• 18.03.2010

Bürgerrechtler Jens Reich über 1989

"Die SED zersplitterte die Opposition"

Vor 20 Jahren ging die Bürgerbewegung bei den Volkskammerwahlen unter. Der Bürgerrechtler Jens Reich meint: Was folgte, war eine westdeutsche Wahl im Osten.von Stefan Reinecke Und Christian Semler

  • 18.03.2010 16:56 Uhr

    von Wolfgang:

    "Also ich freue mich jeden Tag, dass die DDR untergegangen ist." (Prof. Jens Reich)
    Die ökonomische, geopolitische und militärische Ausdehnung nach Osteuropa hat sich fürs westdeutsche Kapital und NATO gelohnt. Auch persönlich und finanziell für Professor Jens Reich. Auch für Frau Angela Merkel (monatlich mehr als 20.000 Euro), für Frau Vera Lengsfeld und auch für Frau Marianne Birthler. Auch für die Herrn Wolfgang Thierse, Stephan Hilsberg und Joachim Gauck. Zuvor gabs eine gute und kostenlose Ausbildung auf Kosten der Mehrheit der DDR-Bevölkerung in Lohnarbeit.

    Für die ostdeutsche Bevölkerungsmehrheit hat sich die "Freude" über die Übernahme nicht gelohnt! Nicht bei der territorialen Enteignung von mehr als 42.000 Quadratkilometer (alte und neue westdeutsch-gesamtdeutsche Grundeigentümer) und auch nicht bei den künftigen Rentenansprüchen für die ostdeutsche Bevölkerungsmehrheit (Ausnahmen siehe oben etc.).

    Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW-Berlin) hat berechnet, die heute 38- bis 48-Jährigen werden voraussichtlich rund 600 Euro rente erhalten, weniger als "Hartz IV" bzw. weniger als die (noch) gesetzliche Grundsicherung. Für einen Großteil der Menschen in Ostdeutschland (einschließlich Berlin-West), die ab Ende der 2020er Jahre aus dem Erwerbsleben ausscheiden, werde die gesetzliche Rente unter der Grundsicherung von 600 Euro liegen.
    "Freiheit" und "Demokratie" - für Herrn Jens Reich, Frau Merkel, Herrn Thierse und für die Administration des Kapitals! - und die faulen Früchte der "blühenden Landschaften" für die Frauen und Männer in Lohnarbeit?

  • 18.03.2010 12:50 Uhr

    von Fehlerteufel:

    Das gleiche Foto hatte die Zeit neulich für einen Artikel gekauft: nur zeigt es NICHT die Karl-Liebknecht-Str. - was wohl effektiver wäre - sondern die auf die Nikolaikirche (deutlich an der Doppelspitze zu erkennen)zulaufende Grunerstraße, direkt hinterm Roten Rathaus.

  • 18.03.2010 12:49 Uhr

    von Schulz:

    Stimmt, fuer die heutigen Senioren,
    die die Kindheit in der Hitlerdiktatur (ohne freie Demokratie, ohne Meinungsfreiheit, ohne kulturelle Vielfalt, ohne Gleichheit der Andersdenkenden) erlebten,
    ist nach einer ebenfalls diktatorisch gelenkten und diktatorisch arbeitenden (?) DDR
    diese 1989 sogenannte Revolution
    in die BRD muendend,
    wahrscheinlich der einzige positive politische buergerliche Inhalt in der Lebensgeschichte,
    unerwartet, ersehnt, nicht vorstellbar,
    aber geschehen....

    fuer die Generation der damals (20-) 30jaehrigen allerdings eine Enttaeuschung.
    Eine Enttaeuschung nach der anderen Enttaeuschung.
    Nur wir sprechen darueber nicht.
    Nur der Zorn waechst.

  • 18.03.2010 10:15 Uhr

    von claudia:

    >>Das Argument der Kohl-Anhänger lautet: Es gab keine Alternative.<<
    >>Dieser Satz stimmt historisch nie. Der Determinismus, demzufolge es immer genau so kommen musste, wie es kam, hat etwas Armseliges. Es gibt immer Entscheidungsspielräume.<<
    Das ist eine Kernaussage. Entscheidungsspielräume gibt es, und sie werden von jenen genutzt, die Entscheidungsmacht besitzen. In der BRD saßen diese Leute in Bonn. Dort wurde Ende 1989 das „10-Punkte-Progamm” vorgestellt. Und das hatte eben mit Demokratisierung absolut nichts zu tun.
    Im Wesentlichen waren dort die Bedingungen festgelegt, unter denen die DDR eine BRD-Provinz werden sollte:
    Grund&Boden in Privatbesitz, Privatisierung der Produktionsmittel, soweit für Übernehmer profitabel. Nix runde Tische, keine neue Verfassung mit dem Recht zu Volksinitiantiven und Volksabstimmung. Unter „Demokratisierung” hat man die Herrschaft von Bonzen&Banken nach BRD-Muster zu verstehen, mit den BRD-typischen blumigen Worthülsen umschrieben. Basta.
    Konnte man nicht im Frühjahr lesen, dass sich unter die Montagsdemonstranten Leute mit Megaphonen mischten, die den Ruf: „Wir sind !das! Volk” übertönten mit „wir sind !ein! Volk”? Die kamen aber nicht von der Stasi Ost.
    Das „Neue Forum” war für die Übernehmer aus der BRD ein Störfaktor, Feinde des Big Business, weiter nichts.
    Nach der Grenzöffnung fielen westdeutsche Immobilienspekulanten, Betrüger und Geschäftchenmacher in wahren Heerscharen in die DDR, als Vollstrecker der deutschen Einheit nach Bonner Muster.
    Viele Bürger, aber auch Gemeinden der DRR waren bis zum Oktober 1990 schon schwer BRD-geschädigt.
    Darüber haben ja Zeitungen der BRD in der ersten Jahreshälfte durchaus ab und zu berichtet. Nur war das aus BRD-Sicht eben ein notwendiger „Anpassungsprozeß”.

    Hat damals hier in Westen überhaupt jemand verstanden, was das Neue Forum wollte?
    Ich hatte nicht den Eindruck. Es herrschte ein Rauschzustand, mit psychologischem Geschick von den Bonner Propagandisten & „Bild” inszeniert:
    Endlich müssen die nicht mehr jahrelang auf einen Trabbi warten, sondern können sich West-Gebrauchtwagen andrehen lassen. Endlich gehen die bösen LPG pleite, weil Aldi dort Original West-Tomaten verkloppt.
    Was waren „runde Tische” und Pläne für eine neue demokratische Verfassung gegen die geballte Macht der Kali&Salz AG? Vom runden Tisch direkt zum Hungerstreik, der für Manager nicht mehr ist als eine lästige Mücke: das war der Weg der „Demokratisierung” nach BRD-Muster.

    Der ganze Stolz des guten BRD-Bürgers kann in einem Satz ausgedrückt werden:
    "1989 hatten die da drüben ein paar linke Flausen im Kopf, aber jetzt tanzen sie nach der gleichen Pfeife wie wir!”

    Wahrscheinlich hätten die Bürger der DDR hätten gut daran getan, die Grenzkontrollen im Januar 1990 wieder einzuführen und "Wessis" so lange nicht ins Land zu lassen, bis sie ihre eigenen Angelegenheiten geregelt hätten. Dann erst auf die BRD zugehen und über einen Vereinigungsprozeß reden, für den man auch ein paar eigene Bedingungen aufgestellt hätte.

    Hinterher ist man eben schlauer. Aber man kann aus den damaligen Vorgängen lernen.

    Ob Stasi Ost oder Stasi West: Wer Basisdemokratie entwickeln will, muß sie auf Distanz halten.

  • 17.03.2010 17:57 Uhr

    von Stev:

    Als Bürgerrechtler begonnen, als Stasi-Aktenverwalter geendet. So kann man allgemein den Werdegang vieler "Ehemaliger" beschreiben (Herr Reich gehört nicht dazu). Zum aktuellen Zeitgeschehen ist von jenen Leuten nichts mit 1989 vergleichbar kritisches mehr zu vernehmen gewesen, z.B. zu Überwachungsstaat, Korruption, Machtmißbrauch usw. Dafür wurden sie mit der Herrschaft über die Akten ruhiggestellt.

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