Achtelfinale Belgien – Japan

Belgien mit dem Lucky Punch

Japan mit Doppelschlag nach der Pause, doch Belgien hat Mittel: Kopfballtor als Bogenlampe, Märchen-Kopfball, ein Konter in der Nachspielzeit.

Belgien siegt gegen Japan im Achtelfinale - zwei Spieler in roten Trikots, darauf ein eckiges gelbes Muster

Die belgischen Trikots sehen aus wie Pollunder von jemandem, der Pfeife raucht

Die Voraussetzungen: Japan erreichte das Achtelfinale mit Hängen und Würgen. Punkt- und torgleich mit dem Senegal, rettete sie am Ende diese schwachsinnige FairPlay-Regel. Das Team allerdings spielte, wie Murakami schreibt: grundbürgerlicher Besitzstandsfußball, erzlangweilig.

Belgien hingegen, mit seinem britannisierten Powerfußball, hat das Original hintersichgelassen. Häufig als Geheimfavorit beschimpft, spielten sie die letzten Jahre doch immer so wie ihr Bier: Knallt erstmal bunt, macht aber schon beim Saufen Kater.

Nach der Diktatorengruppe A jetzt also das Achtelfinale der unterschätzten Kolonialisten. Wie bei jeder WM braucht es viel ästhetischer Arbeit, um nicht unpolitisch zu werden.

Das Ergebnis: 3:2 (0:0)

Das Spiel: Unerwarteterweise beginnen die ersten Minuten ohne größere Menschenrechtsverletzungen; einmal versucht wer, aus 40 Metern auf's belgische Tor zu ziehen. Ansonsten war's erstaunlich munter; quasi achtelfinalunwürdig. Keiner tritt hinter den Erwartungen zurück, es ist ein Anti-Seehofer-Spiel.

Je länger es dauerte, desto mehr wird klar, wer von beiden eigentlich mal Fußball gelernt hat; Belgien nämlich. Sie vergessen es hin und wieder, aber es ist das beste aller Spiele in dem Sinn, dass der Spielstand die Spannung hält. Wäre das Basketball, hätten die Belgier mit 20 Punkten im ersten Viertel geführt, vier Dunks von Romelu Lukaku, mindestens, und die Japaner hätten im zweiten Viertel nachgezogen. Ach, es ist schon ein schönes Spiel.

Kurz nach der Pause setzt Japan einen blitzsauberen Konter, an dessen Ende Haraguchi steht; in alter herthanischer Tradition tat er, was er tun musste, nämlich: dem Gegner weh. Es war die Führung. Kurz darauf sieht Inui eine Lücke, die vermuten lässt, dass er auch in der Tokyoer U-Bahn zu Feierabend einen Platz finden findet; zweite Reihe, lange Ecke, zwei zu null. Japan macht Tore, als ob es gar nichts wär, als ob es gar nichts wär.

Abgekocht, das ist, was Belgien wird.

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Denkt man. Und dann: das schönste Kopfballtor der Weltgeschichte. Vertonghen hält nach einer Bogenlampe einfach mal die Rübe rein, ein Kopfballtor als Bogenlampe, gibt’s das überhaupt? Kurzer Blick ins Kontrollzentrum: Ja, das gibt’s! Belgien hat Mittel.

Und Belgien hat die Wahl. Hazard ist kurz darauf eine Ecke zu kurz, also zieht er sie sich ans Strafraumeck; da tanzt er dann dann noch einen Gegenspieler aus und serviert punktgenau auf Marouane Fellaini, der einnickt wie zum Märchen; und plötzlich ist Belgien da. Derart da, wie selten in seiner Weltgeschichte.

Und dann: Die Kontrollfreaks aus Japan fangen sich kurz vor Schluß noch einen Konter, ein Kurzschluss im Gefüge. Tut weh. In dem Fall ist es, wie die Werbung verspricht: die meisten Unfälle passieren im Haushalt. Dann, wenn man sich am sichersten wähnt. Lucky Punch. Im Pollunder. Halleluja.

Die kulturelle Anspielung des Abends: Einstmals sind die feuchten Träume der Franzosen in Belgien publiziert worden; wegen der beschissenen Zensur. Lange ist es her. Die belgischen Trikots sehen aus wie Pollunder von jemandem, der Pfeife raucht. Und tot ist. Es gibt ein schönes Lied von Jacques Brel, selbst Belgier, der das Lebensgefühl dieses belgischen Pollunder-Trikots, mit all seiner Stickigkeit, beschreibt: Ces gens-là. Das hat gar nix mit dem Spiel zu tun, aber es ist ja obendrein auch #kulturwm.

Und nun? Es wartet Brasilien. Da werden dann andere Saiten aufgezogen! Auf die alte Leier! Was soll man dazu sagen? Da Neymar spielt, wahrscheinlich: Es werden Dinge ins Rollen kommen.

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64 Spiele, ein Weltmeister. 12 Stadien, ein Putin. Vier Wochen Fußball und mehr. Alles zur WM in Russland.

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