Die Mauer war weg. Die Ausreise aus der DDR vollbracht. Aber wie weiter? Notizen aus dem völlig überfüllten Notaufnahmelager in Berlin-Marienfelde. von Barbara Bollwahn
Danke für diesen tollen Artikel zum Thema Ausreise. So wird Geschichte erst anschaulich! Ich habe einen Literaturtipp für alle Interessierten:
Bindig, Belinda: „Vorher war alles gut, alles normal – und dann ist man halt aussätzig“ Der Umgang mit Ausreisenden in der DDR. In: Blask, Falk/Bindig, Belinda/Gelhausen, Franck (Hrsg.): Ich packe meinen Koffer. Eine ethnologische Spurensuche rund um OstWest-Ausreisende und Spätaussiedelnde, Berlin: Ringbuch Verlag 2009, S. 17-33, ISBN 978-3-941561-01-4
Ein wirklich schönes Buch von jungen interessierten Studenten, die mit Zeitzeugen gesprochen haben. In dem Buch gibt es auch noch einen Beitrag, der von dem umgekehrten Weg - also EINREISE in die DDR - handelt (Denise Schwesig).
Liebe Grüße, Ruth
15.11.2009 13:04 Uhr
von ole:
Der Rucksack Sachse hat es geschafft. Er betreibt in Jackson, Wyoming ein kleines Restaurant mit thüringischer und sächsischer Küche. Nebenher hat er noch einen kleinen Laden, in welchem er, meist aber seine Frau Cynthia erzgebirgische Schnitzkunst und Weihnachtsutensilien sowie die Original Crottendorfer Räucherkerzchen an den Tourist und Amerikaner bringen. Sein Restaurant zählt heute zu den absoluten Gourmettipps in Amerika. Für viele Besuchergruppen des nahegelegenen Yellowstone ist ein Abstecher schon Pflichtprogramm. In gemütlicher Runde, bei einem köstlich-sächsischen Pils erzählt er den Touristen von seinen Abenteuern in der ehem. DDR, von Tempo-Linsen und der Beschaffung von Bohnenkaffee, dem 1:33 Gemisch der qualmenden Pappen und seinen ersten BASIC Versuchen am KC85/3 aus der mühlhausener Computerschmiede, von all den wichtigen Funktionären in den Büros der Kombinate mit ihren ewig grauen Anzügen und ewig dummen Parteisprüchen. Und an schönen Sommerabenden sitzt er oft mit seiner Frau Cynthia vor'm Haus, wirft einen Blick in die faszinierende Landschaft, lauscht den Schreien paarungswilliger Rotluchse und denkt sich: Nur gut, daß damals keiner mitkommen wollte.
Günther ist mittlerweile im Ruhestand. Er hatte noch viele derartige Fahrten unternommen. Nach der Wende hatte er sich dann selbstständig gemacht. Heute leitet sein Sohn die Geschäfte des kleinen Taxiunternehmens. Günther und seine Frau Erika haben sich in der Leipziger Seenlandschaft, welche aus den ehemaligen Braunkohlelöchern hervorging ein kleines, schickes Häuschen gebaut. Noch heute denkt er gerne an diese Zeit im Jahre 1989. An die über 100 Fahrten nach Berlin und die merkwürdigen DDR-Bürger, die ihr erspartes Westgeld dafür hergaben. Seine letzte Berlinfahrt machte er ohne Fahrgast. Er fuhr zum Alexanderplatz. Dort gab es inzwischen einen kleinen, feinen Devisenschwarztausch. Bei dem ihn schon bekannten und befreundeten Vietnamesen Hung tauschte er das Westgeld zum Vorzugskurs von 1:11 in DDR-Mark um. So ararbeitete er sich quasi in wenigen Tagen durch seine Fahrten eine schöne Stange Ostmark, die er später gleichmäßig auf die Konten und Sparbücher der Verwandtschaft, Kinder, Eltern und Schwiegereltern verteilte und so bei der Währungsunion 1990 den Umtauschkurs von 1:1 maximal ausschöpfen konnte. Und auch die 1:2 Beträge oberhalb der festgelegten Grenzen ergaben noch ein stattliches Sümmchen.
Das Schicksal der anderen Personen ist unbekannt.
10.11.2009 16:03 Uhr
von Ein Kieler Matrose von der Volksmarinedivision:
Bei genauer betrachtung der historischen entwicklung müsste im öffentlichen gedenken und in der erinnerung eigentlich ein bogen geschlagen werden von der Oktoberreform und Novemberrevolution des jahres 1918 - stichworte: rekonstituierung und reform des reichstages vom 3. Oktober 1918 an, Kieler Matrosenaufstand am 4. November, Proklamation der Deutschen Republik und der Freien Sozialistischen Republik durch Philipp Scheidemann (SPD) und Karl Liebknecht (USPD) am 9. November 1918 - über das versagen der bürgerlichen eliten 1933 und die Reichspogromnacht 8./9. November 1938 bis hin zur Berliner maueröffnung am 9. Nov. 1989, welche Europa symbolisch wiedervereinigte. Diese daten stehen in einem zusammenhang und dürfen nicht isoliert voneinander betrachtet werden. Ein fragmentiertes gedenken und eine fragmentierte erinnerung, wie es die bundesregierung gestern wieder vor dem Brandenburger Tor zelebriert hat, wird der geschichte nicht gerecht. In Großbritannien und Nordamerika wird dieser tage des endes des Ersten Weltkrieges in form des Remembrance Days, der 11. November 1918 (!), sowie der millionen opfer von krieg und genozid, gedacht, während Merkel-Deutschland wie gewohnt nabelschau betreibt, sich in verdrängung übt und den karneval einläutet. Das ist pietätlosigkeit und geschichtsklitterung in reinkultur! Ich schäme mich für diese miserable deutsche regieleistung!
08.11.2009 23:54 Uhr
von SPD-Mitglied:
So einen Artikel kann nur ein ewig gestriger Schreiben, der noch immer nicht erkannt hat, dass der Sozialismus eine falsche Fiktion war. Man muss wohl alle Register ziehen, um die Wende auch jetzt noch schlecht zu schreiben. Vielleicht hilft dem Autor ja eine kleine Reise nach Nordkorea seinen Realitätssinn aufzubessern. Ach ich vergaß, da kommt man ja genau so schlecht rein, wie früher aus dem real existierenden Sozialismus heraus?
Leserkommentare
01.02.2011 14:59 Uhr
von Ruth:
Danke für diesen tollen Artikel zum Thema Ausreise. So wird Geschichte erst anschaulich!
Ich habe einen Literaturtipp für alle Interessierten:
Bindig, Belinda: „Vorher war alles gut, alles normal – und dann ist man halt aussätzig“ Der Umgang mit Ausreisenden in der DDR. In: Blask, Falk/Bindig, Belinda/Gelhausen, Franck (Hrsg.): Ich packe meinen Koffer. Eine ethnologische Spurensuche rund um OstWest-Ausreisende und Spätaussiedelnde, Berlin: Ringbuch Verlag 2009, S. 17-33, ISBN 978-3-941561-01-4
Ein wirklich schönes Buch von jungen interessierten Studenten, die mit Zeitzeugen gesprochen haben. In dem Buch gibt es auch noch einen Beitrag, der von dem umgekehrten Weg - also EINREISE in die DDR - handelt (Denise Schwesig).
Liebe Grüße,
Ruth
15.11.2009 13:04 Uhr
von ole:
Der Rucksack Sachse hat es geschafft. Er betreibt in Jackson, Wyoming ein kleines Restaurant mit thüringischer und sächsischer Küche. Nebenher hat er noch einen kleinen Laden, in welchem er, meist aber seine Frau Cynthia erzgebirgische Schnitzkunst und Weihnachtsutensilien sowie die Original Crottendorfer Räucherkerzchen an den Tourist und Amerikaner bringen.
Sein Restaurant zählt heute zu den absoluten Gourmettipps in Amerika. Für viele Besuchergruppen des nahegelegenen Yellowstone ist ein Abstecher schon Pflichtprogramm. In gemütlicher Runde, bei einem köstlich-sächsischen Pils erzählt er den Touristen von seinen Abenteuern in der ehem. DDR, von Tempo-Linsen und der Beschaffung von Bohnenkaffee, dem 1:33 Gemisch der qualmenden Pappen und seinen ersten BASIC Versuchen am KC85/3 aus der mühlhausener Computerschmiede, von all den wichtigen Funktionären in den Büros der Kombinate mit ihren ewig grauen Anzügen und ewig dummen Parteisprüchen.
Und an schönen Sommerabenden sitzt er oft mit seiner Frau Cynthia vor'm Haus, wirft einen Blick in die faszinierende Landschaft, lauscht den Schreien paarungswilliger Rotluchse und denkt sich: Nur gut, daß damals keiner mitkommen wollte.
Günther ist mittlerweile im Ruhestand. Er hatte noch viele derartige Fahrten unternommen. Nach der Wende hatte er sich dann selbstständig gemacht. Heute leitet sein Sohn die Geschäfte des kleinen Taxiunternehmens. Günther und seine Frau Erika haben sich in der Leipziger Seenlandschaft, welche aus den ehemaligen Braunkohlelöchern hervorging ein kleines, schickes Häuschen gebaut. Noch heute denkt er gerne an diese Zeit im Jahre 1989. An die über 100 Fahrten nach Berlin und die merkwürdigen DDR-Bürger, die ihr erspartes Westgeld dafür hergaben.
Seine letzte Berlinfahrt machte er ohne Fahrgast. Er fuhr zum Alexanderplatz. Dort gab es inzwischen einen kleinen, feinen Devisenschwarztausch. Bei dem ihn schon bekannten und befreundeten Vietnamesen Hung tauschte er das Westgeld zum Vorzugskurs von 1:11 in DDR-Mark um. So ararbeitete er sich quasi in wenigen Tagen durch seine Fahrten eine schöne Stange Ostmark, die er später gleichmäßig auf die Konten und Sparbücher der Verwandtschaft, Kinder, Eltern und Schwiegereltern verteilte und so bei der Währungsunion 1990 den Umtauschkurs von 1:1 maximal ausschöpfen konnte. Und auch die 1:2 Beträge oberhalb der festgelegten Grenzen ergaben noch ein stattliches Sümmchen.
Das Schicksal der anderen Personen ist unbekannt.
10.11.2009 16:03 Uhr
von Ein Kieler Matrose von der Volksmarinedivision:
Bei genauer betrachtung der historischen entwicklung müsste im öffentlichen gedenken und in der erinnerung eigentlich ein bogen geschlagen werden von der Oktoberreform und Novemberrevolution des jahres 1918 - stichworte: rekonstituierung und reform des reichstages vom 3. Oktober 1918 an, Kieler Matrosenaufstand am 4. November, Proklamation der Deutschen Republik und der Freien Sozialistischen Republik durch Philipp Scheidemann (SPD) und Karl Liebknecht (USPD) am 9. November 1918 - über das versagen der bürgerlichen eliten 1933 und die Reichspogromnacht 8./9. November 1938 bis hin zur Berliner maueröffnung am 9. Nov. 1989, welche Europa symbolisch wiedervereinigte.
Diese daten stehen in einem zusammenhang und dürfen nicht isoliert voneinander betrachtet werden.
Ein fragmentiertes gedenken und eine fragmentierte erinnerung, wie es die bundesregierung gestern wieder vor dem Brandenburger Tor zelebriert hat, wird der geschichte nicht gerecht.
In Großbritannien und Nordamerika wird dieser tage des endes des Ersten Weltkrieges in form des Remembrance Days, der 11. November 1918 (!), sowie der millionen opfer von krieg und genozid, gedacht, während Merkel-Deutschland wie gewohnt nabelschau betreibt, sich in verdrängung übt und den karneval einläutet.
Das ist pietätlosigkeit und geschichtsklitterung in reinkultur! Ich schäme mich für diese miserable deutsche regieleistung!
08.11.2009 23:54 Uhr
von SPD-Mitglied:
So einen Artikel kann nur ein ewig gestriger Schreiben, der noch immer nicht erkannt hat, dass der Sozialismus eine falsche Fiktion war. Man muss wohl alle Register ziehen, um die Wende auch jetzt noch schlecht zu schreiben. Vielleicht hilft dem Autor ja eine kleine Reise nach Nordkorea seinen Realitätssinn aufzubessern. Ach ich vergaß, da kommt man ja genau so schlecht rein, wie früher aus dem real existierenden Sozialismus heraus?