Ein demobilisierter FDLR-Kämpfer erklärt, wie friedlich seine Miliz im Kongo lebte. Und wie rücksichtslos sie kämpfte, als der Frieden vorbei war.von Dominic Johnson

Flüchtlinge aus Nord-Kivu in einem Camp in Goma im Jahr 2009. Bild: reuters
STUTTGART taz | Die Zeit steht nicht mehr still im Oberlandesgericht Stuttgart. Wochenlang war die Uhr im Saal 6, wo der 5. Strafsenat seit Mai gegen die beiden FDLR-Führer Ignace Murwanashyaka und Straton Musoni verhandelt, auf 8 Uhr stehengeblieben. Seit dem 14. Dezember geht sie wieder richtig.
Dass dies auch den Prozess voranbringt, war allerdings nicht unmittelbar zu erkennen. Die Befragung des vorerst letzten der aus Ruanda als Zeugen eingeflogenen ehemaligen FDLR-Kämpfers am 12. und 14. Dezember bot wenig Neues zur Erhellung der Anklagevorwürfe, die sich vor allem auf FDLR-Überfälle auf Zivilisten in der ostkongolesischen Provinz Nord-Kivu im Jahr 2009 beziehen. S. war in Süd-Kivu stationiert, an der Straße zwischen Uvira und Bukavu, und "wo ich war, ist keinem Zivilisten was passiert", sagt er. Im März 2010 verließ er die Ränge der FDLR und kehrte nach Ruanda zurück.
Wenn S. aus seinem Leben erzählt, lernt man jedoch vieles über die Hintergründe der im Kongo aktiven ruandischen Hutu-Rebellen. S. diente dreizehn Jahre lang bei den Rebellen im Busch. Erst im März 2010 verließ er die Ränge der FDLR und kehrte nach Ruanda zurück. Der heute 30- oder 31jährige wurde bereits 1997, im Alter von 17 Jahren, von Hutu-Rebellen verschleppt.
Damals überfielen die Rebellen die Schule in Ruanda, in die er ging, nachdem er die Jahre 1994-96 bereits als Flüchtling im Kongo verbracht hatte und zurückgekehrt war. 1997 tobte im Nordwesten Ruandas der sogenannte "Infiltrationskrieg" (guerre des infiltrés), als wenige Monate nach der Rückkehr Hunderttausender ruandischer Hutu-Flüchtlinge aus dem Kongo Bewaffnete einen Guerillakrieg gegen die Truppen der RPF-Regierung von Präsident Paul Kagame starteten.
"Abacengezi" hießen diese Kämpfer damals, "Infiltrierer". Die Zivilbevölkerung Nordwestruandas geriet gnadenlos zwischen die Fronten.
"Wir waren auf dem Weg in die Schule, am Morgen nach den Kämpfen", erinnert sich S. "Wir haben Abacengezi getroffen, die von der Front kamen. Sie sagten: Wir werden euch ausrotten, wenn ihr nicht mitkommt. Wenn man kräftig war, musste man entweder zu den Abacengezi gehen oder mit Kagame arbeiten."
S. wurde in den Kongo verschleppt, nach Masisi. Dort organisierten sich die ruandischen Hutu-Rebellen zunächst als ALIR (Armee für die Befreiung Ruandas). Es gab "ALIR I", Hutu-Kämpfer im Ostkongo nahe der ruandischen Grenze, und "ALIR II", Hutu-Kämpfer innerhalb der kongolesischen Regierungsarmee von Laurent-Désiré Kabila und seinem bis heute amtierenden Nachfolger und Sohn Joseph Kabila, die damals nur den Westen des Landes kontrollierte, während im Ostkongo Rebellen mit Unterstützung der Armee Ruandas herrschten.
Vom Westkongo aus wurden die Hutu-Kämpfer im Osten per Luftabwürfen mit Waffen versorgt, bestätigt S. - damals wurde dieser Vorwurf noch weithin als ruandische Propaganda abgetan.
Ab 2001, also nach Laurent-Désiré Kabilas Tod und der Machtergreifung seines Sohnes Joseph und dem Beginn eines Friedensprozesses im Kongo, wurden die beiden ALIR zusammengelegt, die Soldaten aus dem Westen verstärkten die Guerillatruppen im Osten. "Zu dieser Zeit haben wir gehört, dass es ALIR I und II nicht mehr gibt, nur noch FDLR", schildert S. diese Veränderung. 2003 sei die "Fusion" abgeschlossen gewesen.
Glaubt man S., betrieb die FDLR in Süd-Kivu danach vor allem Ackerbau und Handel und lebte gut mit Kongos Armee und kongolesischen Zivilisten zusammen. Die FDLR schickte der kongolesischen Armee FARDC sogar "zwei bis drei Bataillone", um die kongolesische Tutsi-Rebellion CNDP (Nationalkongress zur Verteidigung des Voleks) von Laurent Nkunda zu bekämpfen - ein weiteres Detail, das Vorwürfe bestätigt, die in der entsprechenden Zeit gerne als ruandische Propaganda abgetan wurden. Selbst die UN-Mission im Kongo (Monuc) habe die FDLR um Unterstützung gegen besonders brutale lokale Milizen gebeten, sagt S. Und kongolesische Soldaten hätten der FDLR ihre Waffen und Uniformen verkauft.
"Probleme" gab es erst, als Kongos Armee Anfang 2009 die Seiten wechselte und im Rahmen der Operation Umoja Wetu gemeinsam mit Ruanda gegen die FDLR kämpfte. Die FDLR, sagt S., holte sich damals Verstärkung aus Burundi. Dort, wo S. war, begannen die "Probleme" aber erst im Juli und August 2009, als Ruanda schon wieder abgezogen war. "Nur Kongos Soldaten sind geblieben, wir haben dann nur gegen Kongos Soldaten gekämpft. Sie wollten uns festnehmen und nach Ruanda zurückbringen", erinnert sich S.
Das war auch der Zeitpunkt, wo die guten Beziehungen der FDLR zur lokalen Zivilbevölkerung endeten, sagt S. "Als Umoja Wetu kam, haben wir nicht mehr so gut mit der Zivilbevölkerung gelebt", führt er aus. "FARDC haben FDLR aus ihrer Stellung vertrieben. In dieser Zeit haben sie FDLR-Soldaten und Flüchtlinge gefangengenommen. Dann gab es FDLR-Operationen aus Rache."
Bei diesen Racheoperationen kamen auch Zivilisten zu Schaden, bestätigt der Krieger. "Überall, wo Kongos Soldaten Stellungen hatten, waren sie zusammen mit Zivilisten, weil sie kein Essen bekommen außer von der Bevölkerung", erklärt S. und lästert: "FARDC verhalten sich wie Rebellen. Sie wissen nicht die Zivilbevölkerung zu schützen... Sie wussten, wie wie kämpfen, dass wir immer in der Nacht angreifen. In der Nacht sind sie zur Bevölkerung gegangen und jeder Soldat hat in einem Haus eines Zivilisten übernachtet."
Das Ergebnis: Wenn die FDLR Kongos Armee angriff, litt auch die Zivilbevölkerung. "Wenn ich sage, in dem Ort, wo ich war, ist keinem Zivilisten was passiert, heißt das nicht, daß es in ganz Süd-Kivu so war", präzisiert er. "In Süd-Kivu wurden Zivilisten getötet. Munition kann nicht unterscheiden; wenn man schießt, weiß man nicht, wer sterben wird. Wenn FDLR FARDC angegriffen hat, wusste man nicht, wen die Munition treffen wird."
Auf Nachfrage präzisiert der Kriegsveteran: "Wenn es Kämpfe gab und FDLR gegen FARDC kämpfte und FARDC floh, haben auch FDLR Häuser niedergebrannt. Sie wollten selbstverständlich nicht, dass FARDC zurückkommt. Alle Gruppen haben das immer so gemacht", schildert der Kriegsveteran das, als sei es die normalste Sache der Welt. "Wo ich kämpfte, ist das auch mehrmals passiert."
Leider fragt an dieser entscheidenden Stelle der Vorsitzende Richter Hettich wieder einmal nicht nach, sondern wechselt abrupt das Thema. Es kommt etwas später zu einem skurrilen Austausch darüber, ob es Gewaltanwendung bedeutet, wenn FDLR-Soldaten verlassene Dörfer plündern. "Wenn die Zivilbevölkerung aufgrund von Kampfhandlungen geflohen war, habven usnere Einheiten Sachen aus den Häusern geholt, wie Ziegen. Wir hatten Hunger", schildert S. das Kampfgeschehen. "Wir haben uns selbst zu essen geholt, genauso wie die kongolesische Armee."
Manchmal seien die Zivilisten dann zurückgekommen und hätten gemerkt, dass man sie ausgeplündert hatte, Manchmal auch nicht. Die Frage des Richters, ob S. einen Unterschied darin erkennt, Ziegen mit oder ohne Gewalt zu nehmen, versteht der Krieger offenkundig nicht.
Er sagt aber, bei der FDLR stünde auf "Klauen und Erwischt-Werden" eine Strafe von 300 Stockschlägen, ebenso auf "Heirat ohne Erlaubnis", Beischlaf mit einer Prostituierten oder interne Putschversuche. Wie gesagt: Dieser Zeuge erzählt vieles, was mit der Anklage nichts zu tun hat - aber dennoch interessant ist.
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Die ruandische Miliz FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas) ist eine der brutalsten Kriegsparteien im Afrika der Großen Seen. Hervorgegangen aus der ehemaligen ruandischen Armee und den Hutu-Milizen, die 1994 in Ruanda den Völkermord an 800.000 Tutsi verübten, hat sie sich in der benachbarten Demokratischen Republik Kongo niedergelassen, mit einer eigenen Armee und Regierung, die im Osten des Landes weite Landstriche unsicher macht und von der Rückkehr an die Macht in Ruanda träumt.
FDLR-Präsident Ignace Murwanashyaka und sein Stellvertreter Straton Musoni leben in Deutschland und führen die Organisation von hier aus. Damit sind sie auch für die Verbrechen verantwortlich zu machen, die die FDLR im Kongo begeht - unter anderem unvorstellbar brutale Vergewaltigungen an Kongolesinnen.
Am 4. Mai 2011 beginnt vor dem Oberlandesgericht Stuttgart der Kriegsverbrecherprozess gegen Murwanashyaka und Musoni. Die beiden wurden im November 2009 in Baden-Württemberg festgenommen. Der Prozess ist ein Pilotverfahren: er ist der erste in Deutschland überhaupt, der unter dem Völkerstrafgesetzbuch geführt wird - das Gesetzeswerk, das das Statut des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) in Den Haag in deutsches Recht überführt. Es geht um die Vorgesetztenverantwortlichkeit der beiden FDLR-Führer für das, was ihre Truppe im Kongo tut.
Die taz wies als erste Zeitung in Deutschland bereits im April 2008 prominent auf den Skandal hin, dass Kriegsverbrechen im Kongo von Deutschland aus gesteuert werden und die deutschen Behörden dies duldeten. Seitdem haben weitere taz-Recherchen die Vernetzungen der FDLR nach Deutschland und anderswo ausgeleuchtet und die Zusammenhänge in der Region der Großen Seen Afrikas analysiert.
Der Stuttgarter Prozess bietet den Anlass, diese Thematik mit Reportagen und Analysen weiter zu beleuchten.
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Alle Videos über die FDLR im Kongo gibt hier in der Übersicht.
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Parallel zur taz beobachtet auch Amnesty International den Prozess. Die Prozessberichte von Amnesty International finden Sie hier.
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Derzeit läuft auch in Frankfurt/Main vor dem Oberlandesgericht ein Prozess gegen den ruandischen Exbürgermeister Onesphore Rwabukombe, der 1994 die Ermordung von mehr als 3.700 Tutsi in Ruanda befohlen haben soll. Alle Artikel finden Sie dazu im taz-Schwerpunkt "Ruanda-Völkermordprozess"
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Weltraumtouristen, Satelliten und Versorgungsflüge zur ISS – die Raumfahrt wird privatisiert und kommerzialisiert.

Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

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