichte die Zeit ein Interview mit dem Manager der deutschen Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff. Die Fragen waren - wie leider so häufig - belanglos und reichten von "Streiten Sie sich eigentlich gerne?" bis zu "Was halten Sie von der Bild-Zeitung?". Und doch war dieses Interview etwas Besonderes, denn es fehlten alle Antworten Bierhoffs.

Was war passiert? Der DFB und Bierhoff hätten, so lautete die Erklärung, die Veröffentlichung des Interviews "im Nachhinein untersagt". Was für Außenstehende absurd klingen mag, heißt im journalistischen Fachjargon nüchtern "Autorisierung". Das Versagen einer Autorisierung ist kein Einzelfall - im Gegenteil, wie die Zeit zugab: "Oft werden dann gerade die Textstellen gestrichen, die interessant oder kontrovers sind." Wohlgemerkt: nicht vom Journalisten. Sondern von dem, der vermeiden will, dass die Öffentlichkeit erfährt, was er gesagt hat.

align="center"> Einer, dem die Worte fehlen

Sich, wie im Fall Bierhoff, selbst ernannten Autoritäten zu unterwerfen ist nicht nur ein Beispiel für offensichtliche Abhängigkeit, sondern ganz im Kant'schen Sinne für "Unmündigkeit". Läge deren Grund dann auch noch - statt im Mangel an eigener Urteilsfähigkeit - tatsächlich in einem "Mangel der Entschließung und des Mutes", so hätten unsere Medien offensichtlichen Bedarf an Aufklärung.

Der Emanzipierungsprozess der Aufklärung besteht im kritischen Hinterfragen gerade auch der eigenen Vorurteile. Sich des eigenen Verstandes bedienen heißt: sich menschliche Fehlbarkeit, Verführbarkeit und manchmal auch Mutlosigkeit bewusst machen. Die Krux: Wir können kaum mehr erreichen, als uns diese Dinge möglichst konsequent aktiv bewusst zu "machen". Journalisten haben hier eine doppelte Verantwortung: Nicht nur sollen wir uns selbst unseres eigenen Verstandes bedienen, sondern damit auch der Öffentlichkeit eine unabhängige Meinungsbildung ermöglichen. Geschieht Ersteres schon nicht, ist Letzteres eh unmöglich.

In den Medien ist das Äquivalent zur Kant'schen Mündigkeit die journalistische Unabhängigkeit. Hierzu zählen auch die sogenannten "Regeln" der Ausgewogenheit und Objektivität - leider ist es mit diesen aber nicht allzu weit her.


				PETER MONNERJAHN

Peter Monnerjahn ist freier Journalist und lebt in Berlin. Er promoviert derzeit an der Freien Universität im Fach Philosophie zu Karl Poppers "Open Society". Daneben arbeitet er als Dozent und Trainer. Mehr hier. Foto: privat

Der größte Trugschluss ist die Vorstellung, über diese Eigenschaften verfüge man als Journalist per se. Tatsächlich ist es niemandem möglich, absolut objektiv zu sein - frei von Vorurteilen und Vorstellungen. Und eine "absolute" Ausgewogenheit wird kaum einem Thema gerecht, da es in aller Regel mehr und weniger vernünftige Vorschläge und Argumente gibt, die es abzuwägen gilt. Das Bewusstsein davon ist entscheidend.

align="center"> Handlanger der Regierung

Wohin eine absolut verstandene Objektivität führen kann, zeigt ein Blick in die USA - zur Debatte über die als "Waterboarding" bezeichnete Foltertechnik, die George W. Bush in seinen Memoiren erst jüngst wieder verteidigt hat. Vor wenigen Monaten wies eine Harvard-Studie nach, dass renommierte US-Zeitungen das "Waterboarding" just ab dem Moment nicht mehr als "Folter" bezeichneten, als erste Fälle davon aus Guantánamo bekannt wurden. Die New York Times zum Beispiel bezeichnete bis 1999 in gut 80 Prozent aller Fälle (44 von 54 Fällen) Waterboarding als Folter, von 2002 bis 2008 aber nur noch in 2 von 143 Fällen.

Der Chefredakteur der New York Times, Bill Keller, verteidigte dies damit, dass die Regierung Bush die Bezeichnung "Folter" zurückgewiesen habe, seine Zeitung also Partei gegen die Regierung ergriffen hätte, wäre sie bei der Bezeichnung "Folter" geblieben. Ähnlich äußerte sich der für Sicherheitsthemen zuständige leitende Redakteur der Washington Post: "Als die Regierung bestritt, dass es sich um Folter handelt, haben wir entschieden, das Wort nicht mehr zu benutzen."

Dass man sich damit zu willigen Handlangern derer macht, über die man eigentlich kritisch berichten sollte, scheint man hier nicht zu sehen. "Ausgewogenheit" kann doch nur bedeuten, vernunftgeleitet abzuwägen - andernfalls öffnet man der Weiterverbreitung von Regierungspropaganda Tür und Tor.

Gleiches gilt auch für den Umgang mit Wikileaks, der Plattform für Enthüllungen aller Art. Die offizielle Linie gegenüber der Veröffentlichung von etwa 400.000 als geheim eingestuften US-Protokollen aus dem Irakkrieg lautete: Es gebe "nichts Neues" zu lesen, die Enthüllungen seien illegal (und Herausgeber Julian Assange sei eh paranoid) und würden das Leben von Zivilisten und Soldaten gefährden.

align="center"> Wie man Argumente abwägt

Die Frage ist hier: Was für Informationen könnten uns dazu verleiten, zu einem anderen Urteil zu kommen? Ist es "neu", dass die ehemalige Büroleiterin der Washington Post in Bagdad, Ellen Knickmeyer, dank Wikileaks belegen kann, dass hochrangige US-Militärs der Weltöffentlichkeit die Hucke voll gelogen haben? Ist es relevant, wenn Anschuldigungen gegen Assange genauso aussehen wie die damalige Rufmordkampagne gegen den Enthüller der "Pentagon Papers", Daniel Ellsberg? Ist es relevant, dass Politiker und Militärs zwar überall damit zitiert werden, dass Enthüllungen Leben gefährden - aber beiläufig zugeben, dass es dafür keinerlei Belege gibt -, anders als für die Tötung von weit mehr als 100.000 Zivilisten im Irakkrieg? Oberflächliche Bestätigung zu suchen macht noch keine objektive Berichterstattung aus: Der Schlüssel dazu sind schlagkräftige Gegenargumente.

"Objektivität" kann also nur heißen: sich vorhandene Vorurteile aktiv bewusst machen und explizit offen sein für Fakten und Argumente, die eine Meinungsänderung veranlassen würden. Nur so lässt sich dem Ideal unabhängiger Medien nahe kommen. Wir sind nicht in einem absoluten Sinne ausgewogen, sondern legen unsere vernunftbasierten Maßstäbe offen. Wir sind nicht in einem absoluten Sinne objektiv, sondern gehen ehrlich mit unseren unvermeidbaren Vorurteilen um und beugen uns guten Argumenten und neuen Erkenntnissen. Und wir wissen, dass wir in Themen, Perspektiven, Wortwahl und vielem anderen immer eine subjektive Auswahl treffen - dies aber im Dienste der Gesellschaft und ihrer Ideale.

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