Heribert Kohl war einer der Teilnehmer an der taz-Reise in die Zivilgesellschaft Bosniens im Juli 2008 (mit einer etwas anderen Route). Hier sein Bericht.
Die taz-Reisegruppe Foto: Heribert Kohl
Eine grandiose Landschaft, gigantische Felsschluchten, die von Wildwassern durch-furcht sind, alpine Matten neben karg bewachsenen Hügel- und Karstzonen, dichte Wäl-der und orientalisch anmutende Altstadtzentren – ein ideales Szenario für Abenteuerreisen, wären da nicht die stets anwesenden Zeugen menschlicher Zerstörungswut, manifestiert in ausgebrannten Dachstühlen und Mauerresten der Gehöfte auf Bergen und Tälern und in den Städten, in denen der Wahnsinn „ethnischer Säuberung“ schonungslos alles ungewollte Leben auszurotten trachtete.Die Hoffnung, in dieser von einem fast fünf Jahre dauernden Krieg gebeutelten Region heute – 13 Jahre später – Spuren einer entstehenden Zivilgesellschaft und damit neue Zukunftsperspektiven entdecken zu können, lockte eine kleine Schar von taz-Lesern in dieses Land. Zumal der Balkanspezialist und langjährige Korrespondent dieser Region Erich Rathfelder mit seiner Frau Amela ein facettenreiches und vielversprechendes Programm vorbereitet hatte. Es war einhellige Meinung aller Beteiligten am Ende der neuntägigen Rundtour über fast 1500 Kilometer, dass sich diese Neugier auf ein noch weithin unbekanntes Land des westlichen Balkan mit seinen vielfältigen und widersprüchlichen, extrem leidvollen, aber wiederum auch ermutigenden und Bewunderung abnötigenden Eindrücken gelohnt hat.
Zivilgesellschaftliche Wiederbelebung vor beeindruckender geografischer Kulisse
Geboten wurde hierbei einmal ein buntes geografisches Kaleidoskop mit Ausgangspunkt im dalmatinischen Trogir, einem mittlerweile wieder boomenden Tourismuszentrum vor den Toren von Split. Weiter ging es über das herzegowinische, nach wie vor ethnisch geteilte Mostar mit seinen immer noch an das Deutschland von 1945 erinnernden Kriegsruinen, entlang dem smaragdgrünen Gebirgsfluss der Neretva zum haupt-städtischen Zentrum Bosniens, Sarajevo: Eine andere, mittlerweile trotz über vierjähriger Belagerung 1992 bis Ende 1995 wieder friedlich anmutende und im besten Sinne multikulturelle Welt war hier zu erfahren. Nach der furchtbaren Isolation – in ihren Auswirkungen nicht vergleichbar mit der dank alliierter Hilfe doch glimpflich verlaufenden Berlin-Blockade – wirkt an diesem Ort heute trotz der immer noch sichtbaren Narben an den Hauptkampflinien wieder der alte Geist eines fruchtbaren Zusammenlebens der unterschiedlichen religiös determinierten Gruppierungen von Christen, Muslimen und Juden.
Auf der Spurensuche nach zivilgesellschaftlicher Renaissance und den „Fermenten“ des notwendigen Neuanfangs wurde man hier am ehesten und gleich mehrfach fündig. Drei Beispiele für solche, wenn auch noch zarte Pflänzchen zur Herbeiführung gesellschaftlicher Normalisierung waren hier hautnah zu erleben :
Der seiner Herkunft nach „serbische“ vormalige General Jovan Divjak, der sich dem Befehl der Heeresführung, die Zivilbevölkerung Sarajevos zu beschießen, wider-setzte und auf der Seite der Verteidiger in der belagerten Stadt ausharrte. Heute leitet er die Initiative „Bildung baut Bosnien-Herzegowina (BiH) auf“, organisiert Ferienlager und Auslandsaufenthalte von durch den Krieg betroffenen Waisenkindern aller drei „Ethnien“, sammelt und verteilt Gelder für Stipendien, für bessere Ausstattung der Schulen im Lande, die Förderung von Minderheiten (einschließlich der Roma) etc. (mehr unter: www.ogbh.com.ba).
Das Nansen Dialogzentrum in Mostar und Sarajevo, das die Initiative „Schulen unter einem Dach“ vorantreibt, in denen die ansonsten je nach Religion weiterhin getrennten Schulklassen der Sekundarstufe wenigstens in einigen „neutralen“ Fächern gemeinsam unterrichtet werden. Ein notwendiger erster Schritt, da die Lehrpläne in neuralgischen Fächern (Geschichte, Religion und selbst die ansonsten gemeinsame Sprache) noch längst nicht homogenisiert sind und damit die Ideologisierung und Tabuisierung der eigenen Tradition einschließlich ihrer offensichtlichen Fehlentwicklungen weitergegeben wird. Motto dieser Art des Konflikt-Trainings: Dialog bedeutet nicht Rechthaben, Schuldzuweisungen austeilen und am Ende als „Gewinner“ dastehen, sondern demokratische Lösungen finden im Blick auf Menschenrechte und gesellschaftlichen Fortschritt.
Besondere Anerkennung forderte uns eine im bosnischen Kontext außergewöhnlich mutige, seit 2003 bestehende Initiative von „Frauen als Kriegsopfer“ ab, ein inzwischen Tausende im Krieg vergewaltigter und mißhandelter Personen repräsentierender Zusammenschluss jener, deren Würde mit Füßen getreten wurde und die ihre Vergangenheit sonst schamhaft verschweigen. Ihr Sprachrohr Bakira Hasečić (s. das Porträt in der taz vom 25. sowie 31. Juli 2008) kämpft um Gerechtigkeit für die 25.000 geschätzten Opfer sexuellen Mißbrauchs aus allen Volksgruppen – Frauen wie auch Männer – und gegen das Leugnen und Wegschauen. Letzteres wird in der bosnisch-serbischen Teilrepublik („Republika Srbska - RS“) nach wie vor beharrlich gepflegt. Diese neben der kroatisch-muslimischen Föderation bestehende besondere territoriale „Entität“ als Staat im Staate, die von den Architekten des aus zwei Landeshälften bestehenden Staatsgebildes unter Kuratel eines internationalen „Hohen Repräsentanten“ im Rahmen des Dayton-Abkommens 1995 geschaffen wurde, zementiert die Trennungslinien der von Karadžić betriebenen ethnischen Vertreibungen und Umsiedlungen. Sie blockiert nach allgemeiner Auffassung entscheidend eine gemeinsame Staatsbildung.
Erreicht hat die bosnische Frauen-Initiative immerhin durch Sammlung mehrerer Tausend beglaubigter Zeugenaussagen von Vergewaltigungen von Frauen wie auch Männern die Aufnahme dieses Delikts als eigenen Anklagepunkt beim Haager Tribunal. Nicht jedoch, dass die vielen Hunderte heute als Polizisten in der RS agierender Kriegsverbrecher dort auch zur Verantwortung gezogen würden. Selbst ein Lehrer, der nachweislich an der Ermordung muslimischer Schulkinder in Višegrad beteiligt war, ist hier weiterhin als Pädagoge tätig.
Der Skandal von Višegrad
Der Besuch der Stadt Višegrad, die durch Ivo Andrićs Schilderung der „Brücke über die Drina“ berühmt wurde, offenbarte der Reisegruppe ein weiteres Skandalon: Die Stadt mit ihrer durch den bosnisch-türkischen Pascha Sokolović erbauten osmanischen Pfeilerbrücke, die in den 60er Jahren literarische Berühmtheit erlangte, ist heute eher berüchtigt als Ort, an dem im vergangenen Jahrzehnt Hunderte vorwiegend männlicher Opfer des Genozids von der Brückenkuppel, teilweise gefesselt, in die Drina hinabgestürzt und soweit sie überlebten, erschossen wurden. Ihre Frauen und Töchter mussten noch monatelange Demütigungen erleiden und konnten sich oft nur durch Selbstmord oder, selten genug, durch Flucht ihren brutalen Peinigern entziehen.
Gleichwohl ist diese Brücke im Frühjahr 2008 in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen worden – ganz offensichtlich unter Verkennung ihrer blutigen Verstrickung in die jüngst Vergangenheit seitens der dafür zuständigen internationalen Auswahlkommission. Alle Versuche der Initiative „Frauen als Kriegsopfer“, wenigstens durch eine Gedenktafel an der somit aus-gezeichneten Brücke der weit über 1500 Opfer von Višegrad zu gedenken, verbunden mit dem Aufruf, dass sich Derartiges nie wiederholen möge, schlugen bisher fehl. Ganz zu schweigen von der Reaktion der heute dominierenden serbischstämmigen Bewohner der Stadt, die Namen der Getöteten auch nur zur Kenntnis nehmen zu wollen. Dafür prangt nun aber in Brückennähe auf der überlebensgroßen Bronzefigur eines auf sein Schwert gestützten Volksarmisten ein riesiges Kreuz auf dessen Brust quasi als blasphemische Rechtfertigung, die von den Opfern und vormaligen Mitbewohnern durch ihre gewollte Anknüpfung an die Kreuzzugsmentalität nur als Provokation empfunden werden kann.
Schlechte Zeiten also für die Entstehung einer Zivilgesellschaft in dieser abgeschotteten Region der ost- und nordbosnischen RS – um so mehr, als hier die Insignien des gemeinsamen Staates in Gestalt der bosnischen Flagge bewußt ignoriert und durch die offen gezeigte serbische Trikolore allerorten ersetzt werden.
Trägt die Verhaftung von Radovan Karadžić zur Normalisierung in Bosnien bei?
Die Verhaftung und Überführung von Karadžić nach Den Haag Ende Juli, ständiges Thema bei unseren Gesprächspartnern wie auch in den örtlichen Presseorganen, könnte eine langfristig potenziell korrigierende Wirkung solcher Einstellungen in BiH haben, wäre da nicht die Ausweglosigkeit, die das Land weiterhin in seinen durch das Daytoner Abkommen staatsrechtlich begründeten „ethnischen“ Fesseln gefangen hält, einschließlich seiner mit ganz wenigen Aus-nahmen – wie etwa den nur in der Region Tuzla dominierenden Sozialdemokraten – auf ähnlichen Kriterien beruhenden Parteienlandschaft. Die Opfer des Genozids empfinden das Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof als späte Genugtuung, die vermeintlichen „Sieger“ und Verfechter des Status quo hingegen als erzwungene Zumutung für die von ihnen keineswegs ersehnte Beitrittsperspektive zur EU.
Lichtblicke und Schritte nach vorn sind allenfalls von denjenigen Initiativen und Aktivisten zu erwarten, die sich, wie auf der taz-Reise zu erfahren, den gängigen nationalistischen Schemata bewußt entziehen. Als Hoffnungsträger können die vor allem jungen Kräfte in den zahlreichen NGO (Nichtregierungsorganisationen) und unterschiedlichen Interessenverbänden angesehen werden, soweit sie das jeweils Trennende zu überwinden vermögen. Sie besitzen in dem durch die EU und weitere Sponsoren geförderten „Zentrum zur Promotion der Zivilgesellschaft“ in Sarajevo ein eigenes Sprachrohr als Dachverband zur Beratung und Bündelung der Vielzahl lokaler und regionaler Initiativgruppen: Einige von ihnen mischen sich bereits als sachkundige Beteiligte in die politische Willensbildung und lokale Administration ein (s. mehr im Annual Report unter: www.civilnodrustvo.ba).
Förderung genießt dieses Engagement nicht zuletzt auch durch die in Bosnien präsente internationale Szenerie, ersichtlich etwa an dem Projekt eines mit EU-Symbolen drapierten Missisippi-Raddampfers im Kleinformat, den die taz-Reisenden während einer mehrstündigen Bootsfahrt erleben durften. Er verkehrt auf der aufgestauten – da und dort aus ökologischer Unachtsamkeit leider mit zahllosen schwimmenden Plastikflaschen übersäten – Drina im Dreieck zwischen Foća, Goražde und Višegrad. Während seiner Fahrten will er gemischte Jugendgruppen oder Schulklassen zu Diskussionen über eine transethnische Zukunft anregen, unter dem Kommando übrigens eines für eine übernationale Partei (Naša Stranka) eintretenden Kapitäns aus dem serbisch-montenegrinischen Grenzort Rudo.
Zarte Pflänzchen brauchen besonders viel Pflege
Erste positive Ansätze zeigen sich unstreitig, aber überwiegend solche, die den notwendigen Wandel wohl erst in der nächsten Generation versprechen. Eine offensichtlich bereits heute „entitäts-übergreifende“ Aktivität erlebten wir am Ende der Reise in der beeindruckenden ehemali-gen zentralbosnischen (nach den Kriegswirren heute kroatisch dominierten) Königsstadt Jajce mit ihrem eine herrliche Rundumsicht verleihenden mittelalterlichen Burgberg. Hier bemüht sich eine u.a. von Japan geförderte regionale Initiative erfolgreich sowohl um die Produktion und Vermarktung ökologischer und kunsthandwerklicher Erzeugnisse wie auch die Wiederbelebung des Tourismus in einer nahezu alpin anmutenden Landschaft mit ihren vielseitigen, auch sportlichen Angeboten.
Hier war es auch, dass unsere Reisegruppe Zeuge eines verdienstvollen Investments eines deutschen Textilmaschinen-Herstellers wurde, der einen seiner besten Mitarbeiter, einen bosnischen Kriegsflüchtling als Rückkehrer aus Deutschland ziehen lassen musste, dann aber kurzerhand mit diesem ein inzwischen florierendes kleines Zweigwerk in Zentralbosnien aufziehen konnte. Solche ideenreiche Vernetzung schafft Entwicklungsperspektiven. Die Pointe dabei: Es handelte sich bei dieser Zufallsbegegnung mit dem deutschen Unternehmer zugleich um einen taz-Genossenschaftler, der als aufmerksamer Leser über unsere Bosnienreise natürlich Bescheid wusste.
Berufsbildung und Wirtschaftsförderung scheinen überhaupt die entscheidenden Schlüsselbegriffe, um das Land voranzubringen. Dies war selbst an dem grausamsten Ort des Genozids während unserer Reise, in Srebrenica mit seinen bisher über 8300 identifizierten Kriegsopfern erkennbar, wo die österreichische Initiative „Bauern helfen Bauern“ Wiederaufbau auf dem Land für die RückkehrerInnnen leistet und im sog. Deutschen Haus von der Organisation „Mütter von Srebrenica“ über zahlreiche Berufsabschlüsse mit deutscher Hilfe berichtet wurde.
Die auf dieser Reise vermittelten Begegnungen und besonders die Schilderungen persönlicher Schicksale haben uns erschüttert und betroffen gemacht. Sie in ihrer Unmittelbarkeit auszuhalten, war für manchen nicht einfach. Sie gingen unter die Haut und ließen uns stumm werden. Die BosnierInnen in Srebrenica und anderswo wollten ihre Erfahrungen an uns als ausländische Besucher aber auch loswerden und weitergeben. Solche Berichte bekommen damit ein Gesicht, das sich ins Gedächtnis eingräbt – mehr als es gedruckte Nachrichten je im Stande sind.
Alles in allem: Eine sehr dichte Begegnung dank dieser taz-Reise mit der Wirklichkeit eines von einem nationalistischen Krieg gezeichneten Landes auf dem Weg zur allenthalben von unseren Gesprächspartnern beschworenen Normalisierung. Dieser Weg erscheint lang, er bedarf vor allem weiterer Förderung von innen wie von außen. Trotz aller Widrigkeiten und Beharrung des Gestrigen zeigen sich vielfache Ansätze eines Neubeginns und neuen Denkens. Man muss allerdings, um diese zu aufzufinden, „manchmal ein Träumer sein“, wie Erich Rathfelder nachdenklich betont.
Grund genug, dieses Land wiederholt aufzusuchen: Mit Sicherheit wird man hier auch künftig Neues entdecken oder sich durch eine Einladung zum Kaffee von wildfremden Leuten unterwegs überraschen lassen können, wie es uns bei der Suche nach den Pyramiden von Visoko erging. Man muss dafür nur zu einer solch unkonventionellen Art einer intelligent vermittelten, da von langjähriger Erfahrung und Einblicken in Land und Leute getragenen Spurensuche bereit sein. Und auf eine solche nette Truppe gleichgesinnter und interessierter Mitreisender zu treffen, wie es bei uns der Fall war.
Dr. Heribert Kohl
Termin:
13. - 21. Oktober 2012
Preis:
ab/bis Sarajevo: ab 1.440 € (DZ/HP/ohne Anreise)
EZ-Zuschlag 220 €
Bahnverbindung von München aus, auch günstige Nachtzüge, sowie Europabusse.
Flüge z.B. mit Lufthansa oder Austrian Air von vielen deutschen Städten über Wien bzw. mit Malev über Budapest ab 250 Euro.
Reisegruppe: mindestens 10, max. 16 Personen
Veranstalter:
StattReisen Berlin, Tel: 030 - 458 039 47
studienreisen@stattreisenberlin.de
Die Reise kann nur beim Veranstalter gebucht werden.
Spurensuche in Bosnien und Herzegowina, Berichte von den taz-Reisen im Juli 2008 von Heribert Kohl und im August 2011 von Gisela Graf (die Routen dieser Reisen variieren jedes Jahr ein wenig).
Gaby Coldewey
Tel: (030) 25902-117
Mobile: 0178- 84 78 905
