FDLR-Präsident Murwanashyaka lässt sich im April 2009, als seine Miliz im Kongo geschwächt ist, über Desertionen in seiner Truppe aus. Es helfe nur Beten, erklärt er.von BIANCA SCHMOLZE

FDLR-Deserteure in Mutobo: "Das sind Leute, die nicht beten", schimpft Murwanashyaka. Bild: dapd
STUTTGART taz | FDLR-Präsident Ignace Murwanashyaka und sein Erster Vizepräsident Straton Musoni sprachen am 3. April 2009 nicht nur über die Möglichkeit, dass Murwanashyaka wegen der juristischen Maßnahmen gegen ihn abtaucht und Musoni ihn ersetzt, sondern auch über die zunehmenden Desertionen aus den FDLR-Rängen im Kongo. Das sehr lange Telefonat, dessen Mitschnitt und Übersetzung am 1. August nicht zu Ende geführt werden konnte, war am 3. August wieder Hauptthema der Verhandlung vor dem OLG Stuttgart. Erneut konnte es nicht zu Ende geführt werden, da gegen Ende des Nachmittags der Strom ausfiel.
"Müdigkeit" identifiziert Murwanashyaka als Hauptmotiv der FDLR-Kämpfer, die den Buschkrieg im Kongo aufgeben und sich von der UNO in ihr Heimatland Ruanda zur Reintegration ins zivile Leben zurückbringen lassen. Die Kämpfer hätten die Hoffnung darauf verloren, "dass man irgendwann gewinnen wird" - diese Einschätzung erfolgt nach mehreren Monaten Militäroffensiven gegen die FDLR im Ostkongo. "Wenn man keine Hoffnung mehr hat, dass die Dinge sich ändern können, wird alles qualvoll."
"Warum verliert man die Hoffnung?" fragt Musoni seinen Chef.
"Es gibt viele Gründe", erläutert Murwanashyaka. "Viele Leute rufen aus Ruanda an - diejenigen, die schon desertiert sind und in Ruanda sind und nicht verhaftet sind. Sie sagen: Was machst du da? Wir waren zusammen im Wald, ich bin jetzt hier und man hat mich nicht verhaftet." Das sei aber "nicht durchdacht", tadelt der FDLR-Präsident: "Wenn jemand nach Hause zurückgeht, heißt das nicht, dass die Dinge sich in Ruanda verändert haben." Schließlich gebe es viele Leute, die aus Ruanda in andere Länder fliehen, "auch viele Tutsi". Wenn das nicht der Fall wäre, "wenn es keiner wäre, der vor dem Regime flieht, würden wir sagen, dass wir uns getäuscht haben und dass die Dinge sich verändert haben."
Wenn der FDLR-Präsident erklärt, wie er gegen Desertion vorgehen will, spricht er wie ein Prediger. "Ich habe euch in den Versammlungen immer gesagt, die Leute werden sich ergeben und ihr werdet auch entmutigt sein. Oben werden sie sich auch ergeben; viele viele werden sich ergeben. Ihr werdet sagen, dass wir nicht mehr diesen Krieg gewinnen werden. Man muss beten. Jeder Abacunguzi (FDLR-Kämpfer) muss beten, das muss der Charakter von jedem Abacunguzi sein. Man muss jeden Tag beten. Derjenige, der nicht betet, wird diesen Krieg nicht zu Ende führen. Die Himmlischen haben das auch gesagt (...) Derjenige, der jeden Tag betet, morgens, mittags und abends, wenn möglich auch mittags, der hat keine Probleme. Die, die desertieren und den Wald verlassen, ehrlich gesagt sind das Leute, die nicht beten. Die sind dem Alkohol verfallen oder sind mit Geld beschäftigt."
Musoni scheint wenig beeindruckt. Er würde es lieber genauer wissen. "Wir brauchen jemanden in Ruanda, der das Leben dieser Leute, die zurückgekehrt sind, beobachtet."
"Derjenige, der desertiert ist, ist eben desertiert", kontert Murwanashyaka.
"Man braucht das", beharrt Musoni. "Es sind Sachen, die wir wissen müssen. Wir müssen wissen, wie sie leben."
"Diese Informationen können wir haben", sagt Murwanshyaka. "Aber du sollst nicht glauben, dass das die Leute daran hindert, wegzugehen."
Redaktion: Dominic Johnson
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Die ruandische Miliz FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas) ist eine der brutalsten Kriegsparteien im Afrika der Großen Seen. Hervorgegangen aus der ehemaligen ruandischen Armee und den Hutu-Milizen, die 1994 in Ruanda den Völkermord an 800.000 Tutsi verübten, hat sie sich in der benachbarten Demokratischen Republik Kongo niedergelassen, mit einer eigenen Armee und Regierung, die im Osten des Landes weite Landstriche unsicher macht und von der Rückkehr an die Macht in Ruanda träumt.
FDLR-Präsident Ignace Murwanashyaka und sein Stellvertreter Straton Musoni leben in Deutschland und führen die Organisation von hier aus. Damit sind sie auch für die Verbrechen verantwortlich zu machen, die die FDLR im Kongo begeht - unter anderem unvorstellbar brutale Vergewaltigungen an Kongolesinnen.
Am 4. Mai 2011 beginnt vor dem Oberlandesgericht Stuttgart der Kriegsverbrecherprozess gegen Murwanashyaka und Musoni. Die beiden wurden im November 2009 in Baden-Württemberg festgenommen. Der Prozess ist ein Pilotverfahren: er ist der erste in Deutschland überhaupt, der unter dem Völkerstrafgesetzbuch geführt wird - das Gesetzeswerk, das das Statut des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) in Den Haag in deutsches Recht überführt. Es geht um die Vorgesetztenverantwortlichkeit der beiden FDLR-Führer für das, was ihre Truppe im Kongo tut.
Die taz wies als erste Zeitung in Deutschland bereits im April 2008 prominent auf den Skandal hin, dass Kriegsverbrechen im Kongo von Deutschland aus gesteuert werden und die deutschen Behörden dies duldeten. Seitdem haben weitere taz-Recherchen die Vernetzungen der FDLR nach Deutschland und anderswo ausgeleuchtet und die Zusammenhänge in der Region der Großen Seen Afrikas analysiert.
Der Stuttgarter Prozess bietet den Anlass, diese Thematik mit Reportagen und Analysen weiter zu beleuchten.
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Alle Videos über die FDLR im Kongo gibt hier in der Übersicht.
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Parallel zur taz beobachtet auch Amnesty International den Prozess. Die Prozessberichte von Amnesty International finden Sie hier.
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Derzeit läuft auch in Frankfurt/Main vor dem Oberlandesgericht ein Prozess gegen den ruandischen Exbürgermeister Onesphore Rwabukombe, der 1994 die Ermordung von mehr als 3.700 Tutsi in Ruanda befohlen haben soll. Alle Artikel finden Sie dazu im taz-Schwerpunkt "Ruanda-Völkermordprozess"
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