In der Gitschiner Strasse 15 in Kreuzberg können Menschen mit wenig Geld kreativ arbeiten oder einfach Kaffee trinken. Doch das Kulturzentrum bekommt keine Förderung.von GABRIELE GOETTLE

Leitet das Kulturzentrum ehrenamtlich: Jürgen Horn. Bild: Kmoelninger
Die Grundsuppe der Dieberei sind unsere Fürsten und Herren, sie nehmen alle Creaturen zu ihrem Eigentum, die Fisch im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden muß alles ihre seyn. Aber den Armen sagen sie: Gott hat geboten, du sollst nicht stehlen. Sie selber schinden und schaben alles, was da lebt.
Thomas Münzer
(1525 enthauptet)
Jürgen Horn, arbeitslos, ehrenamtlich als Sozialarbeiter und Leiter des Kulturzentrums für Obdachlose und Arme, "Gitschiner 15", der Heilig-Kreuz-Gemeinde in Berlin-Kreuzberg aktiv. 1951 in der DDR, in Berlin-Karlshorst geboren. Nach dem Abitur machte er eine Lehre als Walzwerker. Nach dem Armeedienst studierte er an der Humboldt-Universität zu Berlin marxistisch-leninistische Philosophie und schloss mit Diplom ab. Nach der Wende 1989 Abbruch seiner Doktorarbeit über "Volksdemokratische Revolutionen in Ost- und Südostasien". 1990 Verlust seiner Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter wegen Auflösung der Sektion Marxismus-Leninismus an der Humboldt-Uni. Nach dem vergeblichen Versuch, im akademischen Bereich Fuß zu fassen, Fortbildung zum Suchtsozialtherapeuten. Arbeit in verschiedenen Projekten und seit 2006 für das Armen- und Obdachlosenprojekt der Heilig-Kreuz-Kirche Berlin (seit 2007 ehrenamtlich). In den kalten Monaten betreut er auch die Wärmestube in der Kirche. Er spricht sehr gut Russisch, was bei seiner Arbeit von Vorteil ist. Daneben befasst er sich mit Fragen der Friedensbewegung, z. B. Struktur der neuen Kriege, Nation, Nationalismus. Veröffentlichung: zusammen mit Mustafa Demir "Gesellschaft im Übergang. Zum Wesen des real existierenden Sozialismus". VWB, Berlin 1990.
Die Gitschiner Straße ist eine stark befahrene Kreuzberger Durchgangsstraße entlang der alten Hochbahntrasse der U 1. Die Nr. 15 ist ein ehemaliges Fabrikgebäude aus gelben Klinkersteinen, auf der Fassade steht "Zentrum für Kultur. Gegen Ausgrenzung und Armut". Schräg gegenüber liegt das Patentamt von 1905, eine Residenz für Beamte und Akten aus grauem Sandstein. Prunk und Größe spiegeln die ungeheuren Erwartungen wider, die man an den Erfindergeist und an den technischen Fortschritt knüpfte. Nicht weit ist es bis zum neugotischen Backsteinkuppelbau der Heilig-Kreuz-Kirche - 1888 im Beisein Kaiser Wilhelms II. eingeweiht. In Sichtweite davon liegen die beiden Friedhöfe vor dem Halleschen Tor, auf denen u. a. Chamisso, Rahel Varnhagen, Mendelssohn-Bartholdy sowie einige ehemalige Suppenküchenbesucher liegen. In der Nähe ist auch die Amerika Gedenkbibliothek, in der die Ausleihe für Arbeitslose, Empfänger von Hartz IV und Sozialhilfe kostenlos ist, während im nahe gelegenen Prinzenbad, dem öffentlichen Sommerbad im ärmsten Stadtteil Berlins, der Eintritt für Erwachsene 4 Euro kostet, ermäßigt 2,50 Euro, was denen, die kein Geld für Ferienreisen oder auch nur die U-Bahn zum Schlachtensee haben, die Bade- und Sommerfreuden gründlich ausgetrieben hat.
An der Nr. 15 gelangt man, den Verkehrslärm hinter sich lassend, in einen gepflasterten idyllischen Fabrikhof. Kletterpflanzen überwuchern den Zaun zu dem parkartigen Nachbargrundstück, Tische, Bänke, Sonnenschirme laden ein zum Platznehmen und Plaudern. Es ein strahlend schöner Augusttag, 9.30 Uhr, einige Besucher haben sich bereits eingefunden und trinken Kaffee im Freien. Jürgen Horn sitzt mittendrin, begrüßt uns freundlich, stellt uns den Anwesenden vor, bittet, Platz zu nehmen, und bringt Tee. Er deutet auf Haus und Hof und erzählt:
"Dieser Hof ist ein Glück für uns. Vorne an der Straße versteht man sein eigenes Wort nicht, und hier hinten ist himmlische Ruhe, höchstens hört man von nebenan, vom Prinzenbad, mal was: ,Der Junge mit der grünen Badehose, nicht immer von der Seite springen!' Es gibt angeblich einen Plan, den hinteren Teil des Prinzenbades hier für Stadtvillen zu verkaufen. Das wäre schade. Aber im Augenblick ist es ja noch sehr schön. Unser Haus war in den 20er Jahren ursprünglich eine Kerzen- u. Wachswarenfabrik, Drechsler & Buchal. Das Gebäude von vorn ist im sog. maurischen Stil gebaut, mit dem zweifach abgesetzten Backstein und dem Strich durch. Weil Kaiser Wilhelm seine Liebe zum Orient entdeckt hatte, wurden zwischen 1904 und 1912 solche Fassaden gestaltet. Nach der Kerzenfabrik kam hier eine Werkstatt vom Grünflächenamt rein, und als es dann von uns angemietet wurde, war alles sehr runtergekommen und total verschmutzt durch den Ruß der Automotoren. Das haben mir Besucher erzählt. Es war viel Arbeit, das Haus für diesen Zweck zu renovieren.
Vor zehn Jahren war das, da hat der Pfarrer Ritzkowsky* hier das Zentrum für Gesundheit und Kultur mit aufgebaut. Das Gebäude gehörte der Stadt Berlin, und als die ihr ganzes Tafelsilber verkauft hat, war auch diese Liegenschaft im Angebot. Vor zwei Jahren wurde sie von einer Kirchengemeinde in Rudow gekauft. Also, wir haben nun zwar nicht mehr das Problem, dass wir rausmüssen, weil irgendein Wellness-Center reinkommt. Aber wir haben immer die Sorge, ob das Haus von uns überhaupt gehalten werden kann, denn wir bekommen keinerlei Zuwendungen, außer von der Kirche. Deshalb sind wir ganz dringend auf Spenden angewiesen."
align="center"> Keine Fördermittel
"Wir haben ein kaum zu glaubendes Problem: Dadurch, dass wir ein so vielfältiges Angebot haben, bekommen wir keine Fördermittel. Würden wir hier nur malen, wäre es ein Atelier für Obdachlose, das wird gefördert. Wenn wir lediglich ein Café für Obdachlose hätten, wären wir ein förderungswürdiges Obdachlosencafé usw. Aber für das breite Spektrum, das wir zur Verfügung stellen - und auch stellen möchten - gibt es keine Förderung. Das ist in der Bürokratie einfach nicht vorgesehen. Die Politiker, mit denen wir ab und zu reden, die nicken immer, finden das auch widersinnig, aber verändert hat sich bisher nichts.
Es ist ja heute en vogue, dass Leute mit Geld ein bisschen was davon abgeben. Auch wir brauchen Sponsoren. Aber wir können nicht darauf warten. Vor einem Jahr haben wir deshalb das ,Quadratmeter-Projekt' begonnen. Bilder werden im Quadratmeterformat gemalt und dann pro Jahr für 50 Euro ausgeliehen. Unsere malenden Besucher hatten anfangs große Probleme mit diesem Format, das fand ich interessant. Jeder ist wohl irgendwie geeicht auf ein stehendes oder liegendes Rechteck, von der Ästhetik her. Es hat fast ein halbes Jahr gedauert, bis sie das Format beherrscht haben.
Das Projekt wurde inzwischen weiterentwickelt zu einem ,Patenschaftsprojekt', d. h., man kann, z. B. als Firma, Pate werden und 500 Euro im Jahr spenden. Man bekommt dann als ,Dankeschön' einen Quadratmeter Kunst. Da gibt es sogar einen Botschafterkreis, der Paten wirbt. Prof. Grottian [Politologe, hat zu Sozial-und Armutsprotesten aufgerufen; Anm. G. G.] gehört dazu und der ehemalige Bürgermeister des Stadtbezirks; die ehemalige Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner usf. Wir erhoffen uns, dass wir einiges im Haus sanieren und auch ein paar hauptamtliche Stellen davon finanzieren können.
Bis auf eine Mitarbeiterin, die vom Gemeindekirchenrat finanziert wird, und meinen Vorgänger sind nämlich alle Stellen hier ehrenamtlich besetzt bzw. werden über Maßnahmen des zweiten Arbeitsmarkts finanziert. Auch ich arbeite ehrenamtlich. Momentan bekomme ich noch Arbeitslosengeld I, deshalb bin ich auch nur eingeschränkt einsetzbar, weil ich ja dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen muss. Und weil die ,Maßnahmen' der Jobcenter immer zeitlich beschränkt sind, ist hier eine große Fluktuation von Helfern. Es ist fast unmöglich, ein stabiles Team zusammenzustellen, auf längere Zeit zu planen. Wir haben so etwa 30 Ehrenamtliche, das klingt viel, ist aber eben immer nur vorübergehend.
Ich arbeite jetzt hier über vier Jahre. Früher habe ich mit obdachlosen Jugendlichen am Alexanderplatz gearbeitet. Da gabs im Zusammenarbeit mit dem Tierheim Marzahn ein Projekt, ,Kids and Dogs', wo sie ihre Hunde mitbringen konnten zur Ausbildung. Das Problem bei vielen Obdachlosen ist, sie sind Hundesymbionten. Eher lassen sie alles andere fahren, aber nicht ihre Hunde. Das hatte ich gerade angefangen aufzubauen, da bekam ich eine Zuweisung für diese Stelle hier vom Arbeitsamt. Ich bin ja eigentlich Philosoph, komme aus der DDR und musste nach der Wende umschulen. Irgendwann habe ich dem Arbeitsamt klargemacht, dass ich weder Managementsekretär noch Elektronikverkäufer werden will. Ich habe schon immer gerne, na ja, heute heißt das ,Sozialarbeit', gemacht. Nach einer Weile hat man mir dann eine sucht- und sozialtherapeutische Zusatzausbildung bewilligt. Das hilft mir hier auf jeden Fall und gefällt mir sehr gut."
align="center"> Alle finden ihr Plätzchen
Es kommen ständig neue Besucher zum Frühstücken, gut gelaunt und fröhlich wünscht man sich gegenseitig einen guten Morgen. Jürgen Horn wird per Handschlag begrüßt und dies und jenes gefragt. Er parliert in fließendem Russisch mit einem Besucher, zündet sich eine Zigarette an, telefoniert kurz. Ein beleibter brauner Labrador sucht Schatten unter dem Sonnenschirm, muss aber angebunden werden. Alle finden ihr Plätzchen. Und auch der sturzhagelbetrunkene Mann, der es taumelnd bis in den Hof geschafft hat, wird die letzten paar Meter gestützt, darf auf eine Bank niedersinken und unbelästigt dort sitzen bleiben. "Das kann passieren. Es kann jeder kommen, in welchem Zustand auch immer, vorausgesetzt, er randaliert nicht. Aber meistens sind unsere Besucher hier nüchtern. Ich erlebe das jeden Tag. Wenn man den Leuten ein bisschen den sozialen Druck nimmt und ihnen ein bisschen Struktur anbietet, dann macht sich das schon bemerkbar. Viele sind sehr kreativ. Es ist ungeheuer viel Schönheit da bei den Leuten, Schönheit, die z. B. sichtbar wird, wenn sie malen, singen, Musik machen, die aber nicht zur Entfaltung kommt, weil für sie nichts vorgesehen ist, weil sie keine Teilhabemöglichkeiten haben. Im Grunde wird verdrängt, dass Leute mit wenig und sehr wenig Geld von der Möglichkeit abgeschnitten sind, sich in dieser Gesellschaft wenigstens halbwegs gleichberechtigt zu bewegen. Was für andere selbstverständlich ist und zum ganz normalen Leben dazu gehört, ist für sie unerschwinglich. Und das ist auch der Sinn hier dieser Einrichtung, es ist ein Haus mit vielen Möglichkeiten. Sie sollen ein Zentrum für ,Gesundheit und Kultur, gegen Ausgrenzung und Armut' haben, eine Art Volkshochschule für Arme und Obdachlose, kostenlos. Auf einem Flyer haben wirs so formuliert, es ist für ,Erwachsene, die mit wenig Geld leben müssen, Menschen, die einen Ort suchen, an dem sie mit ihren Fähigkeiten und ihrer Phantasie erwünscht sind'." Das tragbare Telefon auf dem Tisch klingelt, Jürgen Horn führt ein zähes Gespräch mit jemandem, der bestimmte Regeln des Hauses für sich nicht gelten lassen will.
"Es ist einfach so, ein paar Grundregeln müssen eingehalten werden, da bin ich dann auch konsequent, sonst entsteht ein Durcheinander bei dieser Vielzahl von Leuten. Es sind so 40 bis 50 Besucher hier pro Tag, mehr Männer übrigens als Frauen. Etwa ein Drittel sind Frauen. Die Anzahl schwankt natürlich. Am Anfang des Monats, wenn es Geld gibt, sind es weniger. Wir haben etwa 70 Stammgäste mit einer engeren Bindung ans Haus, da wird dann auch mal nachgefragt, wenn der ein oder andere nicht kommt. Meist sind es ältere Leute, so ab 40, und das geht bis 60 oder 65. Jüngere kommen auch. Es sind mehr geworden, die Armut nimmt deutlich zu. Mancher hat einen Hund. Unsere Hausordnung erlaubt das Mitbringen von Hunden, sie müssen aber an der Leine bleiben, damit keine Rauferei entsteht und sich niemand belästigt fühlt. Ebenso verlangt die Hausordnung, dass Alkohol, Drogen und Waffen abgegeben werden an der Theke, für die Zeit des Aufenthaltes hier. Aggressionen werden nicht geduldet und können ein Hausverbot nach sich ziehen. Es klappt eigentlich alles ganz gut.
Wir haben uns nach reiflicher Überlegung gegen das Mitbringen von Kindern entschieden, denn hier ist keine rauchfreie Zone. Das hat einfach therapeutische Gründe, unsere Besucher sind in hohem Maße abhängige Leute, und wir haben gesagt: Wenigstens eine Sucht, wenn es denn sein muss, soll befriedigt werden, um sie nicht vollends unglücklich zu machen. Denn wenn wir das auch noch verbieten, dann kommt keiner. Dann sitzen sie vorne am Prinzenbad und trinken und rauchen den ganzen Tag, so haben sie wenigstens ihren alkoholfreien Tag und ein Angebot an Betätigungen, bei denen sie sich selbst als Persönlichkeit genießen können."
align="center"> Banker und Juristen
"Sie haben gefragt, nach der ,klassenmäßigen Durchmischung' hier. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würden sich in der Gitschiner 15 die traditionellen Klassen und Schichten durchmischen. Da ist der ehemalige Banker, der bei uns seinen preiswerten Kaffee trinkt und unsere Computerarbeitsplätze nutzt, um seine Erinnerungen aufzuschreiben; da ist der Diplommathematiker, der obdachlos ist; da ist der ehemalige Jurist und der ehemalige und gar nicht so erfolglos gewesene Unternehmer. Alle haben funktioniert - und an irgendeiner Stelle dann nicht mehr. Und sie sitzen neben dem ,klassischen' Ungelernten, der irgendwann zur Flasche gegriffen hat; neben M., einer bekennenden Obdachlosen - sie ,wohnt' hier an der B.-Straße an der Brücke, wird von Zeit zu Zeit geräumt vom Ordnungsamt, dann steht hier eine Batterie von Einkaufswagen, in die schnell alles gerettet wurde; oder einem arbeitslosen Mann mit Mietproblemen. Er hat Religion studiert und war später Koch, der redet nicht nur über seine drohende fristlose Kündigung, er redet auch mit mir über Joachim von Fiore und über Savonarola. Aber es ist keine ,Durchmischung'. Es ist etwas ganz anderes. Was sich bei uns sammelt, das ist, wie Marx sagt, die ,Lazarusschicht'. Und all die, die durch das Sieb fallen.
Am schlechtesten dran sind natürlich die Obdachlosen, ökonomisch und besonders, was ihre Rechte betrifft. Da reden wir dann auch mit dem Ordnungsamt, versuchen eine Duldung zu erreichen. Wir haben eine Dusche für Obdachlose, zweimal pro Woche. Wir haben hier auch eine Kleiderkammer für Obdachlose, wir haben Schlafsäcke da, Isomatten. Es werden bei Bedarf auch Möbel angeboten. Und jeden Mittwoch kommt die mobile Kleiderkammer der Lowtec GmbH, das ist eine Beschäftigungsgesellschft, die in diesem sozialen Bereich agiert. Im Winter steht das Fahrzeug drüben vor der Heilig-Kreuz-Kirche. Mittwochs, wenn die Wärmestube offen ist. Ebenfalls jeden Mittwoch von halb zwei bis halb drei kommt das Arztmobil der Caritas in die Gitschiner 15, das ist auch sehr wichtig für die Leute, weil die Gesundheit nicht die beste ist und weil ja mancher keine Krankenversicherung und nichts hat. Oder wir haben auch Leute mit Migrationshintergrund, die keinen offiziellen Status haben. Die Versorgung ist kostenlos, unbürokratisch und auf Wunsch anonym."
align="center"> Jeder soll selig werden
Ein älterer Mann mit einem Kind an der Hand und einem Fußball unter dem Arm kommt in den Hof und möchte den Ball aufgepumpt haben, was die Fahrradwerkstatt umgehend erledigt. "Und nun komme ich zu unseren Angeboten. Jeder soll hier möglichst nach seiner Fasson selig werden. Er kann hier den ganzen Tag beim Kaffee sitzen, oder er kann sagen, ich möchte malen. Dann kriegt er eine Staffelei und eine Leinwand oder Malpappe zur Verfügung gestellt, oben im zweiten Stock - in unserer Kreativetage. Wenn er was dazulernen will, verschiedene Techniken usw., haben wir einen Zeichen- und Malunterricht. Aber es geht nicht darum, wie artifiziell das ist, was er da oben macht, ob die Technik stimmt, sondern darum, ob es ihm gefällt, ob es das ist, was er wollte. Wir bieten auch an, die Motive auf Postkarten zu drucken, und haben schon ein großes Sortiment. Wir haben auch schon sehr viele Ausstellungen gemacht, in Behörden, im Bethanien usw. Und wir haben neuerdings eine Treppenhausgalerie eingerichtet als Ausstellungsfläche. Unser Motto ist: ,Kunst trotz(t) Armut'! Und da entstehen interessante Dinge. Man kann auch in Ton arbeiten. Wir haben gestern allerdings beschlossen, dass wir fürs Brennen Geld nehmen müssen. Das ist die einzige Ausnahme, weil es sehr teuer ist und extern gemacht werden muss. Aber alles andere ist kostenlos. Dann kann man oben auch Billard spielen, Tischtennis spielen. Und es gibt, was sehr wichtig ist, Computerarbeitsplätze mit Internetzugang, wo die Leute auch auf Arbeits-und Wohnungssuche gehen können. Und wir bieten natürlich auch Computerkurse an, im Einzelunterricht.
Dann haben wir oben eine Holzwerkstatt, auch seit Ewigkeiten. Wir haben allerdings keine Drechselbank. Es gibt nur langsam rotierende Maschinen oder solche mit Handbetrieb, wegen der Verletzungsgefahr. Einer kommt, ,Mein Stuhl wackelt', ein anderer möchte künstlerisch arbeiten mit Holz. Und wir haben in letzter Zeit für die Quadratmeter-Aktion eine Menge Rahmen hergestellt und Leinwände draufgespannt. Wir fertigen auch noch, in Zusammenarbeit mit der finnischen Gemeinde, ein sogenanntes Mückenhäuschen an. Sieht aus wie ein winzig kleines Vogelhäuschen. In Finnland gibts den Brauch, das in den Weihnachtsbaum zu hängen, mit der eingebrannten Jahreszahl drauf. Wir verteilen die gegen Spenden auf dem Weihnachtsmarkt. Und die finnische Gemeinde nimmt uns auch sehr vieles ab.
Wir haben ein relativ breites Musikangebot, wir haben einen Gospelchor mit der Sängerin Jocelyn B. Smith. Wir bieten Klavierunterricht. Mit dem rumänischen Kollegen haben wir drei Klavierlehrer, also zwei davon Lehrerinnen. Wir haben sogar eine Geigenlehrerin. Und es gibt Gitarren- und Trommelkurse sowie eine Sambagruppe. Und freitags haben wir eine Drum-Session, spätabends. Wir haben einen Trompeter aus Rumänien eingestellt. Wir sind ,multikulti'! Ach ja, und alle vierzehn Tage haben wir auch noch eine Theatergruppe.
Was wir noch haben, was sehr wichtig ist: Wir haben die Hilfe eines Juristen, der Spezialist für Mietrecht ist. Und im ersten Stock, da gibt es auch unseren Meditationsraum und das Angebot ,Yoga, Atem und Bewegung'. Das haben wir jetzt erweitern können durch eine ausgebildete Kollegin aus der Ukraine, die Massagen macht, was sehr gut angenommen wird. Ich habe übrigens viele Leute hier mit russischem Migrationshintergrund. In diesen vier Jahren Gitschiner 15 habe ich mehr Russisch gesprochen als in meiner ganzen DDR-Vergangenheit.
Und unten im Parterre ist vor allem unser schönes Café, in dem wir ein sehr kulantes Angebot haben, es gibt z. B. einen Kaffee für 40 Cent und eine Bockwurst mit Brot für 45 Cent am Tresen. Wer wirklich mal gar kein Geld hat, kann anschreiben lassen. Daneben ist die Fahrradwerkstatt, ein spannendes Projekt, mit Peter, der Selfmademan ist. Er ist eigentlich Maler. Es werden Fahrräder repariert, und es werden Schrotträder gesammelt und aufgebaut, um sie billig abzugeben, gegen Spende. Wir arbeiten mit der Polizei zusammen, damit der neue Besitzer keinen Ärger bekommt, falls das Rad geklaut gemeldet war. Und unten ist auch mein Sozialarbeiterbüro, niedrigschwellig im Wortsinn, denn da kommt jeder rein, auch wenn er kaum krauchen kann. Oben haben wir auch noch Büroräume für die Sozialberatung. Aber als Leiter dieser Stelle will ich hier unten direkt für alle erreichbar sein. Ich hoffe, ich habe nichts vergessen. Das Zentrum feiert übrigens am 28. 9. zehnjähriges Bestehen.
Ach ja, ich habe doch was vergessen: Was wir noch anbieten, ist ,Arbeit statt Strafe'. Also Leute, die sich beim BVG-Schwarzfahren haben erwischen lassen, wie auch immer, die bekommen 50 bis 70 Tagessätze und können die durch soziale Leistungen ,abarbeiten'. Das sind bei uns hauptsächlich Reinigungsarbeiten. Frühmorgens um 8 muss hier jemand stehen und den Tresen und den Raum sauber machen. Die Treppe und das Klo müssen zweimal am Tag geputzt werden. Es sind also Arbeiten, die gesellschaftlich nicht gerade wertgeschätzt werden, trotzdem sehen die meisten es hinterher ein, dass sie da auch was Besonderes und Wichtiges getan haben. Und wenn ich sage: ,So, Kinder, jetzt ist die Zeit vorbei, die Strafe ist abgearbeitet', dann sind die eigentlich immer traurig. Aber ich kann ja nicht sagen: ,Fahr doch einfach mal wieder schwarz!' Ich sehe, dass auch solche Arbeit eine die Persönlichkeit stabilisierende Wirkung hat. Und wir haben in dieser Gesellschaft wesentlich mehr an sozialer Arbeit, als momentan bezahlt wird. Dabei ist das Geld ja da. Als die Bundesrepublik entschieden hat, die Wahlen im Kongo zu sichern, hat jeder Bundeswehrsoldat täglich so viel bezahlt bekommen, wie ein Arbeitsloser pro Monat hat. Oder zwei Kompanien weniger in Kundus, und man könnte hier ein Projekt wie dieses über Jahre sichern.
Was ich in diesem Zusammenhang noch erwähnen will: Wir haben hier ein Prinzip, dass nicht politisch gearbeitet wird. Es würde die Leute überlasten, wir wollen auch unsere Position nicht ausnutzen, indem wir sie beeinflussen. Ich teile allerdings mit, wenn es eine Erwerbslosendemo oder so was gibt. Und für mich persönlich sage ich, ich sehe, dass der ,Druck der Straße' momentan nicht so groß ist. Es nutzt nichts, nach der Revolution zu rufen. Das ist im Augenblick nicht meine Frage. Was ich aber tun kann, ist das, was ich hier für die Leute versuche zu tun. Denn dann gehts ihnen nicht mehr so richtig schlecht. Zu helfen in einer verzwickten Situation, mit beruhigenden Gesprächen, mit einem Anruf, mit der Hilfe beim Ausfüllen von Fragebogen und Amtsformularen, mit Rat und Hilfe bei Kontopfändungen, bei falschen Bewilligungsbescheiden, mit Begleitung zu einer Behörde, das ist im Moment wichtig."
align="center"> Das Amt rechnet falsch
"Sie können sich vielleicht gar nicht vorstellen, was die Leute für Probleme haben. Da war z. B. eine junge Mutter, Hartz-IV-Empfängerin. Sie hatte gerade entbunden, dummerweise mitten im Monat, das lässt sich angeblich nur schwer berechnen, amtlicherseits. Sie hat drei Bewilligungsbescheide bekommen, die sich teilweise gegenseitig aufhoben. Und ich versichere Ihnen, das ist schon eine kleinere Diplomarbeit, wenigstens einen dieser Bescheide richtig zu lesen - von Verstehen will ich gar nicht reden, und wir sind Muttersprachler! Wir haben über eine Stunde herumgerechnet, bis klar war, es wurde zu wenig berechnet. Wir gingen dann zum Amt, und die Frau hat ihr Geld bekommen. Was das aber die Frau an Ängsten, Nerven, schlaflosen Nächten gekostet hat! Also das ist das, was wir tun können. Das ist für mich auch eine der wichtigen Funktionen dieser Einrichtung.
Es geht nicht darum, radikal die Welt zu verändern. Die Probleme sind akut. Telefoniere mal mit einem Anwalt, wenn du kein Guthaben mehr auf dem Handy hast, fahr mal durch die Stadt, ohne Fahrgeld, warte mal darauf, dass du recht bekommst in einer Mietsache, wenn du inzwischen die Wohnung verlierst wegen der Mietschulden. Die Leute haben keine Rücklagen, sie können nicht in Ruhe abwarten, bis sich was ändert, bis ihnen etwas bezahlt oder zurückbezahlt wird. Also, wir versuchen, wenigstens teilweise zu kompensieren, was da alles so fehlt. Eigentlich geht es mir darum, den Punkt zu finden, an dem die Leute sich selbstbestimmt organisieren und sich dabei in ihrer Entfaltung genießen können; heute, hier, sofort! Auf der einen Seite ist das gut. Auf der anderen Seite ist das aber eigentlich eine unerträgliche Privatisierung von Armenpflege. Ich weiß!"
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Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare
29.09.2010 01:08 | walter michners
Herzlichen Glückwunsch zum "ZEHNJÄHRIGEN" Überleben vom Zentrum "Gitschiner 15"!!!---Ich wünsche weiterhin viel Ausdauer un ...
31.08.2010 15:49 | Graham Bookish
Meine Eltern hätten gesagt: "Ein Heiliger." Na ja, aber das Gesicht eines Starzen hat Jürgen Horn auf jeden Fall. Schön ist ...
31.08.2010 11:22 | quarktasche
danke, gabriele goettle! und wieder ein tolles porträt. und dank an herrn horn und dieser tollen einrichtung mit ihren ehre ...