Reisen in die Zivilgesellschaft: Rumänien

21. Juli - 4. August 2012

Rumänien

PROGRAMM DER REISE

Wassertal in der Maramures Foto: Sven Panthöfer

1. Tag (Sa, 21. Juli)

Individuelle Anreise mit dem Zug oder Flugzeug nach Cluj (Kolozsvár/Klausenburg); Treffpunkt: 18:00 Uhr im Hotel zum Abendessen; Begrüßung durch den/die Reiseleiter Keno Verseck

2. Tag (So, 22. Juli)

Rundgang durch das Stadtzentrum von Cluj mit Führung. Dabei wird deutlich, wie sehr Klausenburgs Geschichte vom Zusammenleben verschiedener Nationalitäten, vor allem Ungarn und Rumänen, und verschiedener Konfessionen geprägt wurde. Auf der zentralen Piata Unirii besichtigen wir die kleine römische Ausgrabungsstätte und erfahren, wie der ehemalige ultranationalistische Bürgermeister Gheorghe Funar die multiethnische Geschichte der Stadt umzuschreiben versuchte. Am Nachmittag besuchen wir die Fakultät für Europäische Studien der rumänisch-ungarischen Universität "Babes-Bólyai" und treffen eine engagierte Professorin.

3. Tag (Mo, 23.Juli)

Besichtigung des Kulturzentrums "Casa Tranzit" in Cluj. Das Zentrum, gegründet 1998 von der Ethnographin und Volkstanzforscherin Csilla Könczei, befindet sich in einer ehemaligen Synagoge. Hier finden zahlreiche politische und kulturelle Veranstaltungen, Festivals und Ausstellungen statt, es geht dabei vor allem um interethnischen und interkulturellen Austausch. Die "Casa Tranzit" war eines der ersten Projekte dieser Art in Rumänien. Gespräch mit rumänischen und ungarischen Mitarbeitern des Projektes. Später treffen wir Lajos Gábor, einen Schauspieler und Künstler, der uns über das Leben und die Traditionen der so genannten Gábor-Zigeuner, zu denen er gehört, berichtet. Evtl. Treffen mit dem prominenten ungarisch-jüdischen Politiker und Anwalt Péter Eckstein-Kovács, der lange Zeit Stadtabgeordneter in Cluj und 1999 Minister für Minderheiten im Kabinett der Regierung Radu Vasile war.

4. Tag (Di, 24. Juli)

Fahrt nach Sighisoara (Schässburg), Ankunft ca. 13.00 Uhr. Stadtrundgang mit Führung durch einen örtlichen Architekten/Kunsthistoriker. Wir besichtigen u.a. das spätmittelalterliche Burgensemble, das einzig noch vollständig erhaltene und bis heute bewohnte in Mittel- und Südosteuropa. Wir erfahren, wie unter der Ceausescu-Diktatur durch die so genannte "Systematisierung" überall in Rumänien historisch sehr wertvolle Architektur vernichtet wurde und wie in Schässburg heute mit internationaler Hilfe Stadtrestaurierung betrieben wird. Besuch und Essen in der "Casa Vlad Dracul", in dem angeblich der walachische Wojewode Vlad der Pfähler geboren wurde, das historische Vorbild Draculas.

5. Tag (Mi, 25. Juli)

Wir besuchen das sächsische Dorf Birthälm (Biertan) und besichtigen die Kirchenburg, die seit 1993 zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Nach dem Sturz des Diktators Ceausescu ging die mehr als 800jährige Geschichte der Siebenbürger Sachsen praktisch abrupt zu Ende, weil fast alle Angehörigen der Minderheit binnen weniger Jahre nach Deutschland ausreisten. Wir treffen einen Kirchenvertreter der verbliebenen winzigen sächsischen Gemeinde, sprechen mit ihm über die sächsische Vergangenheit und Gegenwart und über die schwierige Aufgabe, das reiche kulturelle Erbe der Sachsen zu bewahren.

6. Tag (Do, 26. Juli)

Fahrt in das vorwiegend von der ungarischen Minderheit bewohnte Szeklerland; kurzer Aufenthalt in Székelyudvarhely (Odorheiu Secuiesc/Hofmarkt), Weiterfahrt nach Csíkszereda (Miercurea Ciuc/Szeklerburg). Nachmittags treffen wir die Soziologin und Sozialarbeiterin Emese Jóni, zusammen mit ihr besuchen wir eine Roma-Siedlung im Dorf Csíkszentkirály (Sâncraieni). Hier versucht Frau Jóni seit mehreren Jahren, den unter sehr elenden Bedingungen lebenden Roma zu helfen: sie organisiert den Schulbesuch von Kindern, Alphabetisierungskurse für Erwachsene, Gesundheitsvorsorge und vermittelt bei Konflikten zwischen Ungarn und Roma im Dorf. Wir sprechen mit János Gráncsa, dem Oberhaupt der örtlichen Roma, und seinem Enkel, ebenfalls János, der als einziger Rom im Dorf ein Gymnasium besucht hat.

7. Tag (Fr, 27. Juli)

Ein Tag Ausruhen. Optionales Programm: Wanderung, z.B. im Harghita-Gebirge mit Mittagessen in einem Berghotel oder Ausflug zu einem ca. 20 km entfernten Thermalwasser-Schwimmbad.

8. Tag (Sa, 28.Juli)

Fahrt über Gyergyószentmiklós durch die pittoresken Ostkarpaten zum Roten See (Lacu Rosu) und zur Bicaz-Klamm, einem wildromantischen Gebirgspass, der hier die Grenze zwischen Siebenbürgen und der Moldau bildet. Aufenthalt an der Bicaz-Klamm, deren Felswände bis zu hundert Meter senkrecht in den Himmel ragen und die an ihrer engsten Stelle nur wenige Meter breit ist. Weiterfahrt zum Stausee Izvorul Muntelui, Mittagessen am See, Weiterfahrt durch das Bistritz-Tal in den Ort Gura Humorului in der Südbukowina, Unterkunft im Dorf Voronet in der Nähe des gleichnamigen Klosters.

9. Tag (So, 29. Juli)

Besuch von zwei der acht berühmten mittelalterlichen orthodoxen Klöster der Bukowina/Moldau, die von außen bemalt sind und auf der Weltkulturerbe-Liste der Unesco stehen: das "blaue" Voroneţ (Nonnenkloster), auch genannt "Sixtinische Kappelle des Ostens" mit der besonders beeindruckenden Darstellung des Jüngsten Gerichtes, und das "rote" Sucevita (ebenfalls Nonnenkloster) mit seiner Darstellung der "Stufenleiter der Tugenden", das einzige der acht Klöster, welches innen und außen vollständig bemalt ist und dessen Malereien vollständig erhalten sind.

Weiterfahrt nach Radauti (dt. Radautz; jiddisch: Radevits), einem der zahlreichen ehemaligen Schtetl der Bukowina. Heute gibt es nur noch einige wenige Juden in dem Städtchen, von seiner Vergangenheit zeugen alte, renovierungsbedürftige Synagogen und ein Friedhof, der langsam verwildert. Wir treffen einen Vertreter der jüdischen Gemeinde, besichtigen eine Synagoge und den Friedhof. Abends schauen wir uns den Film "Eine verschwundene Welt - die Geschichte des jüdischen Radautz" an.

10. Tag (Mo, 30. Juli)

Auch wenn biologische Landwirtschaft in Rumänien noch nicht sehr verbreitet ist, so erlebt sie doch ein großes Wachstum und erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Die Bukowina ist dabei Vorreiter: Es gibt Bio-Bierbrauer, Bio-Konditoren, Bio-Imker, Bio-Schlachter und Bio-Käsehersteller. Wir besuchen eine Biobauern-Familie und informieren uns über die Schwierigkeiten und Erfolge von Produzenten biologischer Lebensmittel in Rumänien. Nachmittags besuchen wir einen der Töpfer im Dorf Marginea, wo die berühmte Schwarzkeramik hergestellt wird.

11. Tag (Di, 31. Juli)

Abfahrt aus Voronet in die Maramuresch nach Viseu de Sus (Oberwischau) zu Börn und Florentina Reinhardt. Das deutsch-rumänische Ehepaar betreibt in Valea Vinului (Weintal), einem Seitental von Viseu de Sus, ein Gästehaus, Björn Reinhardt ist außerdem Filmemacher und hat in vielen preisgekrönten Dokumentarfilmen das Leben und die Kultur der Maramuresch porträtiert. Nach der Begrüßung und einer kulinarischen Stärkung bei Familie Reinhardt wandern wir nachmittags zwei Stunden zur Sennerei eines Hirten und verkosten dort seinen Schafskäse.

12. Tag (Mi, 1. August)

Am Vormittag unternehmen wir eine Fahrt mit der historischen Wassertal-Dampfeisenbahn, die letzte der einst zahlreichen Wald-Eisenbahnen Rumäniens. Die Schmalspurstrecke dient seit ihrer Inbetriebnahme 1932 dem Transport von Waldarbeitern in die Berge und dem Abtransport von geschlagenem Holz. Die Fahrt mit dem langsamen, klapprigen Zug ist pittoresk, doch zugleich wird auch ein großes Problem der Gegend deutlich: Seit dem Sturz Ceausescus hat der Holzeinschlag in Rumänien dramatisch zugenommen, häufig wird Waldwirtschaft nicht nachhaltig betrieben. Ein Umweltschützer wird uns begleiten und uns zum Thema Waldrodung und Kahlschlag in den rumänischen Karpaten berichten. Am Nachmittag besuchen wir in dem Dorf Tisa nahe der ukrainischen Grenze das Ehepaar Maria und Nicolae Pipas, die ihre jahrzehntealte, auchüber Rumänien hinaus bekannte Sammlung von Volkskunst, Bauernmöbeln, Ikonen, Gemälden und Porzellan auf mühevolle Weise vor dem Zugriff der Ceausescu-Diktatur gerettet haben.

13. Tag (Do, 2. August)

Wir besuchen das ehemalige Bergwerk Baia Borsa mit seinem Staubecken voller giftiger Bergbaurückstände. Hier ereignete sich im März 2000 - wenige Wochen nach der Zyanidkatastrophe von Baia Mare - ein weiterer schwerer Giftunfall: ein Damm brach, 20.000 Tonnen schwermetallhaltiger Schlamm flossen in einen Gebirgsbach und von hier aus in die Theiss. Ein Umweltschützer berichtet uns über die Gefahren des Gold-, Zink und Kupferbergbaus in der Maramuresch. Am Nachmittag besuchen wir das Dorf Poienile Izei, ein weitgehend ursprünglich erhaltenes Dorf der Maramuresch mit einer berühmten Holzkirche und anderen Zeugnissen der Holzarchitektur aus der Maramuresch. Wir treffen zwei Weberinnen, die die auf uralten Holzwebstühlen Teppiche und Decken weben und als einzige im Dorf noch diesen traditionellen Beruf ausüben.

14. Tag (Freitag, 3. August)

Zum Abschluss der Reise wandern wir während einer Tagestour in das entlegene Bergdorf Obcina, in dem vor allem Angehörige der ruthenischen Minderheit wohnen. Wir erfahren, unter welchen Schwierigkeiten sie ihre Minderheiten-Kultur bewahren und erleben auf sehr eindringliche Weise den schmalen Grat zwischen Tradition und Modernisierung, auf dem sich die Menschen der Maramuresch bewegen: Nur noch einige wenige Personen leben ganzjährig in der schwer zugänglichen Bergsiedlung, viele arbeiten einen Teil des Jahres im Ausland und lassen ihre Kinder unterdessen bei Verwandten zurück. Durch eine Hilfsorganisation aus Deutschland werden Kinder des Dorfes unterstützt, unter anderem, damit sie eine gute Schuldbildung erhalten. Der Filmemacher Björn Reinhardt berichtet uns von der Vergangenheit und Gegenwart des Dorfes, dem er sich seit vielen Jahren eng verbunden fühlt und über das er einen preisgekrönten Film gedreht hat. Wir lernen unter anderem den Violinspieler des Ortes und seine Familie kennen.

15. Tag (Sa, 4 August)

Abfahrt nach Cluj, Ankunft dort mittags 13 Uhr, individuelle Abreise per Bahn oder Zug via Budapest nach Deutschland. (Wer erst am nächsten Tag abfährt, kann auf eigene Kosten noch ein Hotel gebucht bekommen.)

Umstellungen und Änderungen im Detail sind möglich.

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