Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Navid Kermani erhält Friedenspreis

Zwischen Politik und Popkultur: Der Kölner Schriftsteller ist ein Beweis dafür, dass es die Figur des engagierten Intellektuellen noch gibt.

Profil von Navid Kermani

An TV-Talkshows nimmt er nicht mehr teil: Navid Kermani. Foto: dpa

Vergangenes Jahr hielt Navid Kermani im Bundestag eine bemerkenswerte Rede zum 65. Jahrestag des deutschen Grundgesetzes. Er lobte nicht nur die schlichte Schönheit dieses Verfassungstextes und deutete nicht nur Willy Brandts Kniefall in Warschau als jene historische Geste, die den Geist der Bundesrepublik verkörpert.

Er bedankte sich auch, im Namen vieler Einwanderer, für die Chancen und Freiheiten, die dieses Land bietet. Doch er sparte auch nicht die dunklen Seiten der bundesrepublikanischen Erfolgsstory aus, Rassismus und Hartherzigkeit, mit denen sich Deutschland heute vor den Flüchtlingen verschließt, die in an die Tore Europas klopfen.

Den Asylbeschluss von 1993 nannte er einen „hässlichen, herzlosen Fleck“ in der Verfassung, von dem er hoffe, dass er spätestens zum nächsten runden Jubiläum verschwunden sein werde. Diese Rede dürfte mit ein Grund dafür gewesen sein, dass der Börsenverein des Deutschen Buchhandels den Schriftsteller in diesem Jahr mit seinem renommierten Friedenspreis ehrt, ein Anti-Pegida-Statement quasi.

„Die Romane und Essays von Navid Kermani, insbesondere auch seine Reportagen aus Krisengebieten zeigen, wie sehr er sich der Würde des einzelnen Menschen und dem Respekt für die verschiedenen Kulturen und Religionen verpflichtet weiß, und wie sehr er sich für eine offene Gesellschaft einsetzt, die Flüchtlingen Schutz bietet und der Menschlichkeit Raum gibt“, heißt es in der Begründung.

Wenn der Preis auf der Frankfurter Buchmesse verliehen wird, darf man sich auf eine leidenschaftliche Liebeserklärung an die Literatur insgesamt freuen, und auf noch mehr. Denn Navid Kermani ist vieles. Kein anderer kann sich so gekonnt und elegant zwischen islamischer Mystik und aktueller Reportage, zwischen Politik und Popkultur bewegen wie er. Er ist auch Beweis dafür, dass es die Figur des engagierten Intellektuellen noch immer gibt. Nur schade, dass er sich vor vielen Jahren entschieden hat, nicht mehr an TV-Talkshows teilzunehmen, denn das Niveau der Debatten dort ist dadurch nicht besser geworden.

Muslimischer Deutscher

Nun steht Kermani als Preisträger in einer Reihe mit Namen wie Susan Sontag und Jürgen Habermas, und Max Frisch. Dass er der erste muslimische Deutsche und der erste deutsche Autor mit Migrationshintergrund ist, der diesen Preis erhält, ist auch ein Zeichen für den Wandel dieser Gesellschaft. Es ist natürlich reiner Zufall, dass die Bekanntgabe der Preisvergabe an ihn ausgerechnet mit dem Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan zusammen fällt, und doch ist es lustig.

In seiner Rede im Bundestag erinnerte Navid Kermani an seine frommen Eltern, die in den Sechzigerjahren nicht als Flüchtlinge, sondern zum Studium aus dem Iran nach Deutschland kamen und geblieben sind, heute zählt ihre Familie 26 Köpfe.

So wie ihnen ging es vielen. Sie „begegne inzwischen so vielen engagierten muslimischen Deutschen, die sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise in diese, unsere Gesellschaft einbringen“, schrieb die syrischstämmige Islamwissenschaftlerin Lama Kaddor am Donnerstag auf ihrer Facebook-Seite.

„Vor fünf bis zehn Jahren hatten wir noch nicht so viele Mitbürger muslimischen Glaubens, die Politologen, Juristen, Polizisten, Familientherapeuten, Psychologen, Unternehmer, Politiker, Journalisten, Studenten, Lehrer, Ärzte, Blogger etc waren“. Und Schriftsteller, Schauspieler, Filmemacher und Künstler, nicht zu vergessen. Einer erhält nun den Friedenspreis.

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