Die 350. Kontext:Wochenzeitung

Gequälte Gesichter im Staatsministerium

Baden-Württembergs Grüner Umweltminister Franz Untersteller war in Mexiko mit privaten Familienangelegenheiten gut beschäftigt. Aber als Kontext-Wochenzeitung in diesem Juni monierte, dass selbst der ausgewiesene Umwelt- und Energiefachmann Untersteller die Klimaschutzziele nicht erreiche, sah er sich zu einer umgehenden Stellungnahme herausgefordert. „Mir mangelt es in diesem Beitrag an allen Ecken und Enden an Recherchequalität!“, hackte er unter den Artikel. Das war aber noch nichts gegen Ministerpräsident Kretschmanns mächtigen Staatsminister Klaus-Peter Murawski, der sich über Kontext derart echauffierte, dass er in einer Leserbriefreaktion den eigenen Vornamen in „Klazs-Peter“ verstümmelte.

Wenn Redaktionsleiterin Susanne Stiefel auf einem Medienpodium sitzt und anderen Vertretern neuer digitaler Start-ups mit journalistischem Qualitätsanspruch zuhört, dann merkt sie erst, dass Kontext schon „ganz schön lange da ist“. Seit 2011, um genau zu sein.

Eine demokratische Notwendigkeit

Entstanden mitnichten als Folge des historischen Grünen-Wahlsieges dieses Jahres. Auch nicht als Stimme des Protestes gegen das Verkehrs- und Immobilienprojekt Stuttgart 21, wie oft fälschlich behauptet wird.

Es war die Erkenntnis der demokratischen Notwendigkeit eines relevanten, unabhängigen Mediums, die Josef-Otto Freudenreich und Stiefel antrieb. Unabhängig von Anzeigenkunden, aber auch unabhängig von einer Bürgerbewegung. Er war Chefreporter der Stuttgarter Zeitung, sie war zuvor Chefreporterin von Sonntag Aktuell, beide Südwestdeutsche Medienholding (SWMH). Zusammen mit Gleichgesinnten taten sie das, wovon andere in privilegiertem Journalistenfrust gern reden: Sie gingen es selbst an, um es besser zu machen.

Mittlerweile sind 350 Ausgaben der Wochenzeitung für Baden-Württemberg erschienen, die Mittwochnacht digital erscheint und samstags gedruckt der taz am Wochenende beiliegt. Auf 1.600 Menschen ist die Zahl der Kontext-Soli-Unterstützer angewachsen, etliche davon sind auch taz-Genossen und damit Doppelunterstützer eines unabhängigen Journalismus, der „von keinem Wirtschaftsunternehmen oder anderen Lobbyisten finanziert“ wird, wie es im Kontext-Manifest heißt. Es ist diese eigene und langfristig funktionierende Ökonomie, für die Stiefel auf den Podien beneidet wird.

In diesem Jahr hat Kontext die Redaktion verjüngt und die Leistungen weiter ausgebaut. Um zwei zu nennen: Stefan Siller, Baden-Württembergs renommiertester Radio-Interviewer, macht jetzt Video-Interviews. Die geflohene Frauen- und Menschenrechtlerin Filiz Koçali schreibt eine auf Deutsch und Türkisch erscheinende Kolumne „Briefe an Asli“.

Das alles muss auch weiterhin sein, vor allem auch, dass manche im Stuttgarter Staatsministerium bei der Lektüre einen ganz gequälten Gesichtsausdruck bekommen. Deshalb können Sie am besten Kontext mit einer dauerhaften oder einmaligen Spende unterstützen. Peter Unfried

Und Ihre Unterstützung? Helfen Sie mit, damit sich die unabhängige Stimme aus Stuttgart weiterhin Gehör verschaffen kann: www.kontextwochenzeitung.de/soli