Wie reagieren US-Zeitungen und die Foren der Dschihadisten auf die Meldungen vom Tod des meistgesuchten Terroristen der Welt?von PAUL HOCKENOS / NICO PRUCHA

Die Welt liest Osama. Bild: dapd
Einen Moment lang sah es so aus, als seien die politisch polarisierten USA doch vereint: im patriotischen Stolz darauf, dass der Architekt des 11. September gestorben war, getötet durch die Hände von US-Spezialeinheiten. So lasen sich die ersten Medienberichte.
Doch damit war es bald vorbei. Laut New York Times von gestern zeigte Präsident Obama, dass er ein "starker und maßvoller Führer" sei, weil seiner Erklärung jegliches Triumphgeheul fehlte. Aber genau das, Obamas unemotionale Ansprache von Sonntagnacht, bringt die rechte Presse in Wallung. David Brody von Christian Broadcasting Network beklagt, dass der Präsident die Chance zum Schulterschluss mit den Amerikanern verpasst hätte. "Warum hat er diese große Nachricht verlesen, als sei sie ein Wörterbucheintrag? Weil diese Rede gar nicht so sehr an Amerikaner gerichtet war, sondern an ,den gemeinen Araber'."
Weiterer Stein des Anstoßes - der sicherlich eine Rolle im Wahlkampf 2012 spielen wird - ist, woher die Informationen für diesen Angriff stammen. Die Washington Post behauptet, sie käme "leider" teilweise von rechtswidrig vernommenen Gefangenen aus CIA-Geheimgefängnissen. Laut NYT kam der ursprüngliche Tipp von Guantánamo-Gefangenen. Sie kritisiert zwar, dass die Obama-Regierung sehr im Geiste der Bush-Regierung handelte, schreibt aber auch: "Es gibt keinen Beweis, dass gute Informationen wie diese Ergebnis der geheimen Inhaftierungen oder Misshandlungen war."
Die rechtsgerichteten Medien hingegen geben zwar zu, dass bin Ladens Tod ein Segen für die Obama-Regierung sein wird. Sie lamentieren aber, dieser Verdienst stünde nicht den Demokraten, sondern der Bush-Regierung zu. Jonathan S. Tobin, leitender Redakteur der neokonservativen Zeitschrift Commentary, unterstreicht, dass Guantanamo Bay "das Gefängnis war, von dem Obama versprach, es zu schließen, und das längst bestand, als er sein Amt antrat". Der Angriff hätte nichts mit Obamas Engagement mit der sogenannten "moderaten muslimischen Mehrheit" zu tun. Stattdessen war er eher "das Werk einer Bush-ähnlichen, einseitigen militärischen Intervention in einem muslimischen Land, wo die Mehrheit, ob moderat oder nicht, weder die USA noch Obama leiden können". Die Website der "The Tea Party Nation" schlägt noch härtere Töne an und wünscht sich, dass bin Ladens Leiche in "eine ordentliche Portion Schweinefett" hätte eingewickelt werden sollen.
Wenn es um die Ermordung als politisches Instrument geht, so sind alle Medien größtenteils einer Meinung. Sie sei gerechtfertigt, in diesem speziellen Fall, aber auch im Allgemeinen. Die NYT lobte es als "mutig", einen gezielten Angriff zu fahren anstatt eines Flächenbombardements. Nur das linke Flagschiff The Nation stellt die zunehmende Verwendung von Einheiten aus dem Joint Special Operations Command (JSOC) und Navy Seals in Frage. Der investigative Journalist Jeremy Scahill kritisiert, dass der Einsatz solcher tödlichen Methoden, um angeblich hochrangige Terroristen zu liquidieren, tatsächlich unter der Obama-Regierung erhöht wurde.
Doch was bedeutet bin Ladens Tod für den Krieg in Afghanistan? In der Bewertung unterscheidet die Washington Post nicht viel von den rechten Medien. Sie schreibt: "Der Erfolg vom Sonntag könnte auch nach hinten losgehen. Dann nämlich, wenn die Regierung oder der Kongress seinetwegen zum Schluss kommen, dass die USA sich einen schnellen Rückzug aus Afghanistan leisten könnten." Die NYT argumentiert, die Obama-Regierung sollte die "Botschaft der Stärke" nutzen und "ernsthaft prüfen, ob es einen politischen Deal mit den Taliban geben kann." Nur Katrina Vanden Heuvel, Chefredakteurin von The Nation, glaubt, es sei nun an der Zeit, den rechtswidrigen "Krieg gegen den Terror" zu beenden.
VON PAUL HOCKENOS
Übersetzung: Natalie Tenberg
**********************
Während die Weltöffentlichkeit weitgehend erleichtert auf die Nachricht von Osama bin Ladens Tod reagiert hat, zeigen Internet-Sympathisanten und Al-Qaida-Anhänger innerhalb der dschihadistischen Foren eine kollektive Trotzhaltung. Viele wollen den Tod bin Ladens schlicht nicht wahrhaben. Abu Turab al-Muhajir, Administrator eines der führenden Dschihad-Foren Shabakat Shumukh al-Islam, formuliert es so: "Wir haben keine unabhängige Bestätigung der Meldung." Und: "Wie oft haben wir diesen Satz gehört?"
Seit der Bekanntgabe des Todes am Sonntag herrscht in den Foren eine allgemeine Ungläubigkeit über die Meldung. Die meisten Mitglieder der Dschihad-Foren sind geneigt, wieder und wieder zu behaupten, dass bin Laden sicher noch am Leben sei, und liefern angebliche Beweise bezüglich der "Lüge der Amerikaner".
Da es bisher noch keine offizielle Stellungnahme von al-Qaida gibt, ist die virtuelle Anhängerschaft auf sich alleine gestellt - und schwelgt in einer kollektiven Abwehrhaltung. So etwa das Mitglied bi-ikhtisar im einflussreichen arabischsprachigen Ansar-al-Mujahideen-Forum: "Es wurden nur alte Bilder gezeigt, wo ist seine Leiche, und wo sind Bilder seines Leichnams? Die Operation soll nur 40 Minuten gedauert haben - ohne Verluste aufseiten der Amerikaner? Die Meldung wurde sofort verbreitet, und seitdem wird über nichts anderes berichtet? Scheich Osama ist sicherlich keine leichte Beute."
Sollte jedoch die Meldung wahr sein, droht bi-ikhtisar mit Vergeltung gegen die US-Amerikaner - ohne dies allerdings näher zu konkretisieren. Andere Sympathisanten greifen das gefälschte Bild der Leiche bin Ladens auf, das Teile der Medien und der Internet-Community kurzzeitig narrte, und führen es als Beweis der Unwahrheit der Todesmeldung an.
Andere User wiederum stützen sich auf vermeintliche Nachrichtenberichte und behaupten, "der TV-Kanal Russia Today hat eben berichtet, die Taliban in Pakistan haben bekannt gegeben, bin Laden lebt und ist in Sicherheit". Solche Postings werden sofort entsprechend begrüßt.
Manche scheinen sich hingegen langsam damit abzufinden, dass doch etwas dran ist an der Todesmeldung. Auf der Hauptseite des Ansar-al-Mujahideen-Forums ist ein Aufruf mit einem Bild bin Ladens unterlegt. "Wo sind die Nachkommen bin Ladens?", steht dabei. Der Aufruf richtet sich an alle "Nachkommen der Mudschahideen und bin Ladens", einen "dringenden Workshop zur Verbreitung" dschihadistischer Materialien einzurichten. Schlussendlich sollen diese Dschihad-Produktionen wie gewohnt "in allen bekannten Foren, auf Facebook und Twitter", veröffentlicht werden.
Das Posting ist eines der wenigen, in dem auch in den User-Kommentaren bin Ladens Tod akzeptiert wird. "Bin Laden wurde so zum Märtyrer, wie er es gehofft hatte, er kämpfte bis zum Letzten. Möge Gott dir gnädig sein - während die amerikanischen Schweine feiern."
Im selben Thread werden schon gesammelte Videos von Osama bin Laden und den Anschlägen des 11. September 2001 zum Herunterladen angeboten - in der Hoffnung, dass möglichst viele Sympathisanten ihre individuellen Nachrufe und Lobpreisungen im Internet verbreiten mögen.
Und dann gibt es noch Äußerungen von Älteren und respektierten Persönlichkeiten aus dem Spektrum des Dschihads, wie etwa des ägyptischen Ideologen Hani al-Sibai, die Osama bin Laden zu seinem "Märtyrertod" gratulieren. Dabei verwendet er die übliche Rhetorik und preist bin Laden für seine Standhaftigkeit. "Der Amir des Dschihads hat getan, was er stets erhoffte - er wurde nicht lebendig gefasst."
VON NICO PRUCHA
Nico Prucha, 31, forscht an der Universität Wien. Er ist Mitarbeiter des Projekts Jihadism Online und Autor des Buchs "Die Stimme des Dschihad - al-Qaidas erstes Online-Magazin"
„Die syrische Regierung missachtet den Friedensplan.“ Der UN-Sicherheitsrat hat das Blutbad mit fast 120 Toten in Syrien scharf kritisiert. Jedoch: Direkt verurteilt wurde das Regime nicht.

Starre Rituale, öde Debatten, ein Haus der Langeweile? Nicht in der Ukraine! Hier werden Parlamentsdebatten noch mit Leidenschaft, Herzblut und handfesten Argumenten geführt!

Echte Stars, begeisterte Fans, prima Shopping-Tipps - wir freuen uns auf die Fußball-Europameisterschaft.

Weltraumtouristen, Satelliten und Versorgungsflüge zur ISS – die Raumfahrt wird privatisiert und kommerzialisiert.

Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare
04.05.2011 06:33 | vic
"In Schweinefett einwickeln"
03.05.2011 23:27 | Ben82cgn
Der Jubel ist unangemessen und der Zivilisation nicht würdig. Dieser "Hochgesang auf die Lynchjustiz" ist einfach widerlich ...