Dossier Revolte und Liebe – die 68er

taz-Genossen erinnern sich

Mein Achtundsechzig!

Genossinnen und Genossen der taz erinnern sich an das Jahr 1968 - ein Stück Geschichte aus indivividueller Sicht.

Klebemarken mit der Aufschrift "Enteignet Springer" Foto: privat

Wir waren in der vierten Klasse. Im Radio hatten wir etwas gehört von Studentendemonstrationen. Natürlich ohne irgend etwas zu verstehen. Aber nicht ohne beeindruckt zu sein. Also skandierten wir in einer Gruppe von Jungs auf dem Nachhauseweg vor der Schule lauthals im Chor: "Ho, Ho, Ho Chi Min". Und hatten einen Höllen Spaß dabei. Am selbst erzeugten Lärm, an unserem "Mut", an der Provokation der Passanten und Lehrer. Joachim Wagner

1968 war ich zehn Jahre alt. Und noch im vierten Schuljahr. Bei Horten in Gevelsberg kaufte ich damals meine erste Schallplatte : "Hey Jude" von den Beatles. Auf der Rückseite der Song "Revolution". Beim Abspielen musste ich mir den Plattenspieler mit meinem Großvater teilen. Der hörte am liebsten Marschmusik. Vom Geist der 68er war in Gevelsberg nichts zu spüren. Es herrschte noch Zucht und Ordnung. Als ich 1969 zum Gymnasium kam, war klar geregelt, dass die Schüler zu Beginn der Pause nur die Treppe hinab und zu Pausenende nur hinauf gehen durften. Das hieß für den Erdkundeunterricht, den schweren Diercke-Weltatlas mit auf den Schulhof zu nehmen. Dass ich überhaupt zum Gymnasium gehen konnte, schreibe ich den Sozis zu. Auch das Studium war für den Sohn eines Lokomotivführers nicht selbstverständlich. Trotzdem habe ich nur einmal SPD gewählt (1976). Später war ich grüner Stadtrat in Wuppertal. Das Gymnasium in Gevelsberg ist heute ein Altenheim und Horten lange geschlossen. Klaus Lüdemann

Ich ging '68 zur Schule. Dritte Klasse. An einen Tag erinnere ich mich: Nachmittags unterwegs mit der Straßenbahn, um meine gehörlose Mutter bei einem Amtsbesuch in der Innenstadt zu begleiten. An der Haltestelle 'Hauptbahnhof': Wie immer Umsteigen. Irgendwie hielt die Straßenbahn aber nicht an der gewohnten Haltestelle. Wir stiegen mit den übrigen Fahrgästen aus und überquerten zu Fuß den großen gepflasterten Platz vor dem Nürnberger Hauptbahnhof. Eine - für meine damalige Größe - riesige Menschenmenge war in einer Ecke des Platzes unterwegs und bewegte sich auf das gegenüberliegende 'Grand Hotel' zu. Erst Jahre später (als ich AFN mit meinem eigenen Radio hören konnte), erfuhr ich, dass unter seinem Dach AFN - American Forces Radio Nuremberg - sendete. Die mit uns ausgestiegenen Fahrgäste beschleunigten ihre Schritte um schnell vom Platz zu verschwinden. Meine Mutter und ich waren irgendwie neugierig was da abging und schlenderten mit auf das 'Grand Hotel' zu. Die vielen Menschen sangen sehr laut und engagiert etwas, das sich nach 'Hohohotschimin' anhörte und dann fingen ein paar an Farbbeutel auf das Haus zu werfen. Bunte große Flecken auf der Sandsteinfassade. Eine großartige Atmosphäre war das. So viel Begeisterung und Leidenschaft, wie ich sie auf keinem Faschingsumzug je erlebt hatte. Meine Mutter zog mich am Arm vom Platz, nachdem Polizisten begannen die Farbbeutelwerfer - die ich unerhört frech fand - abzudrängen. Leider konnte sie mir nicht sagen was da los war, worum es ging, woher diese unglaubliche Leidenschaft kam. Ob das an ihrer Behinderung lag oder an ihrem pädagogischen Konzept kann ich Heute nicht mehr klären. Was mir deutlich, wie Gestern, in Erinnerung ist: Die emotionale Energie, die da auf der Strasse zu spüren war. Vielleicht war das mit ein Grund mich später an den 'Petting statt Pershing' Demos zu beteiligen. Die waren im Vergleich mit der Erinnerung allerdings nur langweilige 'Wandertage'. Der Vorplatz des Nürnberger Hauptbahnhofs ist mittlerweile auch nicht mehr der Alte. AFN ist ausgezogen, das Hotel dümpelt mit Leerständen vor sich hin und statt den Kopfsteinpflaster, auf dem alles stattgefunden hat, gibt es einen vierspurigen Verkehrsknotenpunkt. Da können sich nur noch Autos versammeln. Klaus Maier

Es war der 31.12.1967 in Offenbach am Main. Meine drei Jahre ältere Schwester Christiane fand die Beatles toll. Leider, leider! Denn ihren größten Geburtstagswunsch, die neueste Single Hello Goodbye, würde sie nie und nimmer geschenkt bekommen. Zu schlimm war diese Musik! Iin unserem Elternhaus, unserer Schule, in unserer Kirchengemeinde,war man einhellig der Meinung, und der schloß ich mich selbstverständlich an als 11-jährige, daß dies keine Musik sei, sondern verderben würde. Ich hatte keine blassen Schimmer warum, nur daß Beatles zu hören einen klaren Bruch bedeuten würde mit dem Richtigen, dem Normalen, dem Gesunden, kurz mit unserer Mutter, die uns drei Geschwister allein großzog, nachdem unser Vater vor zwei Jahren uns sitzengelassen hatte. Morgens früh hörte ich dann das Teufelswerk in unserem Wohnzimmer, die Plattenhülle lag auf dem Gabentisch. Ich traute mich gar nicht rein, lugte nur durch den Türspalt und konnte es nicht fassen. Ich fragte immer wieder nach, die Single war das Geschenk meiner Mutter an Chris! Ich schloß messerscharf, daß es meiner Mutter wichtiger war, meine Schwester zu beglücken, als ihren eigenen musikalischen Standpunkt allzu wichtig zu nehmen. Die Platte lief den ganzen Tag. Wahrscheinlich bin ich seit dem 1.1.1968 Beatlesfan. Ein Schlüsselerlebnis, das mich die vielen Tabubrüche der Folgezeit: lange Haare der Jungen und Hosentragen der Mädchen, locker nehmen ließ. Conni Zeul

Als sie Sonntag spät in der Nacht ihre Wohnung wieder betrat, kamen ihr die Räume vor wie eine ferne Erinnerung, die sie sich erst wieder ins Gedächtnis rufen mußte. Sie ging in die Küche, da surrte der Kühlschrank wie immer. Ein Kissen lag schief auf der Sitzbank, wie es eben herausrutscht, wenn man sich beim Aufstehen zwischen Tisch und Bank hindurchwindet. Mechanisch schob Elsbeth das Kissen zurecht, so daß es parallel zur Sitzkante lag. Der Deckel vom Gasherd war ordentlich heruntergeklappt. Im Spülbecken stand das Glas, aus dem sie Freitag nachmittag noch getrunken hatte. Am Wasserhahn hing ein Tropfen, der ins verchromte Becken fiel und in einem leisen Dröhnen zerplatzte. Mit einem raschen Schritt war Elsbeth am Hahn und drehte ihn fest zu. Sie knipste das Licht in der Küche wieder aus, ging ins Wohnzimmer. Durch die zwei großen Fenster kam genügend Licht von draußen herein, sie sah die Umrisse ihrer Möbel: vier Stühle rund um den Eßtisch und zwei Schritte daneben die Sessel, das Sofa. Von den Regalen schimmerten die Buchrücken. Sie setzte sich mit weit aufgerissenen Augen in einen Sessel und versank in der Stille der Nacht. Einmal krächzte ein Vogel, wie aus Versehen. Vor ihrem inneren Auge liefen die Bilder des vergangenen Wochenendes ab; sie vermochte keine Ordnung hineinzubringen. Vielleicht aus Müdigkeit, dachte sie, ich habe seit Freitag fast überhaupt nicht geschlafen. Es gibt Momente, in denen das Schlafen nicht wichtig ist. Ihre Entscheidung war gefallen, daran würde sich jetzt nichts mehr ändern, das war so sicher wie der Fußboden unter ihren Sohlen. Sie bemerkte jetzt, daß sie in ihrer Benommenheit vergessen hatte, ihre Schuhe auszuziehen. Sie holte das nach und tastete mit den Zehen über die langen Fasern des Flokkati-Teppichs. Sie zog auch noch die Strümpfe aus, um die Wolle besser zu spüren. Sie hatte entschieden, doch von den Folgen, die sich aus dieser Entscheidung ergeben würden, konnte sie sich keine Vorstellung machen. Ihr Leben würde sich ändern, es würde schwierig werden. Ein Beben durchzog sie im Innern, sie empfand das als einen Beweis für ihren Mut vor dem Unbekannten, sie atmet tief und erhob sich. Erstmal schlafen. Vor dem Einschlafen erinnerte sie sich noch daran, wie geborgen, wie wohl aufgehoben, wie behütet sie sich in Saarbrücken gefühlt hatte. Harald und Ursula hatten sie in ihre Mitte genommen, eine fremde Person gesellte sich dazu, sie wurde als Haralds Schwägerin vorgestellt, die sich in einer psychotherapeutischen Ausbildung befand. Bald war sie gar nicht mehr fremd. Alle drei hatten ihr freundliche Fragen zugeworfen, Fragen, die ihr helfen sollten, Klarheit zu finden, und die sie gleichzeitig in immer größere Verwirrung stürzten, und mitten unter den Fragen warfen sie ihr ein Kissen zu, weil sie gesehen hatten, daß Elsbeth unbequem saß. Ja, in der Erinnerung erschien ihr dieses Kissen als das Wichtigste, das sie erlebt hatte, weil sie sich den Vorgang nicht erklären konnte, ihn nicht erwartet hatte. Sie hatten alle vier auf dem Fußboden gesessen, auf dem Teppich - für die drei andern war das offenbar eine gewohnte Sitzweise. Für Elsbeth nicht. Sie lehnte sich an die Wand und fand dennoch keine bequeme Position, die Mauer war kühl. Sie hatte auf diese Einzelheiten nicht geachtet, es waren Äußerlichkeiten, und es stürmte so vieles auf sie ein. Doch die andern hatten ihr Unbehagen bemerkt, hatten wie selbstverständlich ein Kissen zur Hand gehabt und es ihr zugeworfen, und sofort saß es sich besser. Wer von den dreien hatte ihr eigentlich das Kissen zugeworfen? Harald, der ihr kurz nach der Ankunft gleich ins Gesicht gesagt hatte: "Du steckst in einer Depression"? Auch dieses Wort, mit ungenierter Bedeutsamkeit ausgesprochen, hatte ihr wohlgetan. Ihre Tränen, ihr nicht unterdrückbares Weinen bekamen dadurch den Stempel des Anerkannten, des fast Normalen. Sie durfte weinen. Harald und Ursel fanden nichts dabei. Oder kam das Kissen von Ursula? Die konnte mit wenigen, unauffälligen Griffen das Bett richten, eine Mahlzeit auftischen, dabei lachte sie und erzählte saarländische Witze, die Elsbeth in die Atmosphäre ihrer Studienzeit zurückversetzten. "Ei, wofür brauchste de Wänchen? Ei, fir ze jickelen!" Vielleicht hatte auch Claire das Kissen geworfen. Sie hatte außerhalb dieses Gruppentreffens kaum mit Elsbeth gesprochen - sie war am Samstagnachmittag vorbeigekommen, um mit Harald Berufliches zu besprechen - aber es ging eine Wärme, eine Direktheit von ihr aus, um die Elsbeth sie beneidete. Ja, Claire mußte das Kissen geworfen haben. Getröstet schlief Elsbeth ein. Barbara Höhfeld (Aus einem unveröffentlichten Roman)

Von der PH-Neuss aus schwappte die Bewegung auch auf das konservative Staatliche Quirinus-Gymnasium über. Dies war noch 68 eine reine Knabenschule, früher Jesuitenschule und nun Kapitalismus- und Katholizismusschule für die Werhahn-Adenauer, Christian Schauerte, Kardinal-Frings-Clans. Ich gehörte zur kaum geduldeten Gruppe der in Klasse "c" versammelten Nicht-Katholiken, der sich zu allem Überfluss dem kaum geduldeten neusprachlichen Zweig anschloss, statt dem Altgriechisch-lateinischen Main-Stream (Klassen "a" und "b"). Mit der "Gnade der späten Geburt" gesegnet, war ich im Sommer 68 fast 18 Jahre jung. Wir fühlten uns jedoch sauwohl in der "c", weil wir vom Lehr (Leer!)körper eh nicht ernst genommen wurden. Das drückte sich darin aus, dass wir im Klassenschrank eine abgefuckte Gitarre hatten, mit der wir regelmäßig unseren Geschichtslehrer mit der Internationalen zum Stundenbeginn begrüßten. Zurück zu den 68er-Segnungen für das erzkonservative Quirinus-Gymnasium in der CDU-Regierten katholischen Stadt Neuss (60% CDU oder mehr), die durch folgende Aktion "einfach mal, durch (folgende, dV.) kleine Aktion, belüftet werden musste" (taz-Mail vom 29.11.07) Die PH wurde bereits einige Zeit bestreikt, die abschließende Lesung der Notstandsgesetze im Bundestag, mit der u.a. der Einsatz der Bundeswehr im Innern abgesegnet werden sollte, stand an. An diesem Tag kam mein Freund Thomas D., vom "modernen", nicht-humanistischen Schwann-Gymnasium, zu mir und sagte, dass sie streiken wollen und ob wir nicht auch sollten. Ich war sofort dafür, wir beide stammten aus Gewerkschafter-Familien, in denen der Neusser-Muff per se laufend durchgelüftet werden musste. Also organisierten wir, einige aus der "c" den Schulstreik so im Juli oder August 68. Wir forderten alle Schüler auf, die Klassen nicht zu betreten, boten aber in der Aula Vorträge zu anderen Bildungssystemen an. Meine Aufgabe war über das Schwedische Schulmodell mit Individualförderung, Gemeinschaftsschulsystem, kleinen Klassen, kein Sitzen bleiben etc. zu referieren. Heute denke ich mir, genau das PISA-Thema von heute. Klasse war, dass der Rektor Dr. Söhngen sich tatsächlich in die von uns besetzte Aula seiner Schule setzte uns zuhörte und nicht die Bullen holte. Dennoch kam der Brief nach Hause mit der Drohung, dass das Konsequenzen haben würde. Unterschrift der Eltern wurde eingefordert, der Brief musste beim Klassenlehrer abgegeben werden. Mein Vater hat nie irgendein Schwänzen oder Schwächeln bei uns unterstützt, aber seine Bemerkung auf dem Brief, nämlich "? ich unterstütze das Verhalten meines Sohnes voll und ganz" hat mir so richtig den Rücken gestärkt, den Brief habe ich gerne abgegeben! Es kam auch Nichts von der Schule nach, keine Sanktionen etc. Ja, die konservative Presse tobte und verbreitete Märchen, wir hätten die kleinen Schüler gewaltsam daran gehindert die Schule zu betreten etc. Wir sind natürlich zur Redaktion der Zeitung gezogen und haben Richtigstellung bzw. die Namen der Denunzianten etc. verlangt, vergeblich. Der Tag der Notstandgesetzlesung: Thomas sagte mir bei dem gemeinsamen Radeln zur Schule, dass sie vom Schwann das Rathaus stürmen wollten, ich sollte mitkommen, damit vom Quirinus auch eine dabei sei. Ich dachte nicht lange nach, klar war ich dabei. Der Rathausplatz war gefüllt mit PH-Studenten, vielen Schülern des Schwann-Gymnasiums und einigen von unserer Schule" und wohl auch einigen Arbeitern und Bürgern. Wir verlangten von unten, dass der CDU-Oberbürgermeister rauskommen und zu den Notstandgesetzen eine Stellungnahme an die Demonstranten abgeben solle, Der kam natürlich nicht. Also wir rein, die Treppen hoch: Ich glaube so um die sieben Leute, sechs davon von der SMV (Schüler-Mitverwaltung) des Schwann-G. Der einzige vom Quirinus war ich. Tür auf, rein zum Bürgermeister, der alleine, verschreckt an seinem eichenen Schreibtisch saß. Die Schwannler forderten ihn auf, rauszukommen, auf den Balkon. Er wollte nicht, wollte aber unsere Namen. Wir sagten lediglich, dass wir von den SMVen der 2 Gymnasien wären. Witzigerweise kam keiner seiner MA rein. Wir haben ihn echt überrascht. Wir forderten ihn auf rauszugehen, was zu den Demonstranten zu sagen. Er weigerte sich, wollte penetrant unsere Namen, das ging so einige Minuten lang. Er wollte nicht raus, wir wollten unsere Namen nicht rausrücken. Wir dachten schon, wann kommen die Bullen, aber die kamen nicht. Allerdings ließen wir den Bürgermeister auch nicht telefonieren. Wir hatten richtig Mut, weil die Parolen von draußen so wohltuend laut in das verstaubte Rathaus reinschwappten. Also wir nach einiger Zeit wieder raus, haben die Weigerung des OB, nicht zur Demonstration sprechen zu wollen per Megafon verbreitet, was die Wut auf dem Platz noch erhöhte. Am nächsten Tag wollten wir weiter agieren, aber leider sind die Scheiß-Russen mit ihren Warschauer-Pakt Freunden am 21. August 68 mordend in Prag einmarschiert. Vorbereitete Flugblätter, Presseaktikonen alles abgesagt. Scheiße!!!!!!!!!!!!!! Eckhard Markmann

Als Besitzerin eines adrett geschnittenen Bubikopfes, in Kleidern, die meine Mutter nach Simplicity-Schnitten genäht hatte, lebte ich in der biederen Kleinstadt. Im Fernsehen Kriegs-Bilder; Vietkong, Phnom Penh in schwarz-weiß! Wer kämpft da gegen wen und um was geht es eigentlich? Make Love not war! "Nürnberg" hieß der Duft der großen, weiten Welt der 12jährigen Petra. Von dort kamen aufregende Neuigkeiten: die APO war gegründet. Warum schießt ein Mann auf Rudi Dutschke? Peace now! Lehrlinge verlangten nach Haartrocknern in den Umkleideräumen. Mein Vater schimpfte über diese Gammler, Hippies. Und dann sangen Donna Gaines und Su Kramer über Haare! Das Musical Hair kam in die Provinz. Oh, wie ich mir wünschte dieses Musical live zu erleben! Die Vorstellung gastierte vor den Toren Nürnbergs, trotzdem durfte ich nicht mal dran denken, dorthin zu wollen. Let your hair grow! Mädchen aus meiner Schule banden sich bunte Tücher um den Kopf, trugen gebatikte Hemden zu langen Bananenröcken, hatten Kettchen um die Fußknöchel. Sie sahen so schön aus und kamen doch auch aus ordentlichen Familien!? Wenn ich morgens hinter ihnen zur Schule ging, wurde ich immer traurig. Flower-Power! Vor dem Spiegel übte ich, mich so wie Donna Gaines und Su Kramer zu bewegen. Von den Fingerspitzen an versuchte ich eine Welle von der einen zur anderen Seite meiner ausgestreckten Arme laufen zu lassen. Das sah mit der Zeit recht gut aus, aber ich? Die Antworten auf meine Fragen kamen von Leuten, die Eltern oder LehrerInnen als Establishment bezeichneten - im Jahr 1968 begann ich erwachsen zu werden. Petra von Hoffen

Am 2. Juni 1967 trafen wir uns - drei Berliner Studentinnen, die gegen den Schah von Persien demonstrieren wollten. Ich erinnere mich nur noch dunkel an Details. Aber es muß heiß gewesen sein, denn ich trug mein "Griechenkleid" aus handgewebtem griechischem Baumwollstoff. Die Szenen vor dem Rathaus Schöneberg haben sich tief eingeschrieben: Absperrungen und berittene Polizei trennten uns DemonstrantInnen von einer Gruppe jubelnder Perser am Eingang. Die meisten hielten Schilder hoch mit Fotos und Sprüchen "Wir begrüßen unseren Kaiser in Berlin. Wir schrien dagegen, "Schah - Mörder" vermutlich. Plötzlich verließen mehrere von ihnen ihren Platz, entfernten die Schilder und gingen mit den Holzlatten auf die ganz vorne stehenden los, ein besonders stämmiger vierschrötiger Kerl auf mich. Es war schwer auszuweichen, die Pferde der Polizei versperrten den Fluchtweg nach hinten und zur Seite. Die Pferde hatten offenbar Angst, ich auch, die Polizisten fingen an, auf die Schahgegner einzuschlagen. Irgendwie bin ich aus der Falle herausgekommen. Die Freundinnen hatte ich verloren. Die anderen Demonstranten machten sich zur Oper auf. Ich fühlte mich zu wütend und aufgewühlt, hatte Angst, die Kontrolle zu verlieren. Ich flüchtete in die Kunstbibliothek in der Jebenstraße und versuchte zu arbeiten. Am nächsten Morgen erfuhr ich erst vom Mord an Benno Ohnesorg.... Das Ereignis hat auch meine Sicht auf die Welt und mein Handeln verändert. Das Kleid habe ich aufgehoben. Es hat einen anderen Grad von Wirklichkeit als die Erinnerungen und die Bilder, die im Fernsehen hin und wieder gezeigt werden. Ich erinnere nicht, dass ich es nach dem 2. Juni noch getragen hätte. Heute kann ich mich nur noch mit Mühe reinzwängen....Dr. Irene Below

Tja, 68. Es war irgendwann im frühen Frühjahr, draußen noch ziemlich schattig. Es ging wie immer und ständig darum, Politik zu machen und das persönliche Leben so zu verändern, dass es dabei nicht störte. Wir waren eine ziemlich heiße Clique, Brigitte M. gehörte dazu, Gudrun R., Rolf P. und Rolf H., und eben ich. Wir hockten eines Abends in der Metzstraße, kifften, tranken Bier und Wein hörten Stones oder was. Dann legte Rolf P. "lautlos und Luise" von Ernst Jandl auf. Brigitte M., glaube ich, kramte "Was tun?" vom Genossen Lenin raus und begann laut zu lesen. Ich ergänzte das Ganze durch ebenfalls laut vorgetragene Zitate aus otto caput Nr. 0, einem unter starker Beteiligung der Anwesenden erstelltes Pamphlet gegen das Münchener Institut für Zeitungswissenschaft, insbesondere dessen erzreaktionären Chef Otto B. Roegele und seinen willfährigen Handlanger Peter Glotz. Der Dreiklang von Schtzgrmm, 16 Jahr, Südostbahnhof etc., Handlungsweisungen an revolutionäre Kader und radikalem Frustabbau versetzte uns alle in eine unglaubliche Stimmung, sehr heiter, sehr locker, sehr revolutionär. Wir trieben dieses Spiel stundenlang, weil wir die spontane Ganzheit von Politik, Kultur und selbst Verfassten erlebten, begriffen und genossen. Stellen Sie die Tassen auf den Tesch, perdon Rüdiger Weigelin

Es ist 68 - und wir gehen nicht hin! Stattdessen korrigiere ich Hefte am Esstisch, mit meinem Sohn auf dem Schoss. Als ich im achten Monat schwanger war, bemerkte der Pfarrer in der Schule säuerlich, er finde es gar nicht gut, dass Lehrerinnen neuerdings heiraten dürfen. Und noch einige Jahre vorher riskierten meine Eltern, vom missgünstigen Hausbesitzer nach dem Kuppeleiparagraphen angezeigt zu werden, weil mein Freund bei uns übernachtet hat. Ruhig ist es im 800-Seelen-Dorf im Schwarzwald, die Sit-ins, Teach-ins finden woanders statt. Trotzdem bin ich sicher: wir können die Welt verändern, mein Sohn und ich! Katalin Erat

Im Herbst belegte ich mit einem anderen SDS-Theologen ein Predigt-Seminar an der Heidelberger Universität. Als fortgeschrittene Theologiestudenten konnten wir uns nicht länger vor den praktischen Fächern der Theologie drücken. Wichtiger als der Schein war für uns die Frage: Wie kann man die Revolte in dieses Seminar tragen? Eine schwierige Aufgabe, denn die meisten Studenten wollten schlicht und einfach lernen, wie man predigt. Wir griffen Standardbegriffe der Theologie auf und nahmen sie ernst. Der Prediger soll die Situation der Zuhörer ernst nehmen und gleichzeitig die Adressaten des biblischen Textes, bzw. die Funktion dieses Textes berücksichtigen. Natürlich klingt es banal, dass man ein Klagelied aus dem Alten Testament nicht für eine Hochzeitsfeier verwendet. Aber wir bestimmten die Situation der Zuhörer radikaler, als Lohnabhängige, die nur durch solidarischen Kampf gegen ihre Ausbeuter ihre Lage ändern konnten. Oder wir bezogen die Dritte Welt mit ein, die durch die Vorherrschaft der imperialistischen Länder in Abhängigkeit und Unterentwicklung gehalten wurde. Meine Seminar-Predigt musste ich wie üblich in einer Kirche vor den anderen Seminarteilnehmern halten. Als Grundlage erhielt ich einen Text aus der Offenbarung des Johannes zugewiesen. Ein mir völlig fremder Text, in dem sich der Verfasser ausmalt, wie es beim Jüngsten Gericht nach der Auferstehung der Toten zugehen könnte. Auf den ersten Blick stolperte ich über eine Stelle: Alle Auferstandenen beugen ihre Knie vor dem obersten König, wie Gott genannt wird. Also ein Bild aus monarchischen Zeiten. Konnte man es in heutige Bilder übersetzen? Ich fand: nein. Die gepriesene Haltung des Kniebeugens vor dem Herrscher oder Gott ist einer demokratischen Gesellschaft unwürdig. Solcher Art Gehorsam hatte die Verbrechen im Nationalsozialismus erst ermöglicht. Ich wollte meinen Knie-Beugen-Text nicht demokratisch interpretieren und mich dann mit dem Professor über die Interpretation streiten. Hier galt es klipp und klar zu sagen: Dieser Text ist emanzipationsfeindlich. Über diesen Text würde ich nicht predigen. Folglich wählte ich als Überschrift meiner "Predigt": "Warum über Apokalypse 7, 9 - 17 nicht zu predigen sei". Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, schmückte ich meine Nicht-Predigt reichlich mit Zitaten von Ernst Bloch gegen die Herrenkirche, die sich immer auf die Seite der Reichen und Mächtigen geschlagen, den Armen aber Gehorsam und Entsagung gepredigt und Erlösung im Jenseits versprochen hatte. Statt einer Bibel-Auslegung legte ich - unter wörtlichem Zitat - den Text der "Internationale" aus: "Es rettet uns kein höh'res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, müssen wir schon selber tun." Mir war unklar, wie der Professor reagieren würde. Um es ihm nicht zu leicht zu machen, hielt ich mich strikt an die Vorgaben, wie eine Predigt erarbeitet werden sollte. Ich legte große Sorgfalt auf die historisch-kritische Untersuchung des Textes, seines möglichen "Sitzes im Leben", also wofür er bei seiner Entstehung gebraucht worden war, und auf die Situation der Adressaten. Den Adressaten im Seminar, meinen Mitstudentinnen und Mitstudenten, hatte ich anderes zu sagen. Während meiner Nicht-Predigt stand ich vor dem Altar einer großen Kirche. Mitten in der Ansprache erhob sich der Professor, kam nach vorne zum Altar, ging an mir vorbei und löschte hinter mir die brennenden Altarkerzen. Die Seminarteilnehmer standen keineswegs auf meiner Seite, hielten es aber auch nicht gerade für angebracht, meine Nicht-Predigt zu unterbrechen und mich rauszuschmeißen. Das wusste der Professor. Deshalb hätte er für eine gewaltsame Aktion seinerseits oder für den Abbruch des Seminars keine Unterstützung gefunden und beschränkte sich deshalb auf einen symbolischen Akt. Etwas hilflos signalisierte er, dass hier nichts Heiliges geschähe, nicht Gottes Wort verkündet würde, sondern der leibhaftige Antichrist der Endzeit, mindestens aber ein Abtrünniger am Werke wäre. Gerächt hat sich der Professor mit den ihm zur Verfügung stehenden Mittel des "Scheins". Auf mein Seminarzeugnis schrieb er: "Schröder hat ein Referat ,Warum über Offenbarung 7, 9-17 nicht zu predigen sei' gehalten." Natürlich würde die Kirchenleitung bei der Abschlussprüfung diese Bewertung nicht als bestandenes Predigtseminar anerkennen. Er hätte auch die Note 6 vergeben können. Meine Ansprache schien zunächst im weiteren Verlauf des Seminars keine Rolle mehr zu spielen. Bis plötzlich der Bericht eines Gemeindeblattes aus dem Fränkischen auftauchte. Unser Professor hatte bei einer Beerdigung im Familienkreis die Situation im wilden Heidelberg, von der man schaurige Geschichten in der Zeitung las, geschildert. Und zwar als Räuberpistole. Speziell auf meine "Nicht-Predigt" hatte er es abgesehen. Ich wäre im Schlabber-Pulli und mit Meter langem Schal an den Altar getreten und hätte die Kerzenlichter gelöscht. Und dann das gewaltsame Ende des Christentums gefordert. Den frommen Franken muss es kalt den Rücken runter gelaufen sein. Wir kopierten den Bericht und verteilten ihn ihm Seminar. Die anderen Studenten empfanden die Kritik von uns beiden SDSlern oft als nervig, aber diese Verdrehungen und Lügen des Professors mochten sie auch nicht verteidigen. Nach drei weiteren Seminarsitzungen erschien der Assistent, sonst bloßer Kofferträger des Professors, allein zum Seminar. Er verkündete mit vorwurfsvoller Miene, dass der Professor mit einem Magengeschwür im Krankenhaus läge. Das hatten wir ihm nicht gewünscht. Leid tat er uns jedoch nicht; er schien unseren Argumenten nicht gewachsen zu sein, stellten wir befriedigt fest. Allerdings verließen wir das Predigtseminar auch nicht gerade in gelöster Stimmung. Es war jedes Mal ein heftiges Ringen, ein angespannter Kampf. Hinterher mussten wir uns entspannen und sahen uns im Kino einen Italo-Western an: Django jagt die Bösen, Für eine Handvoll Dollar. Meinhard Schröder

Die Uni-Verwaltung hatte mal wieder mit den Raumvergabe-Richtlinien gewedelt und dem SDS Versammlungsräume verweigert. Die Evangelische Studentengemeinde sprang ein; sie stellte ihren größten Saal in der Gelfertstraße 45 zur Verfügung, in dem sonntags Gottesdienste stattfanden. So konnte ich in heimatlichen Gefilden das innere Treiben des SDS verfolgen. Ich hatte es satt, im Nachhinein zu diskutieren, ob diese oder jene Aktion gut und richtig gewesen war. Nachklapp der Bewegung zu sein gefiel mir nicht, ich wollte an der Spitze mitmachen, wollte im SDS diskutieren, wie die nächste Aktion aussehen sollte und wo wir die Herrschenden treffen konnten. Rudi Dutschke hatte mich fasziniert, wenn ich ihn gelegentlich mit einem Debattenbeitrag auf einem Teach-in, einer Diskussionsveranstaltung, erlebte. Zwar wirkte er mit seinem zuweilen stechenden Blick, seinem dunklen Haar und seiner heiseren Stimme ein wenig unheimlich. Manchmal hämmerte er seine Sätze heraus. Hatte er etwas von einem Sektenprediger?, überlegte ich. Nein, dafür argumentierte er viel zu ausführlich. Er wollte überzeugen, nicht überrumpeln oder bekehren. Dass er - wie ich - aus der DDR geflüchtet war, nahm mich ebenfalls für ihn ein. Er konnte kein Freund des autoritären Sozialismus der DDR sein. Ich hatte große Probleme, Rudis weit ausholenden Gedankengängen und seiner komplizierten soziologisch-politologischen Sprache zu folgen, obwohl mir seine Auftritte nicht mehr fremd waren. Auch las ich eifrig die Flugblätter, die vor der Mensa verteilt wurden, aktuelle Broschüren und neue Bücher. Wenn man im Freundeskreis mitdiskutieren wollte, musste man wissen, was die Spätphase des Kapitalismus auszeichnete, wie die unterdrückten Völker der Dritten Welt kämpften und wie die Massen in den Metropolen manipuliert wurden. Der Gemeindesaal war voll mit Mitgliedern des SDS, seinen Freunden und Sympathisanten. Als Rudi Dutschke zu reden begann, wurde es besonders leise im Raum. Alle bemühten sich, seine Gedankengänge zu verstehen. Es fiel mir immer schwerer, Rudi Dutschkes Beitrag zu verfolgen, weil hinten ein Säugling weinte. Auch andere fühlten sich gestört. Aber niemand traute sich, um Ruhe zu bitten. Es wäre eine Aufforderung an die Mutter gewesen, mit dem weinenden Kind zu verschwinden. Und niemand wollte sie wegen des Kindes von der Debatte ausschließen! Schließlich konnte sich auch Rudi nicht mehr konzentrieren, unterbrach seine Ansprache und blickte nach hinten in den Raum. Ich erwartete, dass er jetzt um Ruhe bitten würde, weil er sich gestört fühlte. Stattdessen sagte Rudi: "Kann nicht mal jemand freundlich zu dem Kind sein, damit es nicht mehr weinen muss?" Es folgte eine kurze Unterbrechung für das Kind. Rudis Bemerkung hatte mich erschüttert. Er war das Problem der Ruhestörung nicht von seinem - durchaus berechtigten - Interesse an einem konzentriert zuhörenden und ruhigen Publikum angegangen, sondern vom Standpunkt jenes ganz kleinen Menschen hinten im Raum, der dort unüberhörbar litt. In diesem Moment wusste ich: Wenn Rudi Dutschke so Politik machte, dann ging es ihm wirklich um eine bessere Welt. Um eine Welt, in der man sich darum kümmert, dass auch ein kleiner Mensch nicht unbeachtet leiden muss. Und dass sein Leiden mindestens den gleichen Stellenwert hat wie die großen Fragen der Revolution. Das genügte mir. Jetzt musste ich nicht mehr jeden Gedanken Rudis darüber verstehen, wie wir die Weltrevolution vorantreiben könnten. Ich beschloss, in den SDS einzutreten. Meinhard Schröder

Rein äußerlich winzig (im Bild links außen unten), aber mit großem Hirn und Herzen, ließ ich mit sieben in der "Volksschule" meine Sitznachbarn bei mir abschreiben. Das war 1968 und ein Fehler. Lehrer Werner bestrafte mich für meine soziale Tat. Aus Protest begann ich, stramme Seitenscheitel blöd zu finden und zu armen Socken extra-nett zu sein. Später, mit zehn, erzählte uns Herr Stangel, Lateinlehrer in Krawatte und Glencheck, das Märchen vom Rotkäppchen auf Lateinisch. Einfach so, im Plauderton. Mir kam das irgendwie schwachsinnig vor, in mir keimte Verachtung für kleine Karos. Herr Bergmann, Adolf-Lookalike und Bio-Lehrer mit sadistischer Neigung, zog einzelne von uns gern vor der ganzen Klasse aus, verbal. Ich beschloss, es später mal allen scheinheiligen Spießbürgern heimzuzahlen. Als mir dann Religionsunterricht bei Herrn Laienprediger Müller drohte, 45jähriger Junggeselle und bei seiner Mutter wohnend, wechselte ich schnell auf "Ethik". Ich entkam nicht, Müller unterrichtete auch Geschichte, mir. Meine Sensibilität für Überwachungstechniken und inquisitorische Methoden gedieh. Sofort nach dem Abi packte ich meine Koffer und verließ Bayern. Konni Scholz

Es war eine Aufbruchstimmung. Schon 1967. Selbst in diesem provinziellen Saarbrücken, damals noch so sehr neues Bundesland wie Cottbus im Jahr 2000. In diesem Saarbrücken hatte ich im Herbst 1966 zu studieren angefangen. Zuvor bei meinen Eltern zu Hause war ich immer der brave Schüler gewesen, der bis zum Abitur noch nicht einmal eine von der väterli-chen abweichende Meinung hatte. Dieses Abitur hatte ich ja auch an der Schule im noch viel provinzielleren Neustadt an der Weinstraße gemacht, an der mein Vater Schulleiter war. Wie ich doch gegenüber dem pfälzischen Provinznest selbst an dieser Saarbrücker Uni den Wind als frisch empfand. Endlich durfte ich eigene Gedanken denken, und das war leichter als ich gedacht hatte. Diskutieren konnte man überall, aber in der Uni-Gruppe des SDS wurde nicht nur über alles in der Welt diskutiert, sondern es wurde auch hinterfragt. Obwohl wir kaum ein Dutzend waren. Es wurde analysiert und die bestehende Gesellschaftsordnung wur-de beim Namen genannt: Kapitalismus. Das war für mich revolutionär. An den Wochenenden des Jahres 1967 fuhr ich aber doch hin und wieder "nach Hause" ins vorderpfälzische Neustadt. Und traf ehemalige Schulkameraden. Auch solche, die die Schule noch nicht beendet hatten. Und die interessierten sich für das, was an den Unis vor sich ging. Es war ja auch neu und unerhört. So unerhört, dass ein Westberliner Polizeibeamter anlässlich einer Demonstration gegen einen mit der damaligen Regierung befreundeten orientalischen Potentaten meinte, ein Zeichen setzen zu müssen, indem er einen Studenten erschoss. Einige meiner ehemaligen Schulkameraden fragten mich über die Diskussionen im Saarbrü-cker SDS und über das, was an den anderen Unis der Welt vor sich ging, aus. Und in Frank-furt, in Berlin, in Paris, in Berkeley, ja in Prag und in Warschau war da einiges los, einiges mehr als im provinziellen Saarbrücken, vom noch provinzielleren vorderpfälzischen Neustadt ganz zu schweigen.

Nachdem ich einmal berichtet hatte und dann wieder einmal "nach Hause" kam, wurde mir eröffnet, dass auch an meiner Abitur-Schule eine der allenthalben aus dem Boden schießen-den "Arbeitsgemeinschaften unabhängiger und sozialistischer Schüler" (AUSS) gegründet werden solle. Ausgerechnet an der Schule, an der mein konservativer Vater Schulleiter war! Und ich als "politisch aktiver Student" sollte auf einer größeren Kundgebung eine Rede halten. Eine Rede über notwendigen politischen Aufbruch, über notwendige Kritik an bis dahin nicht hinterfragten Autoritäten!

Irgendwann im Frühjahr 1968 war es dann soweit. Meine ehemaligen Schulkameraden hatten eine Kundgebung vor dem "Saalbau" am Bahnhof von Neustadt angemeldet und etwa zwei-hundert Menschen waren gekommen, hauptsächlich Schüler, aber nicht ausschließlich. Auch die Lokalpresse war anwesend. Die zeitlich dichteste Abfolge der politischen Ereignisse kam gerade aus Prag, vom Prager Frühling, an dessen Erblühen auch Studenten nicht unbeteiligt waren. Und Studenten in Warschau, die mit ihnen solidarisch waren, waren Repressalien aus-gesetzt. Ein guter Anlass, über weltweite Solidarität zu reden.

Es war meine erste öffentliche Rede, meine erste Rede vor einem Publikum, das mir damals gewaltig groß vorkam. Natürlich war ich schon deshalb aufgeregt, ich war es aber noch mehr, weil ich die zu erwartende Reaktion meines Vaters vor Augen hatte. Und angesichts der an-wesenden Lokalpresse wusste ich, dass es nicht lange dauern würde, bis mein Vater von die-ser Rede erfahren würde. Und ich wusste, dass er im Traum nicht daran dachte, dass ich mich in für ihn derart spektakulärer Weise gegen Autoritäten im Allgemeinen und, wie er es sah, gegen seine Autorität im Besonderen wenden könnte.

Nach Ende der Kundgebung schlich ich zwar mehr in mein Elternhaus als ich ging, und ich erwähnte natürlich das gerade stattgefundene Ereignis mit keinem Wort, aber ich hatte nicht nur das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben, sondern auch, endlich etwas für meine eigene Emanzipation von meinen Eltern getan zu haben. Unter dem Vorwand, für mein Studium lernen zu müssen, verließ ich noch am gleichen Tag mein Elternhaus Richtung Saarbrücken.

Da es kam wie es kommen musste, erfuhr mein Vater "aus der Zeitung" von der Oppositions-Handlung seines Sohnes. Sofort wurde mir mein monatliches Geld um 100 D-Mark gekürzt. Erst als ich vier Jahre später das erste Enkelkind zu meinen Eltern brachte, war der familiäre Friede wieder hergestellt. Und weitere sieben Jahre später schadete es diesem auch nicht mehr, als ich zu den ersten zehn Mandatsträgern der Westberliner AL gehörte, kühl war das Verhält-nis zwischen meinem Vater und mir ohnehin immer gewesen. Ortwin Zeitlinger

ss

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