Aussehen wie ein Vorstadtbewohner

Normcore - der letzte Unterschied

Normcore ist nicht das Ende der Differenz. Normal ist das neue Cool. Wenn alle exzentrisch sind, ist Normalität das eigentliche Abenteuer. Echt jetzt?

Hipster inkognito: Paar im Bild rechts mit grauer Jacke (er) und roter Wollmütze (sie). Bild: imago/Ralph Peters

BERLIN taz | Fuck the norm!“, schrie es mir vor ein paar Tagen von einem Aufkleber entgegen, als ich morgens zu Fuß Berlin-Mitte durchquerte. Dass jemand im Geiste jugendlichen Rebellionsbegehrens die Norm zum Teufel wünscht, ist nichts Neues. Es erscheint aber kurios, wenn man sich ansieht, was seit ein paar Wochen durch die digitalen Kommunikationskanäle geistert. Normal, so erzählt man sich dort, ist das neue Cool.

Die avanciertesten Elemente der globalen kreativen Klasse sind so nervös, als stünde der erste Sexualkontakt bevor: Ein Trend geht um. Einer, der sich so geschickt tarnt, dass man ihn kaum bemerkt hätte, wäre nicht eine New Yorker Trendforschungsagentur so aufmerksam gewesen, genau hinzuschauen.

Sie hat einen neuen Look entdeckt, der darin besteht, keiner zu sein. Normcore haben sie den Stil in New York getauft. Eine lustige Wortschöpfung, die die Widersprüchlichkeit des Phänomens einfängt: Normal auszusehen, in einem ultimativen, extremen, radikalen Sinn. Das ist nicht so leicht, wie es klingt.

Normcore, so die geläufige Definition, zeichnet sich durch stilisierte Unscheinbarkeit aus, die Abwesenheit von Exzentrik und Originalität. Die New Yorker berufen sich dabei auf den Science-Fiction-Autor William Gibson, der vor einigen Jahren eine seiner Protagonistinnen mit einer Allergie gegen Markenlogos ausgestattet hat.

Exponentiell erweiterter Mode-Personen-Kreis

Die junge Frau reagiert hypersensibel auf das kapitalistische Zeichensystem, das schnöde Waren emotional überhöht und mythisch auflädt. Sie trägt deshalb ultranormale Standardkleidungsstücke: schwarze Jeans, schwarze T-Shirts, graue Pullover.

Die New Yorker Trendforscher meinen, die Träger des neuen Stils, die man in westlichen Metropolen beoachten kann, hätten sich vom Coolnessgebot verabschiedet, das auf der Darstellung von Differenz beruht. Aber ist das wirklich so?

Mode muss sich ständig verändern, damit sie ihr Neuigkeitsversprechen einlösen kann, bringt dabei aber, wenn sie sich durchsetzt, Uniformität hervor: Wer gemäß dem letzten Schrei gekleidet ist, sieht, wenn er nicht gerade auf dem Dorf wohnt, sein Spiegelbild hundertmal am Tag, auf der Straße, in der U-Bahn, im Büro und in der Kneipe.

Wer Normcore trägt, hat diesen Personenkreis exponentiell erweitert, ohne dass derselbe auch nur ahnt, dass er Teil einer Modebewegung geworden ist. Normcore ist insofern Antimode – und als solche paradoxerweise zugleich die konsequenteste Verfolgung des modischen Gedankens.

„Heute Norm, morgen Tod“

Normcore ist ein Stichwort geworden, das zu formulieren scheint, was in der Luft liegt. In den westlichen Gesellschaften hat sich in den letzten vier Jahrzehnten die Idee von Normalität stark gewandelt, wenn sie nicht gänzlich von den Verhältnissen überholt worden ist.

Die Normüberschreitungen der Subkulturen, die auch immer wieder modische Neuerungen provoziert haben, funktionieren nur noch dort, wo der Kampf um die Liberalisierung der Lebensentwürfe, der Sexualität, der Arbeit noch nicht abgeschlossen ist.

Hippies waren selbstverständlich gegen die Norm. Auszuflippen hielten sie angesichts gesellschaftlicher Normzwänge für angebracht. Sie ließen lange Haare „aus allen Löchern wachsen“, wie es bei der Band Mothers of Invention hieß. Sie sprengten mit LSD die Grenzen der sinnlichen Normalität und gammelten lieber herum, statt ordentlich zu arbeiten. Letzteres taten auch die Punks gern. „Heute Norm, morgen Tod“, sang die Solinger Band S.Y.P.H. Anfang der Achtziger. Mit asymmetrischen Frisuren, Löchern in den Hosen und Piercings im Gesicht beglaubigten sie ihre antikonformistische Existenz.

Die Raver schließlich setzten sich selbst über die kosmischen und biologischen Rhythmen von Tag und Nacht hinweg. Spätestens hier beginnt auch die Geschichte von Normcore, bestand der typische Raverstil doch aus Hose, T-Shirt, Turnschuhen, also der Alltagsuniform der Subkulturen, deren Protagonistinnen modisch lieber Kinder bleiben, statt ihren Status als Erwachsene mit entsprechender Kleidung zu repräsentieren.

Monogamie in Serie

Seit den 1990ern sind im Westen die letzten Bastionen des Normalen, dieses Schlüsselbegriffs des brutalen, gern auch mal menschenverachtenden 20. Jahrhunderts, geschliffen. Niemand muss mehr heiraten, um Kinder kriegen zu dürfen. Man muss dafür nicht einmal mehr heterosexuell sein. Monogam ist man oft schon noch, aber dann in Serie, eine Zweierbeziehung folgt der anderen. Feste Arbeitsverhältnisse gibt es immer weniger. In jeder Bankfiliale jobbt eine Tätowierte.

Normen scheinen nicht mehr das Problem zu sein. Gesellschaftliche Produktivität ist nicht mehr an Standards und Formate, sondern an Individualität, Kommunikationsfähigkeit und Innovation gekoppelt. Selbst der Chefredakteur der Bild-Zeitung trägt zum Zeichen seiner entfesselten Kreativität nicht mehr Anzug. Er sieht mit Bart, Kapuzenpulli und Armbändchen aus wie ein Hipster, der den Bausparvertrag auflöst, den die Eltern für ihn abgeschlossen haben, um das Geld in ein irres Start-up zu investieren.

Normcore ist nicht das Ende von Differenz, wie die New Yorker Trendforscher meinen, sondern markiert den letzten Unterschied. Normalität wird zum Abenteuer. Wer sich heute ein Eheversprechen gibt und es ernst meint, kann durchaus auf die Idee kommen, eine geradezu heroische Entscheidung zu treffen.

Wenn das ideale zeitgenössische Subjekt transgressiv ist, also die Fähigkeit zur Überschreitung der Normen haben muss, wird es Zeit, sich den Vollbart abzuschneiden. Wer aussieht wie ein von Mode und Extravaganz gänzlich unangekränkelter Vorstadtbewohner, ist vielleicht der hippste von allen, arbeitet womöglich gar an einem subversiven Projekt.

Tennissocken gehören zum Normcore-Kanon

Auch diese Idee hat ihre historischen Vorläufer. Werfen wir einen Blick auf das Cover des Albums „20 Jazz Funk Greats“ der britischen Band Throbbing Gristle von 1979. Drei Männer und eine Frau stehen auf einer Blumenwiese am Rande eines Kliffs. Man ist konform im Stil der Zeit gekleidet. Beige Hosen, blauer Nicki, weißes Jackett, blaues Hemd.

Wüsste man nicht, dass Throbbing Gristle richtig schlimme Finger sind, die ihr Publikum mit Krach betäuben und mit Blitzlichtern blenden, die benutzte Tampons zu Kunst erklären und seitens der britischen Boulevardpresse daher als „Zerstörer der Zivilisation“ gelten, dann würde man denken können, diese Band spielte den Dudelfunk von SWR3.

Wenn jemand Normcore als Bekleidungsstil erfunden hat, dann waren es Throbbing Gristle. Die Idee dazu hatte ihnen wiederum William Burroughs geschenkt, der sich in den späten 1960ern die „unsichtbare Generation“ ausgedacht hatte. Diese Agenten des Kampfs gegen Norm und Kontrolle sahen aus „wie ein Angestellter einer Werbeagentur, ein Collegestudent, ein amerikanischer Tourist“. Die Idee, dass Tennissocken ein Bestandteil des Normcore-Kanons sind, wie manche behaupten, verweist auf diese historische Dimension. Tennissocken sind das Normal von gestern.

Blasen der Normalität gibt es noch überall. In streng protestantischen Familien in Württemberg, in den preußischen Amtsstuben der deutschen Hauptstadt, weiter verbreitet auch in konservativen Gesellschaften, wie zum Beispiel in Putins Russland.

Wo aber das strenge Regime der Normalität gestürzt wurde, herrschen neue, weniger sichtbare Konformitätszwänge. Allzeit flexibel, kommunikationsbereit sein zu müssen, ist für manche Leute schlimmer als der alte Schlipszwang im Büro. Aber das ist eine andere Geschichte.

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