taz-Reise in die Zivilgesellschaft

  • 06.03.2008

Zivilgesellschaft gegen Nationalismus

Diese Reise hat bereits mehrere Male mit verschiedenen Routen stattgefunden. 2012 fahren wir von Sarajevo nach Mostar, das vom bosniakisch-kroatischen Konflikt geprägt ist, ferner nach Banja Luka sowie nach Srebrenica. Und wie immer bei dieser taz-Reise werden wir mit politischen Akteuren, Funktionsträgern und Projekten der Zivilgesellschaft zusammen treffen, doch dabei auch die herrliche Landschaft, gutes Essen sowie den Wein der Region genießen.

Altstadt von Sarajevo Foto:

Zunächst werden Sie das Flair von Sarajevo genießen können. Und dabei einige interessante Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft kennenlernen. Nach einführenden Vorträgen über die Geschichte und das Kulturleben in der Stadt werden Sie dort einen Stadthistoriker und weitere interessante Persönlichkeiten treffen.

Eine dreitägige Busreise führt uns dann zunächst in die wieder aufgebaute und heute immer noch zwischen Kroaten und Bosniaken geteilte Stadt Mostar, wo wir auf Aktivisten der Zivilgesellschaft beider Seiten treffen, die Universität besuchen und auf der berühmten Brücke über der Neretva die Schönheit der Stadt genießen können. Weitere Stationen sind Jajce und Banja Luka.

Zurückgekehrt in Sarajevo werden wir weitere Projekte besuchen und in Diskussionen mit interessanten Persönlichkeiten, auch aus der internationalen Gemeinschaft, die Erlebnisse der Rundreise besprechen.

Von Sarajevo aus machen wir dann noch eine Tagestour in die ehemalige bosniakische Enklave Srebrenica, die 1995 unter fürchterlichen Umständen von den serbischen Truppen erobert wurde; über 8.000 Menschen wurden ermordet. Wir werden auf Augenzeugen der damaligen Ereignisse treffen und Menschen besuchen, die zurückgekehrt sind, um die Stadt wieder aufzubauen.

Sarajevo gehört zu den magischen Städten in Europa. Obwohl eigentlich an der Peripherie gelegen, hat die Stadt im letzten Jahrhundert zwei Mal die europäische Geschichte nachhaltig beeinflusst. 1914 als serbische Extremisten den Thronfolger des Habsburgerreiches ermordeten, was zum Anlass für den I. Weltkrieg werden sollte. Und 1992 als die über dreieinhalb Jahre von serbischen Truppen belagerte Stadt trotz großer Opfer dem Angriff standhielt. Viele haben Sarajevo damals mit dem belagerten Madrid 1936 verglichen, nur blieben die internationalen Brigaden zur Verteidigung der Stadt aus. Dafür kamen UN-Truppen, die zur Enttäuschung der Einwohner lediglich die humanitäre Hilfe in die Stadt bringen durften.

Der Krieg hat Fakten geschaffen. Das einstmals multikulturelle, multireligiöse Bosnien wurde in seiner Identität schwer erschüttert, die sogenannten „ethnischen Säuberungen“ haben Gräben zwischen den Bevölkerungsgruppen der Bosniaken (Muslime), der Serben ( Orthodoxe) und der Kroaten ( Katholiken) aufgeworfen, die einstmals vor dem Einmarsch der Nazis 1941 in Sarajevo dominierenden Juden sind nach dem letzten Krieg auf 800 Menschen geschrumpft.

Im Kontakt mit der aktuellen politischen Dynamik

Krieg, Zerstörung und ethnische Vertreibung formen das Bild Bosniens und Herzegowinas auch heute noch in den Augen der deutschen Öffentlichkeit. Auch mehr als 15 Jahre nach dem Friedensschluss von Dayton wirken die Schlagzeilen über den Krieg 1992-1995 nach. Dem Friedensprozess schenken die Medien im Allgemeinen wenig Beachtung.

Doch Bosnien und Herzegowina und vor allem die Hauptstadt Sarajevo ziehen in den letzten Jahren immer mehr Besucher an. Und die meisten waren über den Wiederaufbau der Stadt, über den Flair und die offene, tolerante Atmosphäre überrascht.

Nach wie vor werden die Konflikte von Nationalisten in allen drei Bevölkerungsgruppen geschürt. Doch nach wie vor gibt es auch das Bosnien der Toleranz und des geordneten Mit- und Nebeneinanders. Städte wie Sarajevo stehen für diese Tradition. Junge Leute wollen eine Perspektive im eigenen Land erreichen, wollen die Dinge verändern, die Mehrheit der Bevölkerung will vor allem eines: Frieden, eine wirtschaftliche Entwicklung und langfristig die Aufnahme in die Europäische Union.

Seit dem Friedensvertrag von Dayton 1995 bemüht sich die internationale Gemeinschaft, den Friedensprozess und den Wiederaufbau des Landes voran zu bringen. Mit dem Büro des Hohen Repräsentanten, den Sfor-Friedenstruppen und der Europäischen Polizei wurden dafür drei Säulen geschaffen, die nach dem Plan Brüssels bald durch eine EU-Administration abgelöst werden sollen. Dieser Prozess lief nicht ohne Widersprüche ab. Wir werden auch über die Rolle Europas während und nach dem Kriege Erkenntnisse sammeln.

Die spannende Frage, wie ein Land, das durch einen der grausamsten Kriege des letzten Jahrzehnts gegangen ist, eine demokratische Normalität entwickeln kann, wird auch auf dieser Reise nicht vollständig beantwortet werden. Aber Sie werden den Stand der Dinge konkret erfahren können. Und damit Einsichten gewinnen, die auch für andere Konfliktherde der Welt von Bedeutung sind.

Die Reise wird vom langjährigen taz-Korrespondenten vor Ort, Erich Rathfelder, und der Kunsthistorikerin Amela Maldosevic organisiert und begleitet. Seit 1991 hat Erich Rathfelder die Kriege und den Friedensprozess auf dem Balkan durchlebt und beschrieben – und kennt das Land wie kaum ein anderer.

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