Nach den Auseinandersetzungen am Baugelände für den Bahnhof in Stuttgart ermittelt der Staatsanwalt wegen versuchten Totschlags. Videos sollen das Gegenteil beweisen.von N. MICHEL & M. KAUL

Auf Spurensuche: Stuttgarter Polizei. Bild: dpa
STUTTGART taz | Schwerer Landfriedensbruch, Sachbeschädigung, gefährliche Körperverletzung und gar versuchter Totschlag: Nachdem am Montagabend in Stuttgart Gegner des umstrittenen Bauprojektes teils wild mit der Polizei aneinandergeraten sind, hat die Stuttgarter Staatsanwaltschaft Ermittlungen von bisher nicht gekannter Schärfe aufgenommen. In einem Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Unbekannt wegen versuchten Totschlags.
Der Hintergrund: Einige hundert Demonstranten hatten am Montagabend das Baustellengelände des Grundwassermanagements gestürmt und waren dabei nicht zimperlich vorgegangen. Laut Polizeiangaben zerstachen einige Aktivisten dabei Reifen von Baufahrzeugen, montierten Radmuttern ab und füllten Sand und Steine in Tanks von Baufahrzeugen. 11 Personen kletterten auf das Gebäude des Grundwassermanagements. 16 Personen wurden anschließend festgenommen, neun Polizisten nach Polizeiangaben verletzt.
Besonders brisant war dabei eine Situation zwischen Demonstranten und einem zivil gekleideten, bewaffneten Polizisten. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft sagte der taz, der Mann sei aus einer Menge heraus von mehreren Menschen attackiert und mit Kopfverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert worden. Dabei hätten die Attackierer den Tod des Mannes billigend in Kauf genommen. Beteiligte Demonstranten bestreiten das.
Auf einem Internetvideo ist eine Situation zu sehen, in der der Zivilpolizist zwar von Umherstehenden festgehalten, von anderen dann aber deeskalierend aus der Menge geführt wird. Auf einem anderen Video ist eine heftige Rauferei zwischen dem Polizisten und einem Unbekannten zu sehen. Hinweise auf schwere Verletzungen des Mannes oder einen versuchten Totschlag finden sich im Netz nicht.
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Eine Sprecherin der Stuttgarter Staatsanwaltschaft konnte gegenüber der taz nicht konkretisieren, auf welche Situation sich der scharfe Verdacht gründet. Nähere Angaben dazu lägen der Staatsanwaltschaft bislang nicht vor. Demnach beruhen die Vorwürfe auf den Darstellungen der Polizei. Angaben der Polizei sind im S-21-Konflikt ebenso wie Angaben von Demonstranten allerdings mit besonderer Skepsis zu prüfen. So hatte die Polizei nach ihrem massiven Einsatz am 30. September im Stuttgarter Schlossgarten immer wieder erfolglos versucht, Demonstranten Steinwürfe nachzuweisen.
Durch die neue Eskalation gerät auch die grün-rote Landesregierung erstmals heftig unter Druck. Zwar kritisierte Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) die Stürmung der S-21-Baustelle und lehnte "Gewalt in jeglicher Form" ab. Die schwarz-gelbe Opposition wirft ihm dagegen eine Mitschuld an den Protesten vor. Es sei erschreckend, "dass die Landesregierung in keinster Weise deeskalierend auf die Demonstranten einwirkt und die Entgleisungen der Gewalt billigend in Kauf nimmt", sagte CDU-Fraktionschef Peter Hauk.
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"Stuttgart 21" ist eines der teuersten Bahnprojekte aller Zeiten in Deutschland: Der Kopfbahnhof der Stadt soll durch einen unterirdischen Durchgangsbahnhof komplett ersetzt werden. Wo jetzt noch Schienen liegen, sollen künftig Wohn- und Gewerbebauten entstehen.
Der neue Bahnhof soll Ende 2017 fertig sein, der Probebetrieb 2019 aufgenommen werden. "Das neue Herz Europas" nennt die Bahn das Projekt im Netz. Ein breites Bündnis von Bürgern protestiert allerdings gegen den Umbau. Ihre Argumente: Der Tiefbahnhof sei betriebsschädlich, nicht bahnkundenfreundlich, umweltbelastend und viel zu teuer. Sie haben mit dem Projekt "Kopfbahnhof 21" ihre eigenen Pläne.
Trotzdem wurde der symbolische Baubeginn im Februar 2010 gefeiert, der Nordflügel des Kopfbahnhofs im September 2010 abgerissen. Ein Teil der Bauaufträge vergeben. Eine Schlichtung Ende 2010 schlug mögliche Verbesserungen unter der Bezeichnung "Stuttgart 21 Plus" vor. Das Protestbündnis hält jedoch an dem "Kopfbahnhof 21" fest.
Der Wechsel der Landesregierung in Baden-Württemberg sorgte für einen zeitweisen Baustopp. Im Koalitionsvertrag vereinbarten Grüne und SPD eine Volksabstimmung, in der die Bürger entscheiden, ob das Land die Co-Finanzierung von "Stuttgart 21" stoppen soll. Sie findet am 27. November 2011 statt.
Finanziert werden soll das Projekt von der Deutschen Bahn AG, dem Bund, dem Land Baden-Württemberg, der Stadt Stuttgart, dem Flughafen Stuttgart sowie dem Verband Region Stuttgart. Die Bauherren gehen offiziell davon aus, dass "Stuttgart 21" 4,1 Milliarden Euro kosten wird, halten sich aber eine "Risikoreserve" von 400 Millionen Euro zusätzlich offen. Unabhängige Bahnexperten haben allerdings wesentlich höhere Kosten errechnet.
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Leserkommentare
23.06.2011 03:31 | Rechtsstaat naja aber für wen?
Ich wurde übrigends mal aus einer Disco geschmissen ...
23.06.2011 02:45 | Aufklärung jetzt
bei weiterer recherche (grössere auflösung des bildes)wird sich herausstellen das dies die genannte person ist! ...
22.06.2011 22:08 | kontextleser
Staatsanwaltschaft bestätigt: Der gefilmte Glatzkopf ist der angeblich 'schwerstverletzte Polizist' ...