Das deutsche Team ist raus. Das mag traurig sein. Tragisch ist es nicht. Denn gewonnen hat der Frauenfußball, der jetzt ist, was er immer sein wollte: einfach Fußball.von MARKUS VÖLKER

Japans Verteidigerin Aya Sameshima feiert sich und den Fußball. Bild: dapd
BERLIN taz | Deutschland wird Weltmeister. Das war doch klar. Vor dem Turnier. Jeder fünfte Deutsche war von einem Durchmarsch überzeugt. Gefühlt lag die Quote noch viel höher. "Der dritte Platz ist was für Männer", das stand auf großen Plakaten. Fast 17 Millionen an den Fernsehern wollten sich an berechenbaren Siegen berauschen. Sie wollten die Elf hübsch vom Sofa aus ins Finale begleiten. Erfolg schien planbar zu sein.
Okay, man hatte nach einer Weile kapiert, dass es enger zuging als jemals zuvor bei einem WM-Turnier, aber ein Sturz auf der Spritztour zum Titel war außerhalb des Erwartungshorizontes von Millionen.
Die werden es schon irgendwie richten, dachte das Publikum. Ist doch Heim-WM. Und seit 1999 haben die nicht mehr bei einer Weltmeisterschaft verloren. 53:7 Tore haben sie im Siegesrausch geschossen. Hey, liebe Leute: 53:7! In den letzten 15 WM-Spielen 14-mal gewonnen und nur einmal Unentschieden gespielt. Die sind Doppelweltmeister geworden. Hier gibts die stärkste Liga der Welt. Und gegen Japan haben sie noch nie verloren, zuletzt bei großen Turnieren immer 2:0 gespielt. Irgendeine Bude wird schon reingehen, irgendeine Kopfballgurke. War doch klar. Die Japanerinnen sind eh viel zu klein für eine Garefrekes und eine Grings. Aber dann?
Das Aus im Viertelfinale. Das Undenkbare ist geschehen. Die Topteams spielen noch eine Woche weiter Weltmeisterschaft, und die deutschen Sommermädels verfallen vorzeitig in eine gewaltige Herbstdepression. Bloß weg von hier, dem Ort der Schmach, das ist jetzt der alternative Plan.
Aber ist das ein Drama? Nö, eigentlich nicht. Die Quoten gehen jetzt vielleicht runter, aber für den Frauenfußball ist das Aus der Deutschen eine gute Nachricht. So siehts auch DFB-Chef Theo Zwanziger. "Imageschaden? Nein. Ganz im Gegenteil: Ich bin froh, dass die Weltspitze im Frauenfußball deutlich enger zusammengerückt ist", hat er nach dem Spiel in Wolfsburg gesagt.
Das ist natürlich erst einmal vor allem Legitimationsrhetorik. Aber wo er recht hat, da hat er recht, der Frauenfußballversteher Theo Zwanziger. Denn wir sehen die beste Frauenfußball-WM aller Zeiten. Vielen Teams ist ein Quantensprung gelungen: Australien, Frankreich, Äquatorial-Guinea und auch Japan. Die Sparringspartner von einst sind echte Gegner geworden. Einfach ans Glaskinn tippen, und schon fallen sie um - das geht heute nicht mehr. Natürlich kann der Weltranglistenzweite (Deutschland) verlieren gegen den Weltranglistenvierten (Japan).
Hoffnungslose Außenseiter gibt es nicht mehr, die Underdogs fletschen die Zähne. Norwegen, der zweimalige Europameister und Olympiasieger von Sydney, kann in der Vorrunde rausfliegen. Und natürlich kann auch Deutschland, der siebenmalige Europameister, der zweimalige Weltmeister und Zweite der ewigen WM-Tabelle, verlieren gegen Japan. Das ist Teil der neuen Realität. Das ist vor allem: Fußball. Endlich!
Denn Fußball ist auch: Wenn man nicht weiß, wie das Spiel ausgeht. Der Frauenfußball ist unberechenbarer geworden. Die Anverwandlung an den Männerfußball scheint auch hier zu klappen. Die gute Nachricht ist: Der Prozess der Nivellierung verspricht nicht nur bei diesem Turnier Spannung, nein, auch in Zukunft dürfte es in diesem Stil weitergehen. Der Frauenfußball wird nicht mehr nur von den Big Five (Deutschland, Brasilien, Norwegen, Schweden und USA) dominiert, andere mischen jetzt auch ganz vorn mit.
Dass ausgerechnet der WM-Gastgeber Opfer dieser Entwicklung geworden ist, mag aus Sicht der deutschen Fans bedauerlich sein, aber irgendwann werden auch sie kapieren, dass die Niederlage einer gewissen Logik folgte und dass man aus der Niederlage Lehren ziehen kann.
Es reicht einfach nicht mehr, Dienst nach Vorschrift zu tun, eine halbwegs solide 4-2-3-1-Formation und Dusel zu haben. Es braucht schon ein bisschen mehr. Wie wärs, Frau Neid, mit einer Elf, die kurze Pässe spielen kann, die nicht nur auf ihre Kopfballstärke vertraut und die taktisch variabler agiert.
Während die Elf des Deutschen Fußball-Bundes in der Entwicklung zu stagnieren scheint, haben andere Teams, Japan zum Beispiel, an sich gearbeitet. Sawa, Sakaguchi, Ohno und Co. gelangen in Wolfsburg wunderbare Ballstafetten. Sie entpuppten sich als Meisterinnen des One-touch-Fußballs. Dagegen wirkten die deutschen Spielerinnen wie grobe Holzklötze. Sie begingen ungezählte Stockfehler. Waren in der Spielanlage schlechter als Japan. Dieses Match hat deutsche Defizite schlaglichtartig ausgeleuchtet.
Der designierte Weltmeister 2011 hat dieses Spiel verdient verloren, keine Frage. Bei der Weltmeisterschaft 2015 in Kanada könnte den Deutschen eine neue Rolle zuteil werden: die des Überraschungsteams. Wäre mal was ganz Neues.
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Leserkommentare
11.07.2011 21:50 | Hfftl
Die typische Schönrednerei infolge schiefer Wahrnehmung. ...
11.07.2011 16:51 | Kuypers
"Sie (Japan) entpuppten sich als Meisterinnen des One-touch-Fußballs" ... ich lach mich kaputt.
11.07.2011 13:45 | hotte HA
ein gescheiter Satz von Frau Merkel - natürlich, den gibt es: "mehr Brutto vom Netto" NEIN: "mehr Netto vom Brutto". Ach ja ...