Eine unergiebige Zeugenbefragung in Stuttgart überschattet den Streit um den Umgang mit dem Internationalen Strafgerichtshof. Denn der hat ebenfalls gegen die FDLR Anklage erhoben.

In Den Haag auf der Anklagebank: Callixte Mbarushimana. Bild: dpa
Der Zeuge C. hat offenbar ein sehr lückenhaftes Gedächtnis. Wann ist er nach Lübeck gezogen? Er kann sich nicht erinnern. Hatte er in seiner Wohung Telefon? Er kann sich nicht erinnern. Woher kennt er Ignace Murwanashyaka, den wegen Kriegsverbrechen angeklagten Präsidenten der im Kongo kämpfenden ruandischen Miliz FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas)? Von einer Demonstration, aber wann das war, daran kann er sich nicht erinnern.
Hat er mit Murwanashyaka mehr als einmal telefoniert? Er kann sich nicht erinnern, aber sie hätten über Ruanda und über Frauen gesprochen. Wie oft hatte er überhaupt mit Murwanashyaka und seinem ebenfalls angeklagten Stellvertreter Straton Musoni zu tun? Er kann sich nicht erinnern.
Der 5. Strafsenat des OLG Stuttgart wirkt ob der geringen Ausbeute der Befragung dieses Exilruanders etwas verärgert. Der Zeuge bestreitet sogar, das polizeiliche Vernehmungsprotokoll unterzeichnet zu haben, obwohl darauf seine Unterschrift steht und der Vorsitzende Richter Hettich sie ihm zeigt. Er würde mal wissen wollen, wie die da draufgekommen sein, ohne dass er unterschrieben habe, meint der Zeuge dazu. Die Angeklagten grinsen.
Die Befragung von C. hätte den Nachmittag des 5. Oktober füllen sollen – sie war nach weniger als einer Stunde vorbei. Verlesen wurden davor und danach diverse interne FDLR-Dokumente, so das vom 13. August 2005 über Murwanashyakas Wiederwahl zum FDLR-Präsidenten durch das Führungskollektiv mit 88,89 Prozent der Stimmen, und auch die Anklage des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag gegen Callixte Mbarushimana, Exekutivsekretär der FDLR, 2010 in Paris festgenommen und nach Den Haag überführt. Mbarushimana war bis zu seiner Festnahme neben Murwanashyaka und Musoni der dritte und letzte hochrangige FDLR-Führer im europäischen Exil.
Die auch im Internet nachzulesende Anklageschrift des Chefanklägers Luis Moreno-Ocampo gegen Mbarushimana ist weitaus präziser und umfassender als der in Stuttgart verlesene Anklagesatz gegen Murwanashyaka und Musoni und enthält auch direkte Vorwürfe gegen Murwanashyaka selbst. Dieser, Mbarushimana sowie der im Kongo basierte FDLR-Militärführer Sylvestre Mudacumura hätten mit gemeinsamer Zweckbestimmung gehandelt und einen gemeinsamen Plan verfolgt: eine humanitäre Katastrophe im Kongo herbeiführen, um damit die Weltgemeinschaft zu erpressen, damit sie Ruanda zu Zugestädnissen gegenüber der FDLR drängt; dazu eine Medienkampagne, um die Verbrechen der FDLR zu verschleiern.
Die Verteidigung – die zum Teil während dieser Verlesung untereinander scherzte - sagt, diese Anklageschrift sei "politisch motiviert" und es gebe keine Beweise für ihre Richtigkeit. Kein Wunder: der Prozess in Den Haag, bei dem Beweise präsentiert werden müssen, hat ja noch gar nicht begonnen. Sie moniert auch, dass Zeugen anonymisiert seien und Details "emotionalisierend beschrieben" wurden. Solle der Senat in der Anklageschrift Den Haags einen Beweiswert erkennen, werde man alle Verfahrensakten anfordern sowie die komplette Anklageschrift mit nicht-anonymisierten Zeugen.
Wieder einmal droht die Verteidigung also offenbar damit, Zeugen von FDLR-Verbrechen auffliegen zu lassen, die zum eigenen Schutz nur dann aussagen, wenn sie sich sicher sein können, dass die FDLR das nicht erfährt. Sie setzt sie damit bewußt Gefahren im Kongo aus, wo die FDLR nach wie vor militärisch aktiv ist.
Der Prozess wird am 12. Oktober fortgesetzt.
Redaktion: Dominic Johnson
Ein Telefonat zwischen den beiden Angeklagten vor ihrer Verhaftung enthüllt, wie sie sich auf ihren Prozess vorbereiteten. Sie sehen sich als Opfer, aber zugleich als von Gott geschützt. von Bianca Schmolze

Barack Obama setzt im Wahlkampf auf eine deutliche Botschaft: In Videos inszeniert er Mitt Romney als Jobvernichter, der sich nicht um die Mittelklasse schert. Eine riskante Strategie. von Rieke Havertz

Die ruandische Miliz FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas) ist eine der brutalsten Kriegsparteien im Afrika der Großen Seen. Hervorgegangen aus der ehemaligen ruandischen Armee und den Hutu-Milizen, die 1994 in Ruanda den Völkermord an 800.000 Tutsi verübten, hat sie sich in der benachbarten Demokratischen Republik Kongo niedergelassen, mit einer eigenen Armee und Regierung, die im Osten des Landes weite Landstriche unsicher macht und von der Rückkehr an die Macht in Ruanda träumt.
FDLR-Präsident Ignace Murwanashyaka und sein Stellvertreter Straton Musoni leben in Deutschland und führen die Organisation von hier aus. Damit sind sie auch für die Verbrechen verantwortlich zu machen, die die FDLR im Kongo begeht - unter anderem unvorstellbar brutale Vergewaltigungen an Kongolesinnen.
Am 4. Mai 2011 beginnt vor dem Oberlandesgericht Stuttgart der Kriegsverbrecherprozess gegen Murwanashyaka und Musoni. Die beiden wurden im November 2009 in Baden-Württemberg festgenommen. Der Prozess ist ein Pilotverfahren: er ist der erste in Deutschland überhaupt, der unter dem Völkerstrafgesetzbuch geführt wird - das Gesetzeswerk, das das Statut des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) in Den Haag in deutsches Recht überführt. Es geht um die Vorgesetztenverantwortlichkeit der beiden FDLR-Führer für das, was ihre Truppe im Kongo tut.
Die taz wies als erste Zeitung in Deutschland bereits im April 2008 prominent auf den Skandal hin, dass Kriegsverbrechen im Kongo von Deutschland aus gesteuert werden und die deutschen Behörden dies duldeten. Seitdem haben weitere taz-Recherchen die Vernetzungen der FDLR nach Deutschland und anderswo ausgeleuchtet und die Zusammenhänge in der Region der Großen Seen Afrikas analysiert.
Der Stuttgarter Prozess bietet den Anlass, diese Thematik mit Reportagen und Analysen weiter zu beleuchten.
******
Alle Videos über die FDLR im Kongo gibt hier in der Übersicht.
******
Parallel zur taz beobachtet auch Amnesty International den Prozess. Die Prozessberichte von Amnesty International finden Sie hier.
******
Derzeit läuft auch in Frankfurt/Main vor dem Oberlandesgericht ein Prozess gegen den ruandischen Exbürgermeister Onesphore Rwabukombe, der 1994 die Ermordung von mehr als 3.700 Tutsi in Ruanda befohlen haben soll. Alle Artikel finden Sie dazu im taz-Schwerpunkt "Ruanda-Völkermordprozess"
******
Ältere Texte zum Thema:
29.12.09 - Rebellen im Kongo: Die Kampfmoral ist zerstört
25.11.09 - UN-Bericht über ruandische Geschäfte:Terrormiliz wäscht Geld in Deutschland
25.11.09 - Die Hutu-Miliz und ihre Helfer: Netzwerk des Todes
25.11.09 - Von Deutschland aus koordiniert: Waffen- und Munitionstransfer
19.11.09 - Nach Verhaftungen in Deutschland: Hutu-Milizen kopflos, nicht kraftlos
17.11.09 - Terror von Deutschland aus: BKA nimmt Hutu-Milizführer fest
09.10.09 - Terror im Ostkongo: Die Befehle kommen aus Deutschland
03.09.09 - Internetpräsenz der Hutu-Miliz:Terrorseite zieht aus Deutschland weg
30.08.09 - Auf Anfrage der taz: Webseite der Hutu-Miliz abgeschaltet
15.05.09 - Terror gegen Zivilisten: Kongos schmutziger Krieg
02.03.09 - Ruandische Milizen im Kongo: Kongos müde Krieger
11.07.08 - Gesuchter Völkermordverdächtiger in U-Haft: Deutsche Hilfe für Kongos Frieden
10.05.08 - Verfahren in Deutschland: Ermittlungen gegen Hutu-Milizenchef
23.04.08 - Bundesregierung duldet Terrorchef:Ruandas Miliz-Führer in Deutschland
23.11.07 - Grausame Kriegsverbrechen im Kongo:Sexueller Terrorismus
Starre Rituale, öde Debatten, ein Haus der Langeweile? Nicht in der Ukraine! Hier werden Parlamentsdebatten noch mit Leidenschaft, Herzblut und handfesten Argumenten geführt!

Echte Stars, begeisterte Fans, prima Shopping-Tipps - wir freuen uns auf die Fußball-Europameisterschaft.

Weltraumtouristen, Satelliten und Versorgungsflüge zur ISS – die Raumfahrt wird privatisiert und kommerzialisiert.

Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare
08.10.2011 14:14 | isomatte
Wäre es nicht sinnvoller, diese dreisten Kriegsverbrecher ebenfalls in Den Haag vor Gericht zu stellen? Denn die deutsche J ...