Beim jährlichen Berlin-Marathon am Sonntag werden wieder einmal genau eine Million Zuschauer am Rand stehen. Das klingt gut - ist aber bestenfalls schlecht gezählt und eigentlich schlichtweg unmöglich. Eine Glosse.von GEREON ASMUTH

Beim Marathon 2007 sind sichtlich mehr Läufer als Zuschauer auf der Straße des 17. Juni Bild: ap
Beim Marathon kommt es auf Exaktheit an. Damit jeder Läufer am Ende genau sagen kann, wie viel Zeit er für die genau bemessenen 42,195 Kilometer durch Berlin gebraucht hat, trägt jeder einen kleinen Sender für die Zeitmessung im Schuh. Auch die Zahl der Teilnehmer lässt sich genau bestimmen. Nur wie viele Menschen am Straßenrand stehen, weiß niemand. Die Veranstalter behaupten zwar Jahr für Jahr, dass eine Million Zuschauer gesichtet würden. Und weil ja bekanntlich bei jeder Großveranstaltung in Berlin eine Million Menschen kommen, wird das auch immer gern geschrieben. Stimmen wird das allerdings kaum.
Die Strecke ist 42,195 Kilometer lang. Wenn auf beiden Seiten pro Meter ein Zuschauer stünde, wären das insgesamt gerade mal 84.390. Um auf die Million zu kommen, bräuchte man zwölfmal so viele. Anders gesagt: Pro Meter müssten je zwölf Zuschauer stehen. Auf beiden Seiten. An der kompletten Route.
Wer je beim Marathon zugeschaut hat, weiß, dass es tatsächlich Orte gibt, an denen sich das Publikum drängelt. Entlang des Kudamms etwa. Auch am Potsdamer Platz. Oder im Zieleinlauf. Doch selbst Unter den Linden konnte man im vergangenen Jahr streckenweise eher alle zwölf Meter einen Zuschauer sehen als zwölf pro Meter.
Hinzu kommt: Viele der Zuschauer sind echte Fans. Sie feuern ihren Hans, ihre Gabi, ihren Papa, ihre Tochter nicht nur einmal an, sondern nutzen die Länge des Weges zum Mehrfachjubel. Profigucker beginnen zum Beispiel am Rosenthaler Platz, nehmen von dort die U 8 erst zum Moritz- und dann zum Hermannplatz, eilen von da mit der U 7 zu den Yorckbrücken, fahren gemütlich mit der S-Bahn zum Potsdamer Platz und schaffen es von dort sogar zu Fuß noch zum Ziel am Brandenburger Tor. So tauchen sie gleich sechsmal als Zuschauer am Wegesrand auf, zählen dürfte man sie jedoch eigentlich nur einmal.
Fakt ist: Der Marathon lockt jede Menge Zuschauer an, schon weil es richtig Spaß macht, die Läufer anzufeuern. Nie und nimmer werden jedoch eine Million Fans zusammenkommen. An diesem Sonntag schon gar nicht. Es soll regnen.
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