Auf die Frage "Wer hat Angst vor Schwarz-Grün?" reagieren Innenminister Schäuble und Grünen-Spitzenkandidat Trittin so, als beträfe es sie nicht. VON ULRIKE WINKELMANN
Der eine beharrt, der andere gelangweilt: CDU-Innenminister Schäuble mit Grünen-Spitzenkandidat Trittin (Mitte: Taz-Redakteur Bollmann). Foto: caterina werner
"Die Grünen von 2009 sind so, wie die Grünen 1983 die CDU beschrieben haben: furchtbare Bürger, elitär, selbstgefällig." Der Grünenbeschimpfung des Parteienforschers Franz Walter mündete am Sonntag unmittelbar und wohlgezielt in eine Publikumsbeschimpfung. "Sie gehören doch alle dazu! Die Partei der Besserverdienenden, das sind überwiegend Sie!"
Freundliches Gelächter antwortete ihm. Das wohlgefällige Haha und Hmhm schien die resonante Bestätigung zu sein, dass die taz-Kongress-BesucherInnen genau der "saturierte Verein", das "behagliche Milieu" (Walter) sind, das eine schwarzgrüne Koalition herbeizuwählen geneigt wäre. Wobei ein Blick auf diejenigen, die dem demonstrativ leger gekleideten Politologen am Pult zustimmten, allerdings unterschiedliche Motivationen nahelegte. Ganz sicher klatschten sehr viele nicht, weil sie sich selbst erkannt fühlten, sondern weil sie andere gemeint fanden.
Der Unterschied zur rot-rot-grünen Diskussionsveranstaltung zuvor war erkennbar: Dort hatte das Publikum die Bemühungen des Linken Bodo Ramelow, der Grünen Bärbel Höhn und des SPDlers Karl Lauterbach, Rotrotgrün eigentlich zu wollen, durch Szenenapplaus und Zwischenrufe emotional unterstützt. Rotrotgrün: das Thema der gespaltenen Herzen. Schwarzgrün: eine ironische Selbstverständigung über Klassenzugehörigkeit?
Auf dieser von Franz Walter gesetzten Note wollten bei der Diskussion "Wer hat Angst vor Schwarz-Grün?" im größten Saal des Hauses der Kulturen der Welt jedoch weder der Innenminister Wolfgang Schäuble noch der Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin mitspielen. Ihre Diskussion über die Möglichkeit von Regierungsbündnissen zwischen Union und Grünen trug einen eher abstrakten Stellvertretercharakter: Das Schwarzgrün-Thema liegt zwar seit geraumer Zeit auf dem Tisch. Doch wurde es verhandelt, als beträfe es irgendjemand anderes.
"Am liebsten koaliert die Union mit sich selber - und hätte damit auch genügend Konfliktstoff", erklärte der Innneminister in einem raren Versuch, Sympathien beim Publikum zu erringen. Selbstverständlich hätten die Grünen sich seit den 1980er Jahren ungefähr so verändert, wie Franz Walter dies zuvor geschildert habe, sagte Schäuble. Doch die FDP "wird für vorhersehbare Zeit der Wunschpartner der Union bleiben".
Auch Jürgen Trittin legte Wert darauf, dass Schwarzgrün erst einmal nur das Regierungsmodell für den Fall ist, "wenn es anders nun einmal nicht geht" - in manchen Kommunen etwa, und vielleicht noch in Hamburg, auf dessen Besonderheiten aber niemand einging. Nach der Methode der vergifteten Zustimmung spielte Trittin Einigkeit nur vor, um dem Gesprächspartner zu schaden: "Ich bin mir schon wieder ganz schrecklich einig mit Herrn Schäuble - darin, dass die große Koalition gescheitert ist."
Doch wollte der Grünen-Spitzenkandidat selbst für die kommende Führungsgeneration keine Bündnisse herbei prophezeien: "Ich sehe auch für Norbert Röttgen und Cem Özdemir noch keine schwarzgrüne Koalition".

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Leserkommentare (45)
04.04.2011, 19:13 | Jasmin Pohler:
Zu Tim Peters: Jemanden, der durch ein Attentat im Rollstuhl sitzt, paranoiden, ...
04.04.2011, 19:13 | Northsea:
Konnte leider nicht dabei sein, habe aber gehört, dass der Kongress auch auf hob...
04.04.2011, 19:13 | Martin:
Würde es um Inhaltsschnittmengen gehen, käme als realistische Option für Rot, Gr...