Die gute Tat im Einkaufswagen

Mit dem Verkauf von Mineralwasser, Nussriegeln und Seife lässt sich die Welt verbessern, sagt der Gründer der Marke „share“. Doch für seine Idee erntet er auch viel Kritik

So erkennen Kunden die Share-Waren. Ihr Kauf soll Menschen in Entwicklungsländern helfen Foto: Patrick Pleul/dpa/picture alliance

Von Hanna Gersmann

Sebastian Stricker, 35, will den Einkauf im deutschen Supermarkt als Instrument gegen Hunger und soziale Ungleichheit in der Welt nutzen. Darum verkaufen er und seine Mitstreiter ab diesem Montag in gut 5.000 Läden des Rewe-Konzerns und der Drogeriekette dm deutschlandweit Mineralwasser, Bio-Nussriegel und vegane Seifen mit dem Namen „share“, und zwar nach dem „1+1-Prinzip“.

Stricker erklärt: „Für jedes verkaufte Produkt erhält ein Mensch, der in Not ist, ein gleichwertiges.“ Sein Versprechen: Kauft man in Deutschland eine Flasche Share-Mineralwasser aus dem Allgäu, erhält ein anderer Mensch Trinkwasser für einen Tag, mindestens 20 Liter, indem etwa ein Brunnen gebaut oder repariert wird. Legt der Kunde bei dm und Co einen Share-Bio-Nussriegel auf das Kassenband, hergestellt von der Ludwigsburger Süßwarenfirma Schock, wird an eine andere Person in Deutschland oder in Krisenländern wie dem Senegal eine Portion Essen ausgegeben. Die Flasche Share-Handseife des Münsteraner Produzenten Systemkosmetik garantiert andernorts für einen Menschen ein Stück Seife. Aus „Buy one get two“ wird „buy one, give one“. Jedes Produkt im Einkaufswagen ein Akt der Nächstenliebe. Aber geht das wirklich so einfach?

Jana Gebauer forscht seit Jahren in Berlin – früher beim Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), heute freiberuflich – zu Unternehmensverantwortung. Sie beobachtet, wie karitative Versprechen zum Verkaufsargument werden. Gebauer sagt: „Für die Händler ist das bequem.“ Sie räumten ein paar Meter im Regal frei, ließen ein wenig in ihrer Marge nach und hätten dafür ein „gutes Marketing“. Ändern würde sich dadurch aber weder das Kerngeschäft noch die Wachstumslogik oder die Abhängigkeit derer, die Spenden empfangen, so die Wissenschaftlerin. Vor gut fünfzehn Jahren debattierte Deutschland schon einmal, ob sich der Regenwald durch Biertrinken retten ließe. Damals brachte die Krombacher Brauerei ihr Regenwaldprojekt auf den Weg und gewann den TV-Star Günther Jauch für das Marketing. Der parkte in Werbespots seinen Kombi vor einem Getränkemarkt und erklärte: „Mit jedem verkauften Kasten Krombacher fließt eine Spende in die Regenwaldstiftung des WWF“, des World Wide Fund for Nature. Der Absatz der Bierbrauer nahm zu.

„Das ist doch toll, wenn Unternehmen Umsatz machen, weil sie gesellschaftliche Verantwortung übernehmen“, meint Stricker. „Unsere Vision ist, dass sich das gegenseitig verstärkt.“ In den USA, in Kanada oder Großbritannien seien soziale Unternehmen viel verbreiteter als in Deutschland. Da spendeten auch Schuh- oder Brillenhersteller pro verkauftem Produkt eines an Menschen in Not. Stricker veranschlagt zwei bis fünf Cent für 20 Liter Trinkwasser in einer Krisenregion, 10 bis 20 Cent für eine Mahlzeit und 10 bis 25 Cent für eine Seife. Fünf bis 17 Prozent des Preises, den er und seine Kollegen für das Produkt von den Handelsketten bekommen, wollen sie in die sozialen Projekte investieren. Für den Lebensmittelmarkt sei das viel, meint Stricker. Die Branche ist bekannt für einen harten Preiskampf und Druck auf die Hersteller.

Stricker kannte die Geschäftsführer von dm und Rewe, fragte sie darum zuerst nach einer Zusammenarbeit– und dann niemand anderen mehr. Aber kommt das Geld überhaupt an? Wer auf den Share-Verpackungen die schwarze-weißen quadratischen OR-Codes mit dem Handy scannt, wird auf eine Webseite geleitet, die zeigt, wo etwa der Brunnen gebaut wird. „Aber natürlich kann immer etwas passieren“, sagt Share-Gründer Stricker. „Doch der Nutzen überwiegt immer noch Korruption und Ineffizienz. Die Lösung ist nicht, nichts zu machen.“

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