Bibliothek im Katharinen-Kloster

Ein rares Zeichen der Hoffnung

Die Bibliothek des Katharinen-Klosters auf dem Sinai ist vermutlich die älteste der Welt. Nun ist sie feierlich wiedereröffnet worden.

ein Kloster in einer Geröllwüste

Das Katharinen-Kloster am Fuße des Berges Sinai Foto: imago/Mark Wunsch

BERLIN taz | Die vermutlich älteste Bibliothek der Welt liegt an einem der am schwierigsten zugänglichen Orte der Welt. Zu dieser Bibliothek fährt keine U-Bahn und kein öffentlicher Bus. Erreichbar ist sie nur über eine einsame schmale Straße, die sich von der nächsten Stadt über Stunden durch eine eindrucksvolle, leere Wüstenlandschaft hinzieht. Die Bibliothek gehört dem Katharinen-Kloster, einem griechisch-orthodoxen Kloster, das wie eine Zeitkapsel am südlichen Ende der Sinai-Halbinsel existiert, umgeben von einer muslimischen Welt seit gut 1.500 Jahren.

Nachdem die Bibliothek für mehrere Jahre wegen Restaurationsarbeiten geschlossen war, wurde sie vor wenigen Tagen feierlich wiedereröffnet. Der ägyptische Kulturminister Chaled al-Anani war angereist, hohe Würdenträger der orthodoxen Kirche und etliche Wissenschaftler aus den USA und Europa, die sich seit Langem mit den Schätzen der Sinai-Bibliothek beschäftigen. Die Wiedereröffnung der Bibliothek ist in Ägypten, gerade in Zeiten vermehrter islamistischer Attacken auf Kirchen und Moscheen, ein rares Zeichen der Hoffnung.

Nach Jahren zum Teil heftiger Auseinandersetzungen ist nun ein Meilenstein für den Erhalt eines einmaligen, von der Unesco anerkannten Weltkulturerbes erreicht: Das Kloster in der Wüste hat für seine über 3.000 Manuskripte, deren Entstehung bis ins 4. Jahrhundert unserer Zeit zurückreichen, eine Bibliothek bekommen, die den modernsten Erkenntnissen der Konservierung und Pflege der wertvollen Hinterlassenschaft angemessen ist. Federführend bei dem Projekt war die berühmte British Library aus London, die einen Teil der Mittel organisierte und ihr Know-how zur Verfügung stellte. Den Rest besorgten orthodoxe Spender aus der ganzen Welt.

Auf den ersten Blick könnte niemand vermuten, dass ausgerechnet dieses Wüstenkloster nun eine der modernsten Bibliotheken beherbergt. Umgeben von hohen, schier uneinnehmbaren Mauern, sieht es eher wie eine antike Festung denn ein Kloster aus. Es liegt am Ende einer langen Schlucht zwischen schroffen, kahlen Bergen. Einer dieser Berge ist überhaupt der Grund für die Existenz des Klosters.

Zwiegespräch mit Gott

Auf dem 2.300 Meter hohen Moses-Berg, an dessen Fuß sich das Katharinen-Kloster befindet, sollen Moses nach dem zweiten Buch Genesis von Gott die Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten überreicht worden sein. Dieselben zehn Gebote, nach denen sich die Israeliten, die zu diesem Zeitpunkt nach ihrer Flucht aus Ägypten durch die Wüste irrten, zukünftig richten sollten. Dort, wo jetzt das Kloster steht, soll sich laut Altem Testament der brennende Dornbusch befunden haben, in dem sich Gott Moses erstmals offenbarte.

Schon im 2. Jahrhundert hatten sich deshalb einige Eremiten der frühchristlichen Kirche in den Felsspalten des Moses-Berges zum Zwiegespräch mit Gott zurückgezogen. Mit der Zeit wurden es immer mehr fromme Männer, die dort siedelten, und dabei immer wieder Angriffen nomadischer Wüstenstämme ausgesetzt waren. Deshalb gab der byzantinische Kaiser Justinian in Konstantinopel im 6. Jahrhundert den Auftrag, für die Mönche ein wehrhaftes Kloster zu bauen, das sich gleichzeitig in die Befestigungskette der östlichen Grenze von Byzanz einfügte.

Als sich 200 Jahre später das Patriarchat von Alexandria von Konstantinopel abspaltete und die koptische Kirche bildete, blieb das Katharinen-Kloster der griechisch-orthodoxen Mutterkirche treu. Gelehrte Mönche aus der gesamten griechisch-orthodoxen Welt, aber auch vom Balkan und aus Russland kamen seitdem ins Katharinen-Kloster, um in aller Abgeschiedenheit von der Welt zu meditieren, zu schreiben und Ikonen zu malen, die heute in der gesamten Orthodoxie berühmt sind.

Die letzten Byzantiner

Einer von ihnen ist „Father“ Justin, der Leiter der Sinai-Bibliothek. Ein großer hagerer Mann in schwarzer Kutte mit schwarzem Käppi und langem weißen Bart, der genauso aussieht, wie man sich einen asketischen Mönch in der Wüste vorstellt. Tatsächlich ist Justin US-Amerikaner, ein Katholik, der vor vielen Jahren zum orthodoxen Glaube konvertierte und in die Wüste ging. Wie die übrigen rund 25 Mönche im Wüstenkloster hat er sich von der Welt draußen abgewandt und lebt ganz im Ritus der Mönchsgemeinschaft, wie sie bereits im vierten Jahrhundert festgelegt wurde. Tatsächlich sind die Mönche im Katharinen-Kloster so etwas wie die letzten Byzantiner. „Wir haben an unseren Regeln und unserer Lebensweise seit dem 6. Jahrhundert im Prinzip nichts geändert“, sagt Father Justin.

Doch um der Bibliothek willen muss er sich immer wieder auch um die Welt außerhalb der Klostermauern kümmern. Es ist kein Zufall und hat auch nicht nur mit bibliophiler Begeisterung zu tun, dass sich ausgerechnet die ehrwürdige British Library aus dem anglikanischen London um eine moderne Unterbringung der Sinai-Handschriften verdient gemacht hat. Denn das mit Abstand berühmteste Manuskript des Klosters, der sogenannte Codex Sinaiticus, befindet sich heute zu großen Teilen in London und gehört zu den absoluten Prunkstücken der British Library.

Der Codex ist die älteste erhaltene Handschrift des Neuen Testamentes aus dem 4. Jahrhundert und damit eines der wertvollsten Manuskripte der Welt. Father Justin ist wie auch die anderen Sinai-Mönche der Meinung, dass der Codex zurück ins Katharinen-Kloster gehört. Doch wie bei der Büste der Nofretete der Berliner Museumsinsel oder den Athener Parthenon-Figuren des Britischen Museums ist eine Rückkehr des Codex ins Sinai-Kloster nur schwer durchsetzbar. Stattdessen hat sich die British Library für die Modernisierung der Bibliothek des Sinai-Klosters engagiert.

Ein Geschenk für Ägypten

So ist es jetzt möglich, die anderen uralten Handschriften des Klosters – die meisten von ihnen in altgriechischer Unzialschrift, aber auch Manuskripte in Latein, Aramäisch oder in slawischen Sprachen – der wissenschaftlichen Forschung zugänglich zu machen. Dass sie überhaupt noch existieren, ist dem extrem trockenen Wüstenklima zu verdanken, aber auch dem erstaunlichen Umstand, dass das Kloster in seiner langen Geschichte, die es zum größten Teil nach der Islamisierung der arabischen Welt in muslimischer Umgebung verbrachte, nie zerstört wurde und durchgängig immer von Mönchen bewohnt war.

Gerade jetzt, wo im nördlichen Sinai IS-Fanatiker nicht nur Militär- und Polizeiposten, sondern auch Moscheen und koptische Kirchen angreifen, ist das Katharinen-Kloster mit seiner Bibliothek ein Geschenk für Ägypten. Viele Pilger, aber auch Touristen, die von dem Urlaubsort Scharm El-Scheich am Roten Meer per Bus zum Kloster gebracht wurden, haben das Katharinen-Kloster in den letzten Jahrzehnten besucht. Nach dem Absturz eines Ferienfliegers über dem Sinai 2015, der angeblich durch eine Bombe des IS verursacht wurde, hatte Russland seinen Flugverkehr eingestellt. Die Wiedereröffnung der Bibliothek könnte dazu beitragen, dass es jetzt wieder Pilger und Touristen nach Scharm El-Scheich fliegen lässt. Für den Tourismus in Ägypten wäre das ein wichtiges Signal.

Das Kloster ist für einen neuerlichen Besucheransturm gerüstet. Neben einem Blick in die Bibliothek können Besucher auch die ebenfalls neu restaurierten Fresken in der Klosterkirche bewundern, die noch aus dem 6. Jahrhundert stammen. Die Besucher werden von Scharm El-Scheich während der Nacht mit Bussen zum Katharinen-Kloster transportiert. Ab acht Uhr morgens wird die Besucherpforte geöffnet, bis 12 Uhr müssen alle Gäste wieder draußen sein. Danach senkt sich wieder eine tiefe Ruhe über die orthodoxe Sinai-Feste am Moses-Berg.

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