Bremen: Streit um nicht existenten Betriebsrat

Solidarisch sind nur die anderen

Alnatura-Mitarbeiter beklagen sich über die Kollegen, die wegen der verhinderten Betriebsratswahl an die Öffentlichkeit gegangen sind.

Alnatura ist so sinnvoll für Mensch und Erde wie ein Betriebsrat.  Foto: Ann Kathrin Just

BREMEN taz |Mit der jüngsten Berichterstattung über ihren Arbeitgeber und die verhinderte Betriebsratswahl sind zehn Alnatura-MitarbeiterInnen so unglücklich, dass sie einen Brief geschrieben haben. Zumindest befinden sich zehn Unterschriften unter dem Schreiben, die freilich so unleserlich sind, dass keiner der Namen zu entziffern ist.

Drei der UnterzeichnerInnen geben sich vor Ort in der Filiale Faulenstraße immerhin zu erkennen: Filialleiterin Laura Iskandar, ihr Stellvertreter Sebastian Steinfurth und Sonja B., die als „Tagesvertretung“ bei Bedarf die FilialleiterInnen vertritt und ihren Nachnamen nicht genannt haben möchte.

„Gerne möchten wir“, heißt es in dem Brief, „eine andere Sichtweise des Geschehens aufzeigen.“ Von einem „Shitstorm“ ist da die Rede, von „Behauptungen, die aus Annahmen und Vermutungen bestehen“, von „überspitzten Artikeln“, an denen jene Kollegen schuld seien, die einen Betriebsrat wollten.

Die waren an die Öffentlichkeit gegangen, weil die Wahl eines Wahlvorstandes für die Betriebsratswahl im Oktober gescheitert war: Die Alnatura-Filialleitung soll vorsätzlich und kurzfristig drei zusätzliche KandidatInnen aufgestellt haben mit dem Ergebnis, dass keinEr die erforderliche einfache Mehrheit erhielt. Nun hat das Arbeitsgericht einen Wahlvorstand eingesetzt. Die Filiale in der Faulenstraße wäre nach erfolgter Wahl die zweite von bundesweit 99 Alnatura-Filialen mit einem Betriebsrat (taz berichtete).

„Es gab keine taktischen Spielchen“, sagt Laura Iskandar. „Es gab die drei Kandidaten schon vorher, aber ich habe nicht verstanden, wann ich die aufstellen sollte – das ging alles so schnell!“ Dass sie selbst eine der drei KandidatInnen war, erwähnt sie nicht. Das Vorhaben, einen Betriebsrat zu wählen, sei im Vorfeld weder kommuniziert noch diskutiert worden, sagt sie: „Das hat natürlich für einen Vertrauensbruch gesorgt.“

„Ich brauche keinen Betriebsrat“, sagt ihr Kollege Sebastian Steinfurth. Es gebe Ansprechpartner für die Mitarbeitenden, „das genügt.“ Die Mehrheit der KollegInnen, ist er überzeugt, teile seine Meinung. Auch er bestreitet, dass es „taktische Spielchen“ bei der Wahl gegeben habe. Wie sie aus seiner Sicht verlaufen ist, weiß er allerdings nicht mehr: „Da müsste man noch mal nachschauen, das ist ja auch schon ein bisschen her.“

Er und seine MitunterzeichnerInnen „wollen jedenfalls klarstellen, dass das alles so nicht stimmte, wie es berichtet wurde!“ Großen Schaden habe das angerichtet, von Diffamierungen bei Facebook bis hin zu KundInnen, die schimpften und teilweise nicht mehr bei ihnen einkaufen wollten. Auch stimme es nicht, sagt Steinfurth, dass zwei der 21 Mitarbeitenden versetzt werden sollten, damit nur noch ein einköpfiger Betriebsrat gewählt werden könne: „In der Tat werden zwei Mitarbeiter nach Hamburg versetzt – allerdings auf eigenen Wunsch“, sagt Iskandar.

Sie sei „megaglücklich“

bei Alnatura, sagt

Mitarbeiterin Sonja B.

Kai Wargalla, Mitarbeiterin bei Alnatura und eine der InitiatorInnen für einen Betriebsrat, weiß von dem Brief ihrer KollegInnen genauso wenig wie ihr Mitstreiter Nils Bauer. „Und die reden von mangelnder Kommunikation!“, lacht Wargalla. Beide bleiben dabei, dass die Wahl verhindert worden sei: „Das war eindeutig, und es wurde ja auch im Vorfeld von Seiten der Filialleitung immer wieder betont, dass man nichts von einem Betriebsrat halte.“

Bauer berichtet, dass erst am Montag „ein hohes Tier“ von Alnatura zu Besuch in der Filiale gewesen sei: „Der sagte, er habe gehört, die Mehrheit hier sei ja gar nicht für einen Betriebsrat – es scheint so, als würde kaum jemand verstehen, dass es hier nicht um eine Mehrheitsentscheidung geht.“

Auch Sonja B. versteht das offenbar nicht: „Die meisten hier wollen doch gar keinen Betriebsrat“, sagt sie. Sie selbst habe früher bei Penny gearbeitet, „und da hat der Betriebsrat gar nichts gebracht: Die waren beste Freunde der Geschäftsführung. Und immer, wenn Betriebsratssitzung war, mussten wir die Mehrarbeit machen. Das würde hier auch passieren.“ Sie sei auch ohne Betriebsrat „megaglücklich“ bei Alnatura.

Sie könne, sagt Kai Wargalla, sogar verstehen, dass sich ein paar KollegInnen schlecht informiert fühlten: „Wir haben das schlichtweg aus Angst nicht an die große Glocke gehängt, sondern sind zu Ver.di gegangen und haben offizielle Einladungen verschickt – erst danach ist man rechtlich geschützt.“ Am Tag vor der Wahl habe es dann eine MitarbeiterInnen-Versammlung gegeben, „bei der wir gern jemanden von Ver.di dabei gehabt hätten – das ist uns von den Führungskräften aber verboten worden“, sagt Wargalla. Und auch ein extra angesetzter Info-Termin mit Ver.di sei untersagt worden.

Anders als die Filialleitung habe sie von den KundInnen sehr viel Zuspruch „und große Solidarität“ erfahren. Sie hätten sogar ein Soli-Schreiben von über 750 VHS-LehrerInnen erhalten, das sie gern ausgehängt hätten, „aber Frau Iskandar hat das verboten“.

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