Der Telekommunikationsriese Vodafone müht sich mit einer Großkampagne um Blogger und Twitterer. Die erinnern sich allerdings daran, dass der Konzern Netz-Sperren unterstützte.von BEN SCHWAN

Vodafone schleimt sich an Blogger ran, doch die strecken dem Konzern die Zunge raus - (hier Sascha Lobo im Werbespot). Bild: Screenshot www.esistdeinezeit.de
BERLIN taz | Ist das die Internet-Gemeinde, wie sie sich selbst sieht? Im neuen Werbespot des Telekommunikationsriesen Vodafone, der seit dem Wochenende auf allen Online- und Offline-Kanälen zu sehen ist, treten sehr viele hippe Menschen auf. Der Basejumper mit Handykamera trifft auf den Teenager-Würfelstapler, der einen YouTube-Preis gewonnen hat; die bloggende Mutter mit Kind auf eine für das Web begeisterte Oma. Dazwischen tönt "We can be heroes" von David Bowie aus dem Lautsprecher und eine Einblendung suggeriert, "es ist Deine Zeit".
Was der Konzern, der gerade seine Festnetzmarke Arcor mit der Mobilfunksparte verbandelt hat, in dieser Imagekampagne zu tun versucht, ist die Annäherung an eine offensichtlich neue Zielgruppe. Vodafone nennt sie "Generation Upload", jene Menschen, die auch eigene Inhalte ins Netz hochladen, und bespielt seine Botschaft deshalb seit Anfang der Woche auf allen Social-Media-Kanälen von Facebook bis Twitter und wirbt in Blogs.
Allein, irgendwie kam die laut Schätzungen einen deutlich zweistelligen Millionenbetrag teure Kampagne beim Adressaten nicht recht an. Seit der Bekanntgabe hagelte es an Kritik in Blogs, bei Twitter und in den Facebook-Kommentaren, die Vodafone für seinen Kampagne extra freigeschaltet hat. Ralf Schwartz, ein Werbeveteran, der in seinem Weblog "Mediaclinique" regelmäßig Kampagnen analysiert, sieht in dem Anbiederungsversuch ans Web 2.0 gar ein regelrechtes Desaster: "Bei Vodafone wird nicht mal mehr mit Wasser gekocht, sondern nur noch mit heißer Luft!" Ein phantastischer, überlebensgroßer Marketing- und Authentizitäts-Knall könne nun höchstens sein, die Kampagne einfach einzustampfen. "Das hört sich natürlich für den seriösen Marketer wie absoluter Schwachsinn an, das verstehe ich. Tatsächlich aber wäre es die einzig adäquate Reaktion auf die Geschehnisse der letzten Tage."
Wenig hilfreich dürfte gewesen sein, dass Vodafone im Rahmen seiner Image-Kampagne bislang keine echten neuen Produkte für die Internet-affine Nutzerschaft anbietet. Ein Social-Networking-Programm für Facebook, Twitter und MySpace, wie es sie schon zu Dutzenden gibt, steht als kostenloser Download für Vodafones Google-Handy HTC Magic und Blackberry-Smartphones bereit - das war's. Für das bei der "Generation Upload" sicherlich hoch beliebte iPhone kann Vodafone dagegen keine "App" anbieten, dessen exklusive Rechte liegen in Deutschland nach wie vor bei T-Mobile.
Johannes Kleske, Internet-Stratege und bekannter deutscher Web 2.0-Twitterer, fragte sich in seinem Blog, wie die Pressekonferenz zur Kampagnenvorstellung, die Vodafone letzte Woche unter großem Tamtam via Facebook ins Netz streamte, auch hätte aussehen können. "Wir haben verstanden, dass Sie immer und überall ohne Einschränkungen im Web aktiv sein wollen", lässt er einen imaginären Vodafone Deutschland-Boss in seiner Traumvorstellung sagen, "deswegen handelt es sich bei [unserem neuen Tarif] um eine echte Flatrate. Keine Drosselung bei 5 Gigabyte im Monat oder Ähnliches. Instant Messaging und VoIP sind selbstverständlich erlaubt."
Genau das sind nämlich Dinge, die die "Generation Online" interessiert: Aktuell bietet kein deutscher Mobilfunkanbieter mehr als 5 Gigabyte Datenverkehr im Monat in seinen so genannten Pauschaltarifen mit voller Geschwindigkeit an - das entspricht keinen zwei hochauflösenden Filmen bei iTunes. Auch die immer beliebtere Internet-Telefonie (VoIP) und selbst das der SMS Konkurrenz machende Instant-Messaging sind offiziell verboten, weil sie die Cashcows Sprachkommunikation und Textnachrichten bedrohen. "Man wird ja noch von kundenzentrierten Unternehmen träumen dürfen...", endet Kleskes Posting.
Auch aus anderen Gründen hat Vodafone bei den Internet-Fans nicht gerade einen Stein im Brett: Der Telekommunikationskonzern gehörte laut dem Piratenpartei-Abgehordneten Jörg Tauss zu den ersten Providern in Deutschland, die gegenüber Familienministerin Ursula von der Leyen zu freiwilligen Internet-Sperren bereit waren - und zwar noch bevor entsprechende Verträge oder Gesetze zu der im Netz heiß umstrittenen Thematik auf dem Weg waren. Ein Twitter-User bastelte daraufhin ein Bild, auf dem Internet-Werber und Vodafone-Testimonial Sascha Lobo als Zensoren-Freund zu sehen ist.
Blogger Robert Basic, der im Vodafone-Spot zusammen mit anderen deutschen Internet-Größen im Hintergrund auftritt, meint, er habe es grundsätzlich gut gefunden, dass "die "Randgruppe" Blogger und Twitterer weiter akzeptiert" würde. Zudem habe Vodafone ordentlich bezahlt. Doch am Ende des Tages sieht auch Basic eine ähnliche Problematik wie Kritiker Kleske: "Statt der Werbung zählt für mich das Produktportfolio, die Preise, die Qualität der Angebote, der Service und nicht zuletzt die Zugänglichkeit des Unternehmens dem Markt gegenüber." Was davon Vodafone war machen könne, werde sich erst im Laufe der Zeit zeigen, "wenn sie mehr in Richtung mobiles Internet marschieren".
Im seit kurzem freigeschalteten Vodafone-Weblog gab sich der Konzern unterdessen zahm: "Wenn wir wirklich der Partner der Generation Upload werden wollen, müssen wir auch entsprechende Werkzeuge in Form von Tarifen und Hardware zur Verfügung stellen", schrieb die Pressesprecherin.
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