„Eine Gefahr für das Leben Schwangerer“

Fundamentalismus Mit dem „Marsch für das Leben“ machen christliche „Lebensschützer“ seit Jahren etwa gegen das Recht auf Abtreibung mobil. Dagegen wächst inzwischen der Protest. Jetzt gibt es auch eine Info-Website

Mit weißen Kreuzen durch die Hauptstadt: der „Marsch für das Leben“ 2015 Foto: Theo Heimann

Interview Patricia Hecht

taz: Frau Flamingo, am Montag ist die Website Ihrer Initiative, www.fuer-das-leben.de, ins Netz gegangen. Sie sieht der Website der sogenannten LebensschützerInnen, die den jährlichen „Marsch für das Leben“ organisieren, auf den ersten Blick sehr ähnlich. Ist das Absicht?

Beatrice Flamingo*: Wir orientieren uns an Methoden einer Kommunikationsguerilla. Deswegen greift unsere Seite die Bildsprache und Symbolik von Websites christlich-fundamentalistischer Gruppen auf.

Was wollen Sie mit ihrer Website erreichen?

Wir hoffen, dass die jeweiligen Websites verwechselt werden. Gleichzeitig wollen wir über die Suche bestimmter Begriffe gefunden werden. Wer zum Beispiel Abtreibung, Pränataldia­gnos­tik oder Sterbehhilfe googelt, soll möglichst schnell auf unserer Seite landen. Wir hören zum Beispiel von BeraterInnen aus Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen, dass Frauen, die wenig über die sogenannte Lebensschutzbewegung wissen, oft ungewollt auf deren Seiten landen. Diese Leute wollen wir mit unseren Argumenten erreichen.

Indem Sie diese Leute, die Informationen suchen, erst mal in die Irre führen?

Der „Marsch für das Leben“ findet seit 2002 jährlich in Berlin statt. Unterstützt wird er von Volker Kauder (CDU) oder Beatrix von Storch (AfD). In München, Freiburg und anderen Städten gibt es vergleichbare „Märsche“.

Der nächste Marsch zieht am 17. September durch Berlin. Gegenproteste unter dem Namen „Marsch für das Leben – What the Fuck“ sind für den 17. 9. ab 12 Uhr geplant, Treffpunkt ist der S-Bahnhof Anhalter Bahnhof.

Am 14. 9. diskutieren Autorin Kirsten Achtelik, Grünen-Politikerin Anja Kofbinger und Stefan Nachtwey, Familienplanungszentrum Balance, ab 19 Uhr über „AfD und Abtreibung“ im taz Café, Rudi-Dutschke-Str. Moderation: Katrin Gottschalk.

Wir sehen es eher andersherum. Die LebensschützerInnen verschleiern, worum es ihnen tatsächlich geht: Sie wollen vielfältiges Leben nicht zulassen, sondern diskriminieren. Wir nehmen unsere LeserInnen aber sehr ernst: Wir möchten ihnen bei ihrer Suche nach Information alternative Möglichkeiten zu denen der LebensschützerInnen aufzeigen. Wir wollen eine kritische inhaltliche Aus­einandersetzung mit deren ­Themen, Thesen und Argumenten.

Wen genau soll Ihre Seite erreichen?

Hauptsächlich wollen wir junge Menschen mit christlich-humanistischem Weltbild ansprechen, die sich mit diesen Themen noch nicht so stark aus­einandergesetzt haben. Studien zufolge gibt es unter Jugendlichen einen Backlash zu konservativen und vermeintlich humanistischen Positionen, die bei bestimmten Themen anschlussfähig an die Lebensschutzbewegung sind – zum Beispiel die, gegen Schwangerschaftsabbruch zu sein. Außerdem geht es uns um Menschen, die gegen die Bewegung der sogenannten Lebensschützer argumentieren wollen oder innerhalb der Proteste dagegen aktiv sind: FeministInnen, BeraterInnen oder PädagogInnen, denen wir Argumentationshilfen bieten.

Was kann man auf Ihrer Website finden?

Wir haben neun Themen zusammengestellt, die wir als zentral für die Lebensschutzbewegung ausgemacht haben, darunter Schwangerschaftsabbruch, Geschlechterrollen, Pränataldia­gnostik, Sexualität und Sterbehilfe. Wir beschreiben die Posi­tio­nen der LebensschützerInnen, zeigen, wie gefährlich deren Weltbild ist, und stellen ihnen Argumente entgegen, um einen Gegenpol zu schaffen. Und wir bieten Hintergründe zur Lebensschutzbewegung und deren AkteurInnen.

*Beatrice Flamingo

33, ist Teil einer queerfeministischen Gruppe aus Berlin. Sie will anonym bleiben, um möglichen Übergriffen auf ihre Person vorzubeugen. Die Gegenwebsite zu „marsch-fuer-das-leben.de“, „fuer-das-leben.de“, wurde aus privaten Spenden finanziert.

Was kritisieren Sie konkret?

Die LebensschützerInnen begründen ihre Positionen aus der Logik einer göttlichen Schöpfung heraus: Menschen hätten bestimmte Entscheidungen nicht zu treffen, weil es ihnen nicht zustünde. Es sind AbtreibungsgegnerInnen, die bewusst das Leben von Schwangeren aufs Spiel setzen.

Wie argumentieren die „Lebensschützer“?

Sterbehilfe wird mit Euthanasie gleichgesetzt, wodurch der Nationalsozialismus verharmlost wird. Das Familienbild gibt Regenbogenfamilien keinen Platz, homosexuelles und queeres Begehren darf nicht sein. Auch Behinderte werden für die Zwecke der LebensschützerInnen in­stru­men­ta­li­siert: Die Lebensbedingungen nach der Geburt interessieren sie überhaupt nicht. Sie tun so, als schützten sie Leben, meinen aber nur wenige, extrem konservative Lebensformen.

 

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