Cohn-Bendit über Bürgerproteste
"Emotionale Radikalität ist faszinierend"
Für Daniel Cohn-Bendit kämpfen die Bürger in Stuttgart nicht nur gegen einen Tiefbahnhof. Die Landtagswahl im März könne eine Zäsur der deutschen Nachkriegsgeschichte werden, sagt er.von Peter Unfried
Leserkommentare
13.01.2011 15:37 Uhr
von Autofreier:
Na endlich kommt Cohn Bendit zu wort, der hat noch gefehlt!
Wieder einer der meint, es ginge gar nicht um den bahnhof, sondern ...
Sondern natürlich um die sache, für die er steht. In wahrheit haben die leute alle für Cohn-Bendit demonstriert, klar.
Und dann dieser satz:
"Das allerdings könne im Zusammenhang mit Bau oder Nichtbau des Bahnhofs für einen künftigen grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann ein Problem werden: "Genau diese emotionale Radikalität ist auch die Sperre zu einer rationalen Verarbeitung.""
Aha. Wenn nach der wahl die Cohn-Bendit-partei etwas zu sagen hat wird es also heißen:
Leute, uns bleibt nichts anderes übrig als S21 zu bauen. Aber dass ist ja nicht so schlimm, denn ihr wart ja eigentlich nicht gegen diesen bahnhof, sondern wolltet nur etwas weniger gobalisierung. Sperrt euch nicht einer rationalen verarbeitung, hört mit euren protesten auf, wir werden bei den S21-ausschriebungen regionale unternehmen bevorzugen, damit es etwas fürs heimatgefühl gibt.
Und dass Cohn-Bendit sowieso schon immer für die marktwirtschaft war hat schon ein anderer herausgearbeitet, der mal eine Cohn-Bendit aussage auf die schippe genommen hat, wonach Cohn-B. meinte, wenn er damals bei Renault den arbeitern einen wink gegeben hätte, hätte es in Frankriech eine kommunistische revolution gegeben.
Warum er den wink nie gab, hat Cohn-Bendit nicht gesagt.
10.01.2011 08:55 Uhr
von Volker Vonnsen:
Der alte Mann blickt es nicht mehr.
"Damals sei der Antrieb Angst vor der Wiederkehr des Faschismus gewesen, heute sei es "Angst vor der Globalisierung und der Modernität"
Zu den angeblich alten Ängsten enthalte ich mich mal, da zu jung. Zu den angeblichen heutigen Ängsten sage ich, dass C.-B. lieber seine Karriere im Kindergarten hätte pflegen sollen.
Angst sehe ich draußen nicht, sondern eher Zorn. Zorn auf sich in den letzten 20 Jahren entwickelte Strukturen, die Menschen nur noch als "Human Capital" sehen. Zorn auf Ausbeutung. Keine Angst vor dem Modernität. Dieser Zorn wird hoffentlich auch solche Typen wie C.-B. möglicst bald wegfegen.
09.01.2011 18:21 Uhr
von scheherazade:
den Satz mit der Überanstrengung, Abgabe der Freiheit, um wieder Ruhe zu haben, finde ich durchaus treffend. Genau das fühle ich momentan in meiner Arbeit und dem Ganzen nebenher. Ich kann vielem nicht mehr folgen, weil ich mich ständig auf dem Laufenden halten muss bzgl. der Arbeit und was die Kollegen so machen.
09.01.2011 17:26 Uhr
von Ludwig Erhart:
@Yakuza
Sie verwechseln das nicht. Er war mal Kinderbetreuer.
09.01.2011 15:00 Uhr
von Füssig:
Aha,
Ehekrach im grünen Lager.
Den S21 Gegnern wird noch ordentlich die Kinnlade
runterfallen.
09.01.2011 12:18 Uhr
von hto:
"Damals sei der Antrieb Angst vor der Wiederkehr des Faschismus gewesen, ..."
Meine Güte, der spinnt sich "radikal" einen Unsinn zurecht, eben auch nur gutbürgerlich-gebildete Suppenkasper-Emotionalität!?
09.01.2011 11:46 Uhr
von Claus Carstensen:
Sehr richtig. Und das Schöne ist, daß die Schicksalswahl in Ba-Wü direkt die erste ist. Und wenn da tatsächlich Schwarz-Geld ihre Quittung bekommen, dann werden die folgenden Wahlen eventuell ihre Götterdämmerung :)
09.01.2011 08:39 Uhr
von Kerzenlicht:
Ich halte das alles für Quatsch. Die Bürger wollte die Bäume in ihrem Park erhalten und eine Entscheidung überihre Köpfe hinweg reviedieren. Sie wollen einfach wieder mehr Demokratie. Und dass die Linke nicht erkannt hätte, dass außer sozialer Politik auch ökoligische Politik unumstößlich ist und deswegen im politischen Abseits stände, kann nur Wunschdenken von Herrn Cohn-Bendit sein. Die LINKE vertritt ökologische Politik mindestens genauso vehement und teilweise kompromissloser, als die Grünen.
09.01.2011 06:45 Uhr
von michael dreyer:
Welcher Philosoph steht jetzt bitte mal den Grünen bei? Die Chance der neuen Sache, sofern sie eine ist, läge doch in jener geistigen Emanzipation von der Opferrhetorik, der Geschichte, die uns Recht gibt und all das. Die Subjektpolitik der Grünen ist und war dazu ganz und gar nicht prädestiniert. Es ist von DCB schon richtig erkannt, dass in Stuttgart etwas qualitativ Neues im Gange ist. Wir Veteranen der "undogmatischen Linke" könnten heute darin durchaus Elemente entdecken, die den Kernaussagen italienischen Autonomia, Bifo und Guattari nahekommen. Aber eben nur Elemente, die wohl eher Farce und nicht Geschichte sein werden, und die Akteure biswielen tragen dazu bei. Auch ist die Idealisierung der Vergangenheit stets ein Problem der mangelnden Reflexion von Historizität - auch der eigenen Position darin. DCB selbst hat um 1968 und danach eine nicht unproblematische Rolle gespielt. Er war immer nur ein wenig der Situationist und ein wenig der Denker. Das Problem aber bei der Wahrnehmung der jetzigen Chance einer Revolte, wie derjenigen in Stuttgart und anderswo, ist die unsouveräne und untertheoretisierte Wortführerschaft der Grünen selbst, deren Stimmenanteil in dem Artikel auf 30 % angesetzt wird. Erstens sind sie bereits wieder unter 20 %. Es dann sind auch nur wenige Grüne "links" in einem neuen, also zeitgenössischen, ausgebildeten Sinn, denn das zu sein bedeutet auch die den Alltag transzendierende Lektüre des Zeitgeschehens, und die der entsprechenden Theorie. Wenn wir uns die Äußerungen vieler der Exponenten der Grünen derzeit anhören, dann zweifeln wir an deren theoretischer und kultureller Informiertheit. Alleine einen Kraftausdruck richtig zu plazieren ist eine rhetorische Kompetenz, die immer eine Quäntchen mehr zur Abgrenzung tendiert und ein Quantchen weniger zur Kränkung und Gekränkheit. Cem Özdemir und Claudia Roth bemühen sich viel zu oft, einer Volksseele, die es gar nicht mehr gibt, eine uns alle alarmierende Stimme zu geben ("Mappus wollte Blut sehen", skandalisierte CÖ kurz nach dem 30.9. - damit macht man es zu Guttenberg einfach, einen guten Witz zu machen) Winfried Kretschmann immerhin. Ihm traut man scharfes Denken nicht zu, zu Unrecht. Wir alle hoffen, dass seine philosophische Verschmitztheit die Oberhand gewinnt vor der Opferrhetorik und Geschichtsidealisierung fast aller seiner Parteigenossen.
09.01.2011 01:02 Uhr
von linsenspaeller:
Faszinierend ist vor allem diese bourgeoise Kaste der Selbstverwirklichungsenthusiasten, die ihre Fenster mit kommunardischen Phrasen übernagelt und ihre Haustüren mit dem Müll aus vierzig Jahren kritischer Gegenwartsverleugnung verbarrikadiert haben. Damit niemand durch Bilder von Hummer und Kaviar abgelenkt wird von den ideologischen Blasen, die sie fortwährend aufsteigen lassen. Und die treue Gemeinde der Asketen, die nach diesen Blasen hungern, scheint nie satt zu werden. Noch am Grab wollen sie ihren Helden loben, das Fußvolk der Revolution wird sich immer für zu anständig halten, danach zu fragen, was der Meister wirklich und tatsächlich Nützliches in seinem Leben vollbracht hat. Es ist ein Jammer, daß man nicht allen Menschen so ein Dasein schenken kann. Ja, in diesem Punkte gebe ich ihm recht. Aber vielleicht ist es ja auch ein Segen.
Wo wären wir denn, wenn sich jeder, der zu einem miesen Job verdonnert wird, in vier Sprachen auf seine besondere Intelligenz herausreden könnte? Es gibt keinen größeren Horror als eine multikulturelle Welt voller Cohn-Bendits. Zugegeben, er ist ein Alpha-Charakter, ein geborener Anführer, aber einer von jener Sorte, die es den Nachgeborenen überlassen, festzustellen, ob sie sich geirrt haben könnten. Auf solche sind wir sensibilisiert. Die uns ihre trüben Ahnungen als Wissenschaft verkaufen wollen, ihre Verschlagenheit als Diplomatie und ihre privilegierte Herkunft als Bescheidenheit. Was grüne Experimente mit Sicherheit zur Folge haben werden, sind Rechnungen. Und die Cohn-Bendits werden in ihren wohltemperierten Mittelmeerschlößchen noch fröhlich darauf anstoßen, wenn uns die Schulden längst über den Kopf gewachsen sind. Dann lieber ein richtig schlüssiges Feindbild, auf das man hemmungslos draufhalten kann.
08.01.2011 23:10 Uhr
von bauagent:
Cohn-Bendit im Tandem mit Joschka gehörten schon immer der Fraktion der Dampfplauderer an. Viel reden, wenig Inhalt transportieren.
Heutzutage kommt hinzu, dass der Eine die Großindustrie und Oligarchie darin berät, wie man zulasten der Menschen Produkte und Dienstleistungen am besten an den Mann bringt, der Andere
( Cohn-Bendit ) als gender-mainstreamer und gleichmachendener Globalisierer in der EU daran mitarbeitet, die Menschen in ihrer regionalen Umgebung zu entrechten.
Die Stellungnahmen von Cohn-Bendit in diesem Bericht entlarven ihn ebenso als Günstling einer Oligarchie, wie Fischer, der heute an einstmals kritisierten Strukturen prächtig verdient.
Nur die Futtertröge stehen an unterschiedlichen Standorten.
Was im Moment an Paradigmenwechsel stattfindet, dürfte dieser selbstverliebte politisch schon immer heimatlose geistige Herumtreiber sicher nie erfahren.
08.01.2011 21:31 Uhr
von Ruth Teibold-Wagner:
Lieber Danny - Wie endete 68? Nach der Emotion kam die Ratio - De Gaulle gewann die Wahlen.
Wie wird Stuttgart 21 enden? Auch da wird nach der Emotion die Ratio kommen und - Mappus wird gewinnen.
Nach jedem Rausch kommt die Ernüchterung.
Stimmt´s Danny? :-)
Ruth
(Heidelberg, Baden-Württemberg)
08.01.2011 20:43 Uhr
von Martin:
Es ist bezeichnend, und bei Cohn-Bendit ersehen wir es auch, dass man heute noch von Marktwirtschaft spricht.
Gut, Cohn-Bendit ist kein Ökonom und deshalb sollte er solche unsinnige These nicht aufstellen. Aber das kennen wir ja von Cohn-Bendit.
Eine Marktwirtschaft besteht nur dann, wenn Markt und Gesellschaft im Einklang sind. Bei Ludwik Erhard hatten wir ein zufälliges Wirtschaftswunder, weiter nichts.
Cohn-Bendit bezeichne ich eigentlich als klugen Kopf, dass er aber diese brutale kapitalistische Wirtschaft nicht erkennt, ist recht bedauerlich. Hier hat dieser Mensch doch einige geschichtliche Defizite.
08.01.2011 19:20 Uhr
von alex:
na prima: das volk geht gegen globalisierung und modernität auf die strasse. schön dass das mal jemand sagt, dass darin die tiefe angst vor der moderne verortet ist.
da schließt sich nämlich die front zwischen reaktionären faschoschwaben und veganen-großstadt-indianer. welch unheilige allianz. wo bleibt der aufschrei der intellektuellen und progressiven?
jetzt fehlt nur noch eine selbstkritik der taz und der "grünen" wie sie es denn halten mit modernen gesellschaften. - das dürfte mehr leute interessieren, als der 180. artikel zu asketischen, ökoschnepfen die gegen einen bahnhof ansingen.
08.01.2011 18:43 Uhr
von womue:
Die Richtung, in die eine ganze Gesellschaft gehen soll, bestimmt durch die emotionale Radikalität einer Handvoll Eiferer. Das ist gewiß das Letzte, was uns fehlt. Damit sollte man doch genügend Erfahrungen haben nun. Ich finde, daß selten jemand die Stimmung in den dreißiger Jahren in Deutschland so treffend ausgedrückt hat.
Cohn-Bendit als Chef einer Bewegung der systematischen intellektuellen Arbeitsverweigerung, wenn der ausgerechnet im Ländle der Schaffe-schaffe-Häuslebauer auf 30% kommt, dann geh ich ins Kloster und laß mir ein Schweigegelübde abnehmen.
08.01.2011 18:22 Uhr
von Yakuza:
Ist Cohn-Bendit nicht mal Kinderbetreuer gewesen?
Oder verwechsle ich ihn?
08.01.2011 17:38 Uhr
von Stuttgarterin:
"Die Stuttgarter Bewegung sei eine Mischung aus konservativ und fortschrittlich." Das hat Herr Cohn-Bendit gut erkannt, so empfinde ich das als Stuttgarterin auch. In Stuttgart möchten wir die Heimat und den Kopf-Bahnhof vor der Zerstörung bewahren und die Infrastruktur verbessern, da wo es Sinn macht.
"Genau diese emotionale Radikalität ist auch die Sperre zu einer rationalen Verarbeitung."
Den Satz verstehe ich nicht so richtig. Sind doch alles vernünftige, bodenständige Schwaben hier, die fühlen sich halt von der Politik für dumm verkauft.
Wenn man den Stuttgarter Protest anschaut, sollte man auch an den Widerstand von Whyl, Wackersdorf etc. denken, da gibt es einige Gemeinsamkeiten.
08.01.2011 17:14 Uhr
von c-f:
ich kann nicht erkennen, inwiefern die "anti-s21-bewegung" als ganzes globalisierungskritisch eingestellt sein soll.
solche gesellschaftspolitischen themen wurden doch bewusst aus den bündnissen herausgehalten.
bei allem respekt vor dem engagement dieser menschen, aber ich glaube nicht, dass sich alle Menschen dieser "Bewegung" solidarisch mit armen und/oder ausgebeuteten Menschen zeigen. in dieser konstellation würden sich diese menschen niemals auf einer globalisierungskritischen oder anti-sozialkürzungsdemo treffen.
08.01.2011 16:18 Uhr
von student:
Sehr interessanter Artikel, allerdings hinkt der Vergleich mit 68 schon. Wie Cohn-Bendit selbst sagt, ging es damals um die Auseinandersetzung mit dem Faschismus. Es war ein Konflikgt Nachkriegskinder gegen (ehemalige) Faschisten.
Heute ist die Bewegung generationenübergreifend. Viele Leute haben begriffen dass der internationalisierte Kapitalismus in der jetzigen Form keine nachhaltige Gesellschaftsordnung ist.
Leider gibt es auch immer noch viele einerseits in der von Cohn-Bendit beschriebenen "Sarrazin-Bewegung" die resigniert haben.
Viel schlimmer sind aber diejenigen, die er "vergessen" hat. Und das sind die, die von dem jetzigen System profitieren. Die wenigen, deren Einkommen und Vermögen in den letzten Jahr(zehnt)en stark gestiegen ist.
Diese werden mit aller Macht, die eben auch eine politische ist, gegen die Bewegung vorgehen.