Was bleibt von Dutschke? Der Glaube an Utopie und Revolution ist vorbei. Zwar fehlt manchmal die sinnstiftende, große Erzählung. Aber nur sonntags. VON STEFAN REINECKE
Kopf und Herz der Studentenbewegung: Rudi Dutschke. Foto: dpa
Rudi Dutschke war ein Humanist, offen für Neues und weitgehend immun gegen doktrinäre Verhärtungen. Deshalb perlen alle Versuche, ihn als Vordenker der RAF zu outen, an ihm ab. Solche Versuche sind entweder nachträgliche Rechthabereien damaliger Gegner (wie etwa von dem CDU-Mann Gerd Langguth) oder gehen auf das Konto von Renegaten, die meinen, damit ihre Läuterungsprozesse beglaubigen zu müssen. Die Verteidigung der zeitgeschichtlichen Figur Dutschke gegen durchsichtige Angriffe ist das eine - etwas anderes ist die Frage, was sein Denken heute bedeutet. Können wir 2008 mit ihm wirklich noch etwas anfangen - oder taugt er nur noch für die Ahnengalerie? Wäre eine Figur wie Dutschke heute noch denkbar?
Man kann diese Fragen anhand von drei Begriffen fokussieren: Charisma, Utopie und Staat. Sie zeigen, wie fern uns Dutschke als politische Figur geworden ist. Nicht weil seine Irrtümer so monströs waren, sondern weil sich die Verhältnisse gewandelt haben.
Dutschke war Sprachrohr, Aushängeschild, konzeptueller Denker, Herz und Kopf der Studentenbewegung in einem. Er war ein charismatischer Redner. Niemand hat die Studentenbewegung so verkörpert wie er. Interessanterweise gab es in keiner sozialen Protestbewegung nach 1968 eine vergleichbare Figur. Weder die Ökobewegung noch Globalisierungskritiker, weder die Frauen- noch die Hausbesetzerbewegung haben eine ähnliche Führungsgestalt hervorgebracht - vielleicht mit der Ausnahme von Petra Kelly, die in den frühen 80er-Jahren in der pazifistischen Bewegung kurzzeitig eine ähnliche Rolle spielte. Im Allgemeinen aber gilt, dass die sozialen Bewegungen in den letzten 40 Jahren keine Helden mehr brauchten und wohl auch nicht mehr vertragen hätten. Sie waren einerseits zu selbstbewusst, um eine solche Monopolisierung von Bedeutung zuzulassen, andererseits auch zu vielfältig und widersprüchlich, um von einer Leitfigur repräsentiert zu werden.
Dutschkes Charisma verdankte sich seiner Rhetorik. Darin mischte sich das selbstverständliche Bewusstsein, Geschichte machen zu können, mit dem Glauben, dass die Utopie einer befreiten Menschheit eine reale Möglichkeit ist. Die Revolution ist möglich, wenn wir sie wollen - dieser Gestus durchzieht sein Denken.
Vielleicht war 1968 das letzte Mal, dass viele in aller Unschuld an die große Erzählung glaubten, dass es "die Geschichte" gibt und dass sie machbar ist. 2008, nach dem Ende des Marxismus und seiner Derivate, sehen wir, dass die große Erzählung selbst Geschichte ist und es viele, parzellierte, kleinteilige, widersprüchliche Geschichten gibt. Utopie ist heute jedenfalls ein Wort für Sonntagsreden, nichts für den Hausgebrauch. Es geht auch nicht mehr um die wolkige Revolutionierung der Gesellschaft, sondern darum, deren sozialen Zusammenhalt zu bewahren. Attac zielt nicht auf die Erlösung der Menschheit, sondern auf die Regulierung der internationalen Finanzmärkte. Auch der Slogan der Globalisierungskritiker "Eine andere Welt ist möglich" klingt nicht zufällig ja eher reformistisch. Die historische Zentralperspektive, an der auch der postmarxistische Dutschke festhielt, der sich Ende der 70er-Jahre den Grünen annäherte, ist heute jedenfalls zerbrochen.
Komplett auf den Müllhaufen der Geschichte gehört die Staatsskepsis der 68er, die auch Dutschke teilte. Sie war damals Teil des Kampfes der Generationen, des Aufbegehrens mancher Kinder der NS-Generation gegen ihre Eltern, die sich, ebenso wie die Kiesinger & Globkes, nach 1945 so unheimlich geräuschlos in Demokraten verwandelt hatten. Doch das ist vorbei. Auch die Bastionen des deutschen Obrigkeitsstaates sind, dank 1968, geschleift.
Die andere Seite des Kampfes der Linken gegen den Staat war das etwas blauäugige Vertrauen in Selbstorganisationskräfte der Massen. Nein, nichts gegen soziale Bewegungen, sie sind ein Ferment der Demokratie. Aber eben nur das. Wer dauerhaft sozialen Ausgleich und demokratische Verlässlichkeit will, kommt um Institutionen nicht herum.
Der Nationalstaat ist nicht mehr der Feind, er fällt eher unter die Kategorie bedrohte Spezies. Seine Kompetenzen wurde durch transnationale Organisationen ebenso beschnitten wie durch die seit 1990 enorm gewachsene Macht multinationaler Konzerne. Der antiautoritäre, libertäre Antietatismus der 68er gehört ins Museum. Die Staatsfeinde des 21. Jahrhunderts sind die Neoliberalen. Die Linke muss den Staat und auch supranationale Institutionen nutzen, um der blinden Macht des Marktes Gerechtigkeitspolitik abzutrotzen. Das klingt nach Arbeit, ist es auch.
Dutschke verkörperte, was uns heute manchmal fehlt: die sinnstiftende, große Erzählung. Aber sie fehlt uns aus guten Gründen. Und auch nur sonntags.
Ein taz.de-Dossier von 2008 anlässlich des 40. Jahrestages.
Das Jahr 1968 steht für einen immensen gesellschaftlichen Wandel – weltweit. Doch der damalige Traum von einer sozialistischen Revolution blieb im wirklichen Leben auf eine Revolte beschränkt. Vielleicht auch, weil die Hoffnungen der Studenten, die "Proletarier" für ihren Traum vom Sozialismus zu gewinnnen, nicht in Erfüllung ging, nur ein Aufstand ohne Lärm.
Der sich jedoch in kulturell bis heute auswirkt: Zumindest mehr Sex, Selbst und Rock'n Roll sind übrig geblieben. Ob 1968 nun mehr Gutes oder Schlechtes mit sich brachte, darüber diskutieren Historiker Götz Aly und Publizistin Katharina Rutschky - in einem Streitgespräch von Massenmörder Mao und bis zur Erfindung von Kinderläden.
Die Kulturrevolution hatte aber schließlich auch Spaß gemacht, wie sich Mathias Bröckers erinnert: Das war Leben! Und auch Uschi Obermaier musste mal zum Friseur - ein Gespräch mit Udo Walz, der sich damals an den Haaren der Zeitgeist-Ikone zu schaffen machte. Noch mehr in Mode als Uschi Obermaier war damals nur Theodor W. Adorno.
Doch manche seiner Jünger blieben bei der Rezeption nur an der Obefläche - es reichte aber für den intellektuellen Plausch beim Friseur. Aber während 1968 Nonkonformismus noch so richtig Spaß gemacht hat, ist es heute richtig schwierig geworden, sich modisch von der Masse abzuheben - und ziemlich ätzend noch dazu.
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