Lutz Kleveman war erfolgreicher Kriegsreporter. Bis er sich fragte, woher sie eigentlich kommt, die Begeisterung für Krieg und Gewalt, die dem allem zugrunde liegen musste.von Alexandra Senfft

Der Druchbruch gelang Klevemann mit Berichten aus Sierra Leone: Britische Truppen landen November 2000 in Freetown, um den Bürgerkrieg zu beenden. Sie brauchten 14 Monate. Bild: ap
Auf einem idyllischen Landsitz zwischen Elbe und Weser fängt alles an: Lutz Kleveman soll mit 24 Jahren das Erbe seines Vaters antreten und das herrschaftliche Gut übernehmen. Doch anstatt sich der Familientradition zu beugen, geht er nach London, um sein Studium zu beenden. Zehn Jahre hat die Mutter ihm gegeben, dann rufen Moor und Pflicht. Kleveman nutzt die ihm gewährte Zeit: Was der rastlose junge Mann erlebt, genügt für mehrere Menschenleben.
Journalist will er werden, und bald zieht er nach Budapest. Dank einem Zufall kann er für den Daily Telegraph arbeiten. Wie man sich als freier Berichterstatter durchschlägt, hat er schnell heraus. Mit einem klapprigen Citroën im Balkan unterwegs, jagt er dem Scoop hinterher. Der journalistische Durchbruch kommt 2001 in Sierra Leone. Unerschrocken, fast naiv dringt er oft als erster Reporter überhaupt ins Innerste lebensgefährlicher Konflikte vor.
Was er, bald auch für deutsche Medien unterwegs, aus Afghanistan, Tschetschenien, Russland oder über die Favela-Drogengangs in Brasilien berichtet, ist so informativ und spannend, dass man die Lektüre kaum beiseite legen mag. Den trockenen Humor und die Selbstironie hat der Autor von den Engländern gelernt.
Wie er etwa als vermeintlicher tschetschenischer Terrorist mit einem Untersuchungsbeamten des russischen Staatssicherheitsdienstes um die Wette säuft, um seine Haut zu retten, dann von dessen Frau bekocht und bebügelt wird, ist eine der vielen obskuren Geschichten, die Kleveman zu erzählen weiß.
Bordelle, Alkohol und Drogen gehören zu seinem Alltag - das ist mitunter harter Lesestoff. "Arglos-achtlos und selbstzerstörerisch", wie er selbst sagt, gefährdet er sein eigenes Leben. "Ich war wie ein Schwamm, der sich vollsog mit den Reizen des Reporterdaseins … Irgendwann dachte ich, die Welt existiere nur für mein privates Vergnügen. Ob Not oder Krieg, für mich war das alles nur ein großes Spiel."
Als sein erstes Buch über die Ölinteressen der Weltmächte am Kaspischen Meer herauskam, habe er unterdessen das verloren, was einen guten Journalisten ausmache: Neugier und Mitgefühl. Neben aller Selbstkritik schont Kleveman jedoch auch die deutsche Journaille nicht – viele seiner Kollegen betrachtet er als selbstgefällig, weltfremd und dilettantisch.
Parallel zu seinen Reportageberichten beschreibt Kleveman seine lange Reise mit der transsibirischen Eisenbahn 2008. Er ist auf den Spuren seines Großvaters, der sich während des Ersten Weltkrieges als russischer Kriegsgefangener auf dieser Route befand.
Der Enkel notiert: "Hans-Heinrich und seine Brüder sind damals wie Deutschland an sich: Sie wollen mehr sein, als sie sind." Vom "militaristisch-nationalistischen Virus" befallen, wird der Großvater ein hoher Wehrmachtsoffizier, der aufs Gut heimgekehrt, über das Schicksal der umliegenden Höfe entscheidet und deren Söhne in den Krieg sendet.
Die Folgen dieser Taten sind bis heute spürbar. Sein Großvater sei vom Krieg fasziniert gewesen, so Kleveman, und er erkennt auf seiner Reise zu sich selbst, dass auch er "kriegsgefangen" war. Er hatte sich lange als "Louis" der Engländer ausgegeben: Er hasste seine Identität als Deutscher.
Im Laufe seiner Journalistenlaufbahn habe er sich aber immer häufiger gefragt, was er an diesen Orten von Zerstörung eigentlich suche? Kleveman bereiste rund hundert Länder in acht Jahren, um zu erkennen, dass er ein "Kriegsjunkie" geworden war, auf der Flucht vor sich selbst.
Herausgekommen ist dabei ein mutiges und unterhaltsames Buch von großem Erkenntnisgewinn.
Lutz Kleveman: "Kriegsgefangen. Meine deutsche Spurensuche". Siedler Verlag, München 2011, 480 Seiten, 22,99 Euro
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