ANKE RICHTER und MARTIN REICHERT über Atom-Sponsoring

"Vattenfall ist, was man draus macht"

Auch taz-Autoren tragen Texte bei den "Vattenfall Lesetagen" vor. Martin Reichert und Anke Richter erklären, warum sie das nicht so schlimm finden - oder wenigstens nur ein bisschen.

taz: Herr Reichert, Frau Richter, wussten Sie von Anfang an, wer der Sponsor der Lesetage ist?

Martin Reichert: Ja, mein Verlag organisiert meine Lesungen, das wurde mir auch so erklärt.

Anke Richter: Nein, denn der Kontakt kam über das Weltreporter-Netzwerk zustande. Ohne diese Einladung hätte ich gar keine Lesereise zustande bekommen. Als dann lange nach der mündlichen Einladung der Vertrag kam und ich Vattenfall las, hat der Name bei mir keine Reaktion ausgelöst. Ich lebe nicht in Hamburg, sondern seit acht Jahren in Christchurch.

Anke Richter, Jahrgang 1964, wurde am Bodensee geboren und ist in Köln aufgewachsen. Ihre journalistische Laufbahn begann sie in einem Korrespondentenbüro in Los Angeles, danach war sie Boulevard-Reporterin, Max-Redakteurin und Playboy-Autorin. Sie arbeitete für TV-Talkshows (Willemsen und Beckmann), schrieb einen Bestseller über Sabbaticals und ein Buch über ihre Zeit auf einem Südsee-Atoll. Anke Richter lebt mit ihrer Familie in Christchurch, Neuseeland. Ihr Immigrantenleben verarbeitet sie in einer taz-Kolumne. Bei den Vattenfall-Lesetagen wird sie aus ihrem Buch "Was scheren mich die Schafe" lesen (8. April, 19 Uhr, Dr. Götze Land&Karte).

Martin Reichert, Jahrgang 1973, studierte Geschichte in Berlin. Er arbeitet als freier Autor und ist Redakteur bei der taz. Martin Reichert lebt in Berlin-Neukölln und einem Dorf in Brandenburg. Bei den Vattenfall Lesetagen wird er aus seinem Buch "Landlust: Ein Selbstversuch in der deutschen Provinz" lesen. Die Lesung findet am 9. April um 19 Uhr im Altonaer Museum (Vierländer Kate) statt.

Und? Macht es Ihnen etwas aus?

Reichert: Ich habe schon erstmal gedacht, mein Gott, was ist das jetzt? Die Mercedes Benz Fashion Week? Ich musste dann gleich lachen, weil Vattenfall im Setting meines Buches in Brandenburg CO2 verpressen will. Jetzt gehe ich halt hin und mache es wie immer, nur dass ich dabei unter einem Vattenfall-Logo hocke. Das passt einfach wie die Faust aufs Auge.

Richter: Was mir etwas ausmacht: In typisch deutscher Manier einer Gewissensprüfung unterzogen zu werden. Genau diese Haltung - "Bekenn Dich: Bist du Schwein oder Gutmensch?" - persifliere ich in meinem Buch. Sie ist mir sehr fremd geworden, da in Neuseeland nicht so politisch und polemisch polarisiert wird. Ich habe ein schweres Erdbeben hinter mir und andere Sorgen, als zu demonstrieren, dass ich mit meiner Lesung nicht zum atomaren Untergang beitrage.

Ist Kultursponsoring generell schlecht? Haben Sie vorher schon Erfahrungen damit gemacht?

Reichert: Ehrlich gesagt habe ich damit gar keine Erfahrungen, weil ich normalerweise bei der taz arbeite. Vattenfall ist, was man draus macht.

Richter: Ohne Kultursponsoring gäbe es weniger Kultur. Ob das Geld vom Staat oder einem Konzern kommt, macht keinen Unterschied, solange keine Auflagen gemacht werden. Die größte Show in Wellington ist die wunderbare "Montana World of Wearable Arts", die als kleine Hippie-Veranstaltung begann und nur Miese machte. Ohne die Weinfirma Montana wäre sie längst tot. Unter den Künstlern, die da auftreten, sind garantiert auch Antialkoholiker.

Dann kommen wir jetzt zur Gretchenfrage: Welchen Stromanbieter haben Sie privat? Öko oder Kohle und Atom?

Reichert: Ich beziehe Ökostrom von den Elektrizitätswerken Schönau.

Richter: Neuseeland ist atomfrei, und das betone ich mit Freuden bei jeder Lesung. Ich trete doch nicht als Marionette eines Stromanbieters auf, sondern nach wie vor auf einem Literaturfestival - oder habe ich da in 18.000 Kilometern Entfernung etwas falsch verstanden?

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