Blogger über Protestformen

Beleidige nicht meine Generation

Unser Autor ist gelangweilt von den Feuilletonkritiken an seiner Generation. Ständig soll sie sich empören. Warum denn?

Occupy-Demonstrant mit Trillerpfeife ruft zu Empörung auf, Frankfurt 2012. Bild: imago/Michael Schick

Empört euch, posaunen die Wortführer! Protestiert richtig, schreien die Lehrmeister! Warum unsere Protestbewegungen keine Früchte tragen, fragen sich Kulturschaffende. Halbherzigkeit und Konzeptlosigkeit sind die Diagnosen. Occupy-Bewegung begann vielversprechend und ebbte ab. Der Arabische Frühling sprühte Hoffnungsfunken, um bald wieder zu verglühen. Was läuft bei uns schief? Rein gar nichts. Im Gegenteil, wir üben uns in Gleichgewicht, um historische Schiefen zu korrigieren.

Was genau wird von uns erwartet, wenn man in den Feuilletons aufschreit: „Empört euch richtig!“? Zwischen den Zeilen beschwört man eine Revolutionsromantik, für die unsere Generation nicht mehr empfänglich ist. 1968, 1918, 1848, alles Jahrgänge, in denen die Jugend mit Eisen und Blut Widerstand leistete, sich richtig empörte. Und wir nehmen unsere Kuscheltiere mit auf die Demo anstelle einer Steinschleuder, schlürfen unsere Cocktails, anstatt Molotowcocktails zu bauen. Warmduscher, Weicheier, Windelträger? Nein! Schüler, die ihre Geschichtshausaufgaben nachholen.

Wir haben gelernt, dass Revolutionen ihre Kinder fressen. Unsere Revolutionen sind samtig, sanft und seidig. Wir wissen, dass Gewalt Spiralen erzeugt. Wir bleiben kompromisslos friedlich. Das heißt aber nicht, dass wir uns nicht empören können. Wir suchen neue Wege, um unserer Wut Ausdruck zu verleihen. Wir besetzen öffentliche Plätze, sammeln Unterschriften, politisieren Graffiti, und erringen am Ende die Freiheit der Tempelhofer Freiheit. Wir sind wohl in der Lage, da hinzugehen, wo es wehtut, ohne jemandem wehzutun. Wir sind Aktivisten des passiven Widerstands.

Warum unterstellt man uns Halbherzigkeit? Weil wir den Zweifel zu einem Grundpfeiler unseres Denkens erkoren haben. Wir zweifeln alles an, was Gefahr läuft, sich schwarz-weiß zu färben. Freund-Feind-Unterscheidung gehört dem letzten Jahrhundert an, wir widmen uns der Freund-Freund-Gleichheit. Ideologien, Religionen und Lehransätze sind ein Teil vom Ganzen. Absolute Wahrheiten bewahrheiten sich nie. Eine einzige Richtung gibt es für uns nicht. Die alte Leier vom neuzeitlichen Menschen, der nach einer klaren Weltanschauung lechzt, ist ausgefranst. Die Kinderschuhe sind zu eng geworden. Das wissen wir.

Rosinenpicken im theoretischen Kuchen

Geschlossene Weltbilder haben ausgedient. Wir sind im Begriff, den Ismen die Allgemeingültigkeit abzusprechen. Ismus ist für uns kein Ist-Muss, sondern ein -Kann. Kapitalismus, Marxismus, Anarchismus, Liberalismus sind nur Teile eines theoretischen Kuchens. Wir picken uns die Rosinen aus. Wir scheuen uns nicht davor, Gedanken verschiedener Denkansätze zusammenzudenken. Wir lieben die „win hoch n situations“. Ein Banker, der Yoga macht, abends persisch isst und Brecht doch nicht so übel findet. Ja! Warum nicht?

Jahrgang 1981, ist Blogger und Poetry Slammer. Er wurde in Karaj (Iran) geboren. 1998 nach Deutschland gekommen. 2003 Abitur in Braunschweig. Ausgebildeter Krankenpfleger. Seit 2009 Studium der Deutschen Literatur und Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin. Sein Blog: leerzeichenblog.wordpress.com.

Wir lassen uns auf Vielfalt ein, selbst wenn Merkel und Sarrazin sie für gescheitert erklären. Althergebrachte Grenzen öden uns an. Eine neue Internationale braut sich zusammen, die sich intuitiv organisiert. Ein Gespenst geht um in der Welt, das tanzt, singt, feiert und lacht. Wir wollen zurück zu den Wurzeln der Menschlichkeit. „Leben, leben lassen und zusammenleben“ heißt unsere Maxime.

Wir wollen die soziale Gerechtigkeit, ohne uns auf Marx berufen zu müssen. Wir sind echte Demokraten, ohne aus Überzeugung wählen zu gehen. Wir sind das politische Spektrum jenseits von links und rechts. Wir werden unsere Ideale zugunsten einer Ideologie nicht verraten. Darum halten wir an flachen Hierarchien fest. Darum geben wir lieber auf, bevor Menschlichkeit in Theorien verpackt wird.

Das ist der Unterschied zu den Generationen vor uns.

Wir sind eins, und doch sind wir viele.

Ihr seid argwöhnisch genug, um diesen Text als zu pathetisch geraten zu belächeln. Ihr seid friedfertig genug, um den Poeten nicht von der Bühne zu prügeln.

Und ich

sage mit geschwellter Brust

Wir.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben