arabiata: wir sehen uns nach dem krieg von BJÖRN BLASCHKE

Meine weißellbogige Frau, ein paar Freunde und ich saßen an jenem Abend im schönen Restaurant „Patio“ einige Straßenzüge entfernt von der irakischen Botschaft in Amman. Wir schwatzten übers Leben und schmatzten leckeres Huhn in uns hinein, als die Tür aufging und unser alter Bekannter Woditschka hereinkam. Begrüßungsfloskeln wechselten ihre Besitzer: „Hallo!“, „Guten Abend!“ und „Und wann verlasst ihr denn das Land?“. Dass er an jenem Abend im bunten Treiben dieses Ritualienmarktes fast unterging, zeigte mir, dass er in den vorangegangenen Wochen alltäglich und normal geworden war; er, der Satz: „Und wann verlasst ihr das Land?“

So wie in Amman die Leute mit Pässen der so genannten westlichen Welt in der Tasche gewöhnlich im Juni anfangen, ferienfröhlich zu flöten: „Und wann fliegt ihr in den Urlaub?“, so gehört derzeit die Formel „Wann verlasst ihr denn das Land?“ zum Guten-Tag-Gehuber der Kriegssaison. Und wie in den zwei Wochen vor der Abreise in die Sommerfrische, in denen man vergnügt herumhoppelt und voller Vorfreude Pässe und Badehosen zusammenklaubt, gibt es in Amman kaum jemanden, der in diesen „aufregenden Zeiten“ nicht längst die wichtigsten Papiere parat und ein Ticket gekauft hätte; mit einem Abflugdatum, das immer wieder verschoben wird. Amman ist zwar mehr als 800 Kilometer von Bagdad entfernt, aber man weiß ja nie – schließlich hat selbst das Auswärtige Amt dazu ermahnt, man möge sich auf eine mögliche Ausreise vorbereiten.

So weit zum sommerlichen Leben im März 2003 – irgendwo zwischen Auf-der-Flucht-Sein und einem Flugschein und der Wirklichkeit.

Wenngleich das paradox klingen mag, hat dieser Monat in Amman obendrein auch noch etwas Winterlich-Jahreswechslerisches. Ganz so wie in der Woche vor Silvester, in der man als Kind zu sagen pflegte „Wir sehen uns dann nächstes Jahr, hahaha …“, hallt es einem in Amman zu jedem Anlass und an jedem Ort entgegen: „ba’d al-harb“ – „nach dem Krieg“!

Eine Fluggesellschaft beispielsweise stellte unlängst ihre Flüge in die Golfregion ein, kurzfristig bis zur Zeit „nach dem Krieg.“ Interessanterweise kam nach wenigen Tagen der Hinweis, man werde den Betrieb am 30. März wieder aufnehmen. Ob dann schon ba’d al-harb ist? Angenommen, man möchte bis zum 30. gar nicht fliegend fliehen, sondern fahrend, und angenommen, das potenzielle Fluchtauto muss in die Reparatur: Fertig ist es dann garantiert erst „nach dem Krieg“. Und wenn man überhaupt nicht fliehen will, aber mit einer längeren Belagerung rechnet und deshalb noch seine Lieblingsspeisen horten muss, dann ist eine bestimmte asiatische Tütennudelsuppe bestimmt vergriffen. Man fragt: Wann bekommen sie die denn wieder rein? Die Antwort lautet: „Nach dem Krieg“.

Kein Wunder, dass ich an jenem Abend in Amman im Restaurant „Patio“ reagierte, wie ich reagierte. Auf die Frage von Woditschka, „Und wann verlasst ihr das Land?“, antwortete ich reflexartig: „Nach dem Krieg, um sechse!“