Bayerns Torhüter Rensing

"Er ist kein Kahn"

Michael Rensing gilt beim FC Bayern als ein Synonym der Krise. Statt in die Ahnenreihe der Münchner Klassekeeper zu treten, ist er nun zu einer Karikatur seines Vorgängers geworden.von STEFAN OSTERHAUS

Damals, vor anderthalb Jahren, als Oli Kahn noch im Tor des FC Bayern stand und sein Nachfolger ein unbekannter Jungkeeper war, da sagte Uli Hoeness, er mache sich gar keine Sorgen um die Zeit nach Kahn: "Wir haben ja den Michael Rensing." Der Rensing spielte zwar selten, doch wenn er Kahn einmal vertrat, tat er es tadellos, er beherrschte den Strafraum und flog mit großer Antriebskraft, er war ein Torhüter, wie ihn sich jeder Trainer als Vertretung des ersten Mannes wünscht. Doch dann hörte Kahn auf und Rensing kam. Jetzt, wo ihn Jürgen Klinsmann gegen den alten Ex-Leverkusener Jörg Butt ausgetauscht hat, gilt Rensing als ein Synonym der Krise, die in München unvermittelt tobt. Zwar entspricht seine Leistung allenfalls dem Niveau seiner Mannschaftskollegen, doch Klinsmann erhoffte sich mit dem Torwartwechsel vor dem Spiel gegen Barca offenbar ein Zeichen mit Wirkung auf die Mannschaft.

Das verpuffte zwar, aber Butt bleibt im Tor; die Münchner suchen nach einem neuen Torhüter. Munter werden etliche Namen diskutiert: Diego Benaglio vom VfL Wolfsburg soll ein Kandidat sein, zehn Millionen Ablösesumme wurden genannt, und dass der Name des Schweizers überhaupt genannt wird, illustriert, wie groß die Not ist. Auch die Nationaltorhüter Robert Enke und René Adler sind dabei, und natürlich Gianluigi Buffon, der Italiener, ein Spitzenmann, vielleicht noch immer der Beste weltweit, weswegen manche meinen, er sei gerade gut genug fürs Tor des FC Bayern. Denn dort standen früher stets Ausnahmekönner: Sepp Maier und Jean-Marie Pfaff waren unumstrittene Klassekeeper, und wer weiß, was aus Pfaffs Nachfolger, dem eleganten Vielflieger Raimond Aumann, geworden wäre, hätten ihn nicht Verletzungen immer wieder aus der Bahn geworfen. Selbst Toni Schumacher gab im Spätherbst seiner Karriere noch einmal ein kurzes Gastspiel, sie alle stehen in der Ahnengalerie des großen Kahn, der 14 Jahre lang im Münchner Kasten Angst und Schrecken verbreitete und zumindest in Deutschland einen Begriff davon schuf, wie ein Torhüter zu sein hat.

Und tatsächlich scheint es manchmal, als wirke die Kahn'sche Aura auch auf seinen Nachfolger verstörend, der in manchen Augenblicken mit wilden Eruptionen wie eine Karikatur des großen Mannes wirkt: Er hat rumgezetert, die Arme hochgeworfen, die Vorderleute wütend beschimpft. Es hat nichts genutzt. "Rensing", sagt Toni Schumacher, "ist ein talentierter Keeper. Aber er ist kein Kahn." Schon damals, noch bevor Rensing seine Schwächen offenbarte, sei er, Schumacher, "anderer Meinung als Uli Hoeness" gewesen, der Rensing schon als kommenden Nationaltorhüter pries. Kahn galt als stärkster Bayern-Keeper seit Sepp Maier. Und er wurde in seiner Zeit als Nummer eins von Maier trainiert. "Der Kahn ist ja gar nicht vom Sepp Maier zu trennen. Er war gut, als er aus Karlsruhe zu den Bayern kam, aber er war der Stein, der von Maier geschliffen wurde", so Schumacher, der selbst ein versierter Torwart-Trainer war. Es mag wie ein sonderbarer Zufall erscheinen, dass Rensing ausgerechnet von jenem Mann trainiert wird, der als schwächster Bayern-Keeper überhaupt gilt: Walter Junghans. Doch die Parallelen in der Karriere der beiden sind unübersehbar: Wie Rensing galt Junghans einst als Supertalent, der hinter dem seinerzeit weltbesten Keeper lange Zeit als Kronprinz gehandelt wurde. Doch Sepp Maier spottete seinerzeit, dass der Junghans bei ihm zum "Althans" werde. Ein Unfall Maiers ließ Junghans ins Bayern-Tor rücken; stets wurde er am Welt- und Europameister gemessen. Er spielte mit wechselndem Erfolg, doch dann, 1982, fanden die Bayern endlich die Lösung ihres Torhüterproblems: Sie verpflichteten den belgischen Nationalkeeper Jean-Marie Pfaff. Rüdiger Vollborn, ehemaliger Bundesliga-Torhüter in Leverkusen und Trainer René Adlers, hält es für zweitrangig, ob ein Trainer auf eine erfolgreiche Vita als Keeper verweisen kann. Auch Toni Schumacher erklärt, dass sein Trainer Rolf Herings seinerzeit nicht mal aus dem Fußball kam. Herings kam aus der Leichtathletik, hatte aber schon Torhüter mit gutem Erfolg trainiert. Doch ein Trainer wie Maier sei natürlich für jeden Keeper die Ausnahme, ein Leitbild allerorten: "Der Sepp war ja auch der Größte." Rensing selber schien sich der Qualitäten Maiers durchaus bewusst gewesen zu sein, der das Training seines Nachfolgers als zu lasch bezeichnete. Er habe sich Maier als Trainer zurückgewünscht, heißt es aus München. Doch dem Wunsch wurde nicht entsprochen; und ganz nebenbei verbindet Klinsmann und Maier ein alter Konflikt: Klinsmann warf Maier als Torwart-Trainer der Nationalmannschaft raus. Maier hatte öffentlich für Kahn und nicht für dessen Kontrahenten Jens Lehmann vor der WM 2006 Partei ergriffen. Ob der Wechsel das Ende der Karriere des Michael Rensing im Bayern-Tor bedeutet? Zwar dürfte gegenwärtig auch sein Förderer Sepp Maier Schwierigkeiten haben, einen "zweiten Kahn" in ihm zu erkennen, wie er es noch nach dem ersten Saison-Debakel der Bayern gegen Bremen (2:5) getan hat. Doch von Aufbauarbeit für eine jungen Hochbegabten, wie Jürgen Klinsmann vor ein paar Tagen noch beteuerte, ist jedenfalls nichts mehr zu erkennen.

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