heute in hamburg

„Regeln beachtet und doch überrollt“

Foto: ADFC

Dirk Lau, 53, Journalist, ist seit 2008 stellvertretender Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Hamburg.

Interview Petra Schellen

taz: Herr Lau, wie hätte der Unfalltod der Radlerin Saskia S. verhindert werden können?

Dirk Lau: Durch eine andere Verkehrspolitik, die dem Schutz von Menschen oberste Priorität gibt. Das fängt an mit Abbiege- und Brems-Assistenten und geht weiter über sichere Infrastruktur bis zu vorgezogenen Haltelinien für Radfahrer. An der Kreuzung Osterstraße/Eppendorfer Weg, wo Saskia S. getötet wurde, hätte das vielleicht geholfen, sodass der LKW-Fahrer sie gesehen hätte, wenn sie vor ihm stand. Zudem hätte man an dieser bekanntermaßen gefährlichen Kreuzung längst den Kurvenradius verändern können, sodass der LKW nicht mehr abrupt im 90-Grad-Winkel abbiegt, sondern in einem Bogen, was auch die Sichtbeziehungen verbessert.

Für den Eppendorfer Weg ist auch Tempo 30 im Gespräch.

Das fordern ADFC, Anwohner und Bezirksversammlung seit langem, aber der Senat blockt.

Fürchtet der rot-grüne Senat die Autofahrer?

Tempo 30 gilt vielen Regierungspolitikern als unpopuläre Maßnahme. Auch in der Straßenverkehrsbehörde ist immer noch die Auffassung anzutreffen, dass Tempo 30 den Kfz-Verkehrsfluss behindere. Tatsächlich rettet es aber Leben und schützt vor Lärm und Abgasen.

Zudem werden die verkehrstoten Autofahrer weniger, die überrollten Radler aber mehr.

Immer mehr Autofahrer sind durch Airbags und andere Sicherheitssysteme inzwischen wie in einem Panzer geschützt. Autos werden breiter, schneller, aggressiver, aber die Radfahrer bleiben, was sie sind: Menschen ohne Airbag auf der Straße.

Ride of Silence von ADFC und der Gruppe „Hamburger Alltags-

radler*innen“: Treffpunkt 19 Uhr, S-Bahn Sternschanze (Ausgang Schanzenstraße)

Trotzdem kontrolliert Hamburgs Polizei besonders gern Radler.

Ja, den Eindruck haben viele. Es ist aber gefährlich, darauf zu vertrauen, dass die Beachtung der Verkehrsregeln ausreicht. Die getötete Radfahrerin hatte sich an alle Regeln gehalten und wurde doch von einem LKW überrollt. Aus unserer Sicht lassen sich die Hauptursachen von Unfällen mit Radfahrerbeteiligung – überhöhtes Tempo, zu geringer Sicherheitsabstand von Autos beim Überholen sowie Rechtsabbiegen und illegales Parken auf Radwegen – auch in Hamburg noch konsequenter bekämpfen.

Zum Beispiel, indem Rechtsabbieger nicht mehr zeitgleich mit Radlern und Fußgängern „grün“ haben.

Auch das könnte helfen – sowie der „grüne Pfeil“, der Radfahrern erlaubt, bei Rotlicht an Kreuzungen rechts abzubiegen, während die Autos noch stehen.