taz-Reise in die Zivilgesellschaft: Istanbul

 

Programm der Reise 

 

29. Mai - 6. Juni 2010

9. - 17. Oktober 2010

 

Eine ausführliche Beschreibung der vier Tagestouren mit Orhan Esen (am 2..3.,5. und 6. Tag) finden Sie hier

 

1. Tag (Samstag)

Nach der individuellen Anreise treffen die TeilnehmerInnen am Nachmittag im Hotel in Istanbul ein. Die taz-Autorin Dilek Zaptcioglu und taz-Korrespondent Jürgen Gottschlich werden die Gruppe empfangen und mit ihr das Programm der kommenden Tage besprechen. Bei einem gemeinsamen Abendessen in einem Restaurant in der Nähe unseres Hotels in Beyoglu lernen sich die TeilnehmerInnen und Reiseleiter kennen.

 

2. Tag (Sonntag)

Der Stadthistoriker Orhan Esen wird die Entwicklungsdynamik Istanbuls am Beispiel von ausgesuchten Stadtvierteln erläutern. Der Einstiegstag ist den Vierteln nördlich vom Goldenen Horn gwidmet. Hier lagen ab der Mitte des 19 Jahrhunderts die Neubaugebiete Istanbuls: Pera, Taksim-Platz, das Maçkatal und Nisantasi. Beim Durchstreifen dieser Stadträume folgen wir den Spuren der sozialen und politischen Modernisierungsgeschichte im späten Osmanischen Reich und während der republikanischen Periode.

 

3. Tag (Montag)

Wir erkunden mit Orhan Esen den Stadtteil Sultanahmet, das historische Zentrum mit römischem Hippodrom und Hagia Sophia auf der Halbinsel zwischen Marmara-Meer und Goldenem Horn. Bei diesen Spaziergängen erfahren wir die stadträumliche Kontinuität im historischen Geschäftsviertel und besichtigen das stark verfallene Yeni Valide Han, in dem bis vor ca. 2 Jahrzehnten an Hunderten von Webstühlen gearbeitet wurde. Die Soziologin Alev Erkilet begleitet uns zum letzten aus Leidenschaft verbliebenen Meister Khachick Gogian, einem Armenier. Im Rahmen eines Projektes soll er nun sein Wissen an Nachwuchs weitergeben. 

 

4. Tag (Dienstag)

An diesem Tag begleitet taz-Korrespondent Jürgen Gottschlich die Gruppe zu einer Bürgerinitiative und zu einem Menschenrechtsverein in Beyoglu. Danach geht es mit der Fähre auf die asiatische Seite nach Kuzguncuk. Dieses ruhige Viertel am Bosporus werden wir mit Jürgen Gottschlich und Dilek Zaptcioglu erkunden, die beide hier wohnen. Der Tag klingt aus bei einem gemeinsamen Abendessen am Ufer des Bosporus.

 

5. Tag (Mittwoch)

Orhan Esen setzt seine Stadtführung rund um das historische Zentrum fort: hier entwickelten sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts sog. („Über-Nacht-gebaute“) „Gecekondu" - Viertel der meist anatolischen Zuwanderer. An ihrer Entwicklung lassen sich die Eckdaten der Industriegeschichte Istanbuls ablesen. Und es wird ersichtlich, wie die Metropole mit ihren Armen und Migranten umgeht.

Zum Auftakt besuchen wir den Stadtteil Zeyrek auf der historischen Halbinsel, als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt, heute jedoch stark verslumt. Das armenisch geprägte Samatya am Marmarameer zeigt dagegen schon Anzeichen einer Gentrifizierung. Im benachbarten Zeytinburnu westlich der Stadtmauern werden wir exemplarisch die informelle Siedlungsgeschichte Istanbuls kennenlernen.

Auf der Rückfahrt halten wir im innenstädtischen 'Slum'viertel Tarlabasi. Die Bewohner wehren sich gegen Gentrifizierung und Vertreibung, die im Namen einer Europäisierung vorangetrieben wird. Kurdische sowie afro-asiatische Migranten hatten das verfallene Stadtviertel in den 1990er Jahren geprägt. Wir treffen Mitglieder und Unterstützer des Stadtteilvereins und können den Abend in einem Lokal dort ausklingen lassen.

 

6. Tag (Donnerstag)

Diesen Tag mit Orhan Esen widmen wir den neuesten Entwicklungen der boomenden Metropole Istanbul: die sind am nördlichen und östlichen Rande der Stadt hinter dem äußeren, zweiten Autobahnring gut zu beobachten. Die Tour beginnt auf der europäischen Seite in Levent, mit seinen Banken-Hochhäusern derzeit das Wirtschaftszentrum Istanbuls. Weiter geht es nach Göktürk, einem wahren Boomtown im Walde, dessen Ortsbild durch die 'Gated Communities' der 1990er-2000er Jahre geprägt ist.

Auf der asiatischen Seite fahren wir durch ein Stadtviertel, das sich in den letzten 20 Jahren aus ein paar Bauernhöfen entwickelt hat, nach Çekmeköy, einer Mischung aus wilden Siedlungen und Investorenparadies. In Dudullu sehen wir, wie ein verschlafenes Dorf mitten im Wasserschutzgebiet zu einem Industriemoloch mit 350 000 Arbeitsplätzen verplant werden kann. Über Atasehir, die erste Mega-Satellitenstadt, einst um ein Autobahnkreuz gebaut und seit kurzem ein eigenständger Stadtbezirk, fahren wir zur Bagdader Strasse: der historischen Prachtstrasse auf der asiatischen Seite, nahe dem Marmara-Meer. Hier endet die Tour. Der Abend steht zur freien Verfügung, und kann z. B. in einem der Fischlokale bei einer Raki-Meze-Tafel im Hafen von Kadiköy ausklingen. Die Fähren zurück über den Bosporus fahren bis kurz vor Mitternacht.

 

7. Tag (Freitag)

Ausflug mit Jürgen Gottschlich bzw. Dilek Zaptcioglu flussaufwärts ins “Goldene Horn”: Wir beginnen  bei den stillgelegten Hafenanlagen am 'Galataport', die heute von Kunstprojekten zwischengenutzt werden - ein zentraler Präsentationsort der "Kulturhauptstadt Europas". An der Galatabrücke besteigen wir die Goldene-Horn-Fähre. Wir fahren an der ehemaligen kaiserlichen Tabakindustrie sowie am Sitz der griechisch-orthodoxen Patriarchen vorbei nach Eyüp.

In Eyüp besuchen wir die osmanische Fezfabrik, heute eine kommunale Mehrzweckhalle, und die islamische Wallfahrtsstätte. Nach dem Mittagessen fahren wir weiter nach Silahtaraga. Hier wurde ein ehemaliges Kohlekraftwerk zu einem Campus der privaten Bilgi Universität und zu einem Museum für zeitgenössische Kunst mit weiteren Ausstellungsmöglichkeiten umgebaut - ebenfalls Austragungsort der "Kulturhauptstadt Europas". Wir besuchen das Projekt “Santral-Istanbul”, dessen Initiatoren von der Bedeutung der Kulturindustrien als Faktor für urbane Veränderungen erzählen. Der Abend steht zur freien Verfügung.

 

8. Tag (Samstag)

Am letzten Tag fahren wir mit einem Schiff auf dem Bosporus bis zum Schwarzen Meer, vorbei an Burgen, Dörfern, ‘Yali’ genannten Villen am Ufer sowie imperialen Palästen – eine Augenweide.  Wir machen Mittagpause im Dorf Anadolukavagi  und besuchen die Burgruine mit Blick auf die Schwarzmeermündung.

Bei der Rückfahrt am Nachmittag kommen wir auch an Arnavutköy vorbei, einst ein Fischerort, heute Mittelklasse-Suburbia am Bosporus. Seit über 10 Jahren Jahren wehrt sich hier eine inzwischen sehr bekannte Bürgerinitiative gegen den Bau einer dritten Bosporusbrücke. Wir treffen ein Mitglied dieser BI. Er wird von den Erfahrungen bei diesen Auseinandersetzungen berichten, die in der türkischen Öffentlichkeit eine Breche für zivilgesellschaftliches Engagement geschlagen haben.

 

9. Tag (Sonntag)

Nach dem Frühstück hat die Gruppe noch einmal Gelegenheit, bei einem Treffen mit Jürgern Gottschlich und Dilek Zaptcioglu die Erfahrungen der Reise zu besprechen. Danach heißt es von Istanbul Abschied zu nehmen. Die TeilnehmerInnen fliegen individuell nach Deutschland zurück oder setzen ihre Reise in der Türkei fort.

Umstellungen und Änderungen im Detail sind möglich.

Istanbul mit Bosporus