Montagsinterview Comiczeichner Fil

"Kacke ist der Sex der Kinder"

Fil, Zeichner des Kultcomics "Didi und Stulle" und Bühnenkünstler, über Prenzlauer-Berg-Eltern, Punk, nicht-spießig-werden und das von ihm illustrierte Retro-Style-Kinderbuch "Der Kackofant".Interview: THOMAS WINKLER

Früher Punk, heute irgendwie immer noch: Fil alias Phil Tägert.  Bild:  Sonja Trabandt

Ein leidlich renovierter Altbau. Dort, wo der Prenzlauer Berg am prenzlbergigsten ist. Einmal klingeln bei Tägert. Keine Reaktion. Noch mal klingeln. Die Gegensprechanlage knackst.

Phil Tägert: Ja?

taz: Hier ist Thomas Winkler.

Wer?

Die taz.

Ein fragendes Knacksen.

Wir waren verabredet zum Interview.

Ach du Scheiße. Das hab ich total vergessen. Du hast Glück, dass ich da bin. Komm hoch.

Türsummer. Drei Treppen. Die Wohnungstür steht offen. Dahinter Fil. Bekleidet nur mit einem roten Handtuch.

Tut mir echt leid. Ich bin total verpeilt in letzter Zeit. Komm rein. Willst du einen Kaffee?

Schon gut. Zieh dir erst mal was an. Ich setz mich in die Küche.

Drei Minuten später. Fil kommt in die Küche. Er hat jetzt was an und beginnt einen Espressokocher aufzuschrauben.

Ich trink ja keinen Kaffee.

Warum machst du dann welchen?

Nur für dich. Ich bin total koffeinabhängig. Aber ich mache immer Auszeiten, damit es wieder kickt. Ich brauch das für die Auftritte. Wenn man zu viel trinkt, wirkt es natürlich nicht mehr. Aber wenn man Koffein nicht gewohnt ist, bringt einen eine Tasse Kaffee so nach vorne.

Der Zeichner: Philip Tägert (44) ist ein 14-jähriger Punk, als das Stadtmagazin Zitty seine ersten Comics veröffentlicht: Vor allem die in Fils Heimatbezirk Märkisches Viertel lebenden Schweine "Didi und Stulle" werden Kult. Seine Zeichnungen sind bis heute von einem anarchischen, durchaus zotigen Antihumor geprägt, der ihm 1991 die Ernennung zum "Chauvi des Jahres" durch die Berliner SPD-Frauen eintrug.

Der Comedien: Ebenso erfolgreich wird "Der schlaue/scheue/schaue Fil" als Sänger und Possenreißer. Für gnadenlos improvisierte Bühnenauftritte, sein erratisches Gitarrespiel und die durch alle verfügbaren Metaebenen mäandernden Monologe lobt ihn das Satiremagazin Titanic als "Parodie eines klassischen Alleinunterhalters". Er verarbeitet den Berliner Alltag ebenso wie vergessene Speiseeissorten. Sein Bühnenpartner, die Hai-Handpuppe Sharky, darf nur noch einmal monatlich auftreten: Sharkys hohe Krächzstimme öfter einzusetzen wurde Fil vom Logopäden untersagt.

Das Buch: "Der Kackofant", ein Elefant mit einer Klorolle als Rüssel, ist ein nahezu klassischer Superheld, der mit seinen sehr großen Kackehaufen zur Freude aller Kinder Probleme einfach zuscheißt. Idee und Texte stammen von Klaus Cäsar Zehrer, Fil hat illustriert. Das Buch erscheint nun pünktlich zur Leipziger Buchmesse beim Klett Kinderbuch Verlag und kostet 13,90 Euro. (taz)

 

Du musst abends vor einem Auftritt erst wach werden?

Ja, seit ich Vater bin, lebe ich in einem dauernden Jetlag. Ich stehe morgens um sieben auf, kann aber tagsüber nicht pennen.

Der Espressokocher rauscht. Fil durchsucht sein Küchenregal.

Ich such irgendwas Starkes.

Frustriert guckt er in eine Schachtel Rooibostee.

Eine Zeit lang hatte ich so eine Familienespressokanne für sechs Tassen. Die hab ich mir morgens gemacht und allein getrunken. Und dann gleich noch eine.

Du bist also auch heute Morgen um sieben aufgestanden?

Ja, leider.

Du hast mal gereimt: "Ich will nicht so werden wie mein Sohn/frühmorgens steht er auf, um sieben schon".

Ja, so siehts aus.

Wie kommst du damit klar?

Es ist furchtbar. Gut, im Sommer ist es schön. Früher bin ich immer vom Saufen nach Hause gekommen und dachte: Ist das schön! Die Vögel, das Licht am Morgen. Schade, dass ich besoffen bin. Also: Im Sommer finde ich es okay, früh aufzustehen, aber im Winter ist es die Hölle.

Hast du heute Morgen deinem Kind schon einen Babycino aufgeschäumt?

Was ist das?

Ein Babycino ist Latte macchiato für Kinder.

Aufgeschäumte Milch?

Genau. Aber bist nicht eigentlich du der Experte für die Bionade-Bohème?

Du musst unterscheiden zwischen meiner Bühnenperformance und mir selber. Das sind alles Witze, die ich mache, weil sich die Leute drüber freuen. Diese ganze Prenzlauer-Berg-Eltern-Diskussion finde ich extrem fruchtlos. Ich kann das auch gar nicht sehen, dass die so furchtbar sind. Ich komme aus dem Märkischen Viertel, und die Eltern da sind schlimmer. Die schnauzen ihre Kinder an und verhauen sie – jedenfalls in meiner Vergangenheit, in den 70er Jahren. Mein Vater hat mich noch geschlagen. Aber eigentlich ödet mich das Thema an: Ein Begriff wie Bionade-Biedermeier kotzt mich an. Da hört für mich das Denken auf, wenn Leute glauben, mit so einem Begriff könnte man Leute charakterisieren.

Trotzdem nimmt das Thema in deinem aktuellen Bühnenprogramm großen Raum ein.

Wie du lebst, das rutscht natürlich in deine Performance rein. Und natürlich ist es witzig, sich lustig zu machen über den Ciapapa und die Mutti macchiato.

So ganz falsch sind die Klischees also doch nicht?

Als gebürtiger Berliner beobachte ich seit den 80er Jahren ein seltsames Phänomen: Die Leute, die herkommen und dann eine Weile hier sind, haben große Probleme mit den Leuten, die später herkommen. Die sagen dann: Die Neuen machen unseren Kiez kaputt. Dabei sind das eigentlich Schwaben, die über Schwaben meckern. Berlin war schon immer eine Stadt, die vergewaltigt wurde.

Gründen deine Witze womöglich auf Selbsthass?

Warum sollte ich mich selbst hassen?

Weil man plötzlich doch die Bionade-Klischees erfüllt?

Guck dich doch mal um.

Fil schwenkt den Arm durch eine zugegeben beeindruckend unaufgeräumte Küche.

Ich lebe genauso wie zu WG-Zeiten. Ich werde nicht spießig durch das Kind. Ein Kind ist oft nur eine Entschuldigung, doch zu leben wie die Eltern. Für mich ist das Kind eher die Entschuldigung, noch mehr aufzutreten. Das würde ich auch ohne Kind machen, aber jetzt kann ich sagen, ich muss mehr Geld verdienen. Aber ich werde kein Spießer.

Wann ist man ein Spießer?

Wenn man das, was man hat, gegen das von andern aufrechnet. Wenn man sagt: Mein Kind ist geiler als dein Kind.

Darüber hast du den sehr lustigen Song "Mein Kind ist besser als Dein Kind" geschrieben.

Genau. Das macht mich auch wütend, aber das beobachte ich nur bei manchen. Die meisten hier verhalten sich doch ziemlich sozial, die sind viel besser als ihr Ruf. Klar sind viele hier, weil sie nicht wollen, dass ihr Kind mit Migranten auf die Schule geht. Aber in die Vorstadt wollen sie auch nicht, weil sie keine vollendeten Spießer sind. Der Prenzlauer Berg ist ein Zwischending zwischen Kreuzberg und der Vorstadt – so wie die Eltern ein Zwischending sind zwischen Vater und Opa. In dem Alter ist man nun mal nicht mehr so sorglos, da wird das Kind zum Projekt.

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Die armen Kinder.

Ach, ich mag die gern. Eher tun mir die Eltern leid. Die sitzen auf dem Helmholtzplatz, die Kinder spielen im Sand, und nebenan hauen sich die Penner blutig. Irgendwelche dubiosen Typen quatschen die kleinen Mädchen an, aber die Väter sitzen daneben und schauen weg, weil: Sie wollen ja nicht der Fascho sein.

Lebst du gern in diesem "Hirni-Bezirk", wie du ihn nennst?

Ich sehe vor allem, dass die Schere immer weiter auseinandergeht zwischen den armen Pennern, die nichts haben, und den reichen Zugezogenen. Als dritte Kraft kommen noch die Touristen hinzu, die sich hier einen ansaufen wie die Kaputten. Nein, so richtig gern wohne ich hier nicht.

Fil hantiert schon wieder mit dem Espressokocher.

Kein Kaffee mehr für mich.

Nein, der ist für mich.

Ich dachte, du willst runterkommen?

Das ist entkoffeinierter. Jaaaa. [lacht]

Die Touristen hier nerven also, die Eltern nicht?

Natürlich gibt es diese nervigen Prenzlauer-Berg-Eltern, aber die sind in der Minderheit. Es gibt sehr viele sehr okaye Eltern. Auf die wird aber ständig eingeprügelt, dass sie sich schon selber fragen: Wir kaufen bei Ikea? Wir haben den Manufactum-Katalog? Was ist bloß mit uns los?

Muss man die bedauern?

Ich will auf keinen Fall Witze über Kindern und Eltern machen wie diese ganzen Spastiker, diese Komiker, die, kaum dass ihr Kind sechs Monate alt ist, schon ein Buch drüber geschrieben haben. Oder meine Comiczeichnerkollegen, die sofort ein Kinderbuch machen, wenn sie Vater oder Mutter geworden sind.

Ach? Genau so ein Buch hast du aber gerade gemacht.

Ich habe "Der Kackofant" nur illustriert. Geschrieben hat das Buch der großartige Klaus Cäsar Zehrer.

Aber der Kackofant, der überall seine Haufen hinterlässt, ist doch der perfekte Kinderbuchheld für die Zielgruppe der coolen Prenzlauer-Berg-Eltern, oder?

Findest du? Ich hoffe doch, nicht. Das soll sich ja nicht nur in Prenzlauer Berg verkaufen. Für mich ist das eher eine Reminiszenz an die Comics der 70er Jahre. Wir haben auch extra darauf geachtet, dass die Farben so abgerubbelt wirken wie damals.

Der Verlag empfiehlt das Buch als "lustig gereimte Begleitung für den Übergang von der Windel zum Klo".

Der Autor sagt, es hat die Botschaft: Immer schön die Hände waschen nach dem Kacken. Ich hab ja eher die Angst, dass die Kinder dann denken, sie sollen überall hinkacken. Das wollen wir natürlich nicht. [lacht] Das Buch ist einfach was Bescheuertes für Kinder: Der Kackofant, der die brennende Schule mit seiner Kacke löscht - darüber lachen Kinder, dreijährige Jungs lieben den Kackofanten.

"Der Kackofant" erinnert natürlich sehr an "Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat", eines der erfolgreichsten Kinderbücher aller Zeiten.

Genau, diesen Erfolg wollen wir auch haben. Kacke sells. Kacke ist der Sex der Kinder. [lacht] Aber den Maulwurf finde ich eklig, weil der Werbung für die S-Bahn macht. Und wer sich einmal verkauft, der ist kein Punkrocker mehr. Der Kackofant würde so etwas nie machen.

Einmal Punk, immer Punk?

Punk war für mich nun mal eine Initialzündung, eine Befreiung. Ich hatte als Teenager extreme Probleme. Du fühlst dich hässlich, du bist picklig, du kannst nichts. Und dann kommt da eine Bewegung daher, die sagt: Du darfst all das sein – und gut, wenn du es bist. Das war eine unglaubliche Freiheit. Ich konnte nicht gut zeichnen, ich konnte nicht gut Gitarre spielen. Aber ich habe mit 14 Jahren in einer Band gespielt und meine ersten Comics in der Zitty veröffentlicht. Punk war für mich ideal, weil ich nichts konnte, aber eine Riesenwut hatte. Für mich war Punk nie eine Mode.

Ist es nun aber.

Ja. Das war eine große Enttäuschung, dass Punks im Zweifelsfall genauso bescheuert und dogmatisch sind. Das Traurigste, was ich je gesehen habe: Um den vielen schönen Frauen, die es hier gibt, nicht dauernd auf den Arsch zu gucken, habe ich mir angewöhnt, die Männer anzugucken, die den Frauen auf den Arsch gucken. Dabei habe ich festgestellt: Wenn eine Frau langläuft, gucken alle irgendwie. Denn sie müssen da hingucken. Das ist das Leben. Aber: Die Punks gucken nicht. Die sind so dicht mit ihrem eigenen Punk, die sehen nur sich selbst. Die sehen nicht mal eine schöne Frau, denn das ist ja kein Punk. Das ist das Schlimmste, das ist Faschismus.

Vom Punk hast du dir immerhin die Verweigerungshaltung bis heute bewahrt.

Leider, ja. Aber ich gebe die ja schon zum Teil auf, wie du vielleicht merkst.

Inwiefern?

Ich war schon zweimal im Fernsehen. Zwar nur in so kleinen Nichts-Shows, aber immerhin.

Wie hießen die?

Keine Ahnung.

Weißt du immerhin, bei welchem Sender?

Einmal war es der WDR. Da bin ich nach Köln gefahren. Ich sollte ins Funkhaus, so hieß das. Als ich ankomme, erzählen sie mir, dass eben jemand da war, der wäre total verblüfft gewesen, dass die da in einem Funkhaus Fernsehen machen. Der dachte, das wäre Radio. Da konnte ich nur sagen: Haha, ich auch.

Aber du hast mitgemacht?

Wenn ich schon mal da war. Ich versuche inzwischen ja schon, Geld zu verdienen. Früher war das krasser. Da habe ich alle Angebote abgelehnt - von Gottschalk, von Harald Schmidt, von Stefan Raab. Das war irgendwann ein Sport, alles abzusagen. Dann kommen aber keine Angebote mehr, und dann denkt man so: Scheiße. In der Zeit habe ich auch keine Interviews gegeben. Jetzt rede ich ja mit jedem.

Danke.

Bitte. Nur mit der Bild und der B.Z. nicht, da hab ich immer noch keine Lust. Wenn die Werbung für die Show machen, dann kommen lauter Idioten.

Du bleibst lieber der ewige Geheimtipp?

Das ist mein Ziel. Das will ich sein. Aber ich bin ja längst kein Geheimtipp mehr. Ich spiele im Winter 40-mal hier in Berlin, da kommen Tausende. Aber ich leiste mir den Titel Geheimtipp eben noch. Ich behaupte das weiter. Denn das, was du sagst, das stimmt dann auch.

Funktioniert dein Humor auch außerhalb von Berlin?

Mal so, mal so. Nicht unbedingt immer gut. Bonn zum Beispiel habe ich jetzt aufgegeben. Da ist mir kurz vor dem Auftritt ein guter Witz eingefallen: Eigentlich seid ihr voll die korrekte Stadt, denn ihr nennt euch nach dem ersten Sänger von AC/DC: Bon. Da war es schon vorbei. Man muss lernen, was in welcher Stadt nicht geht.

Sehr punkig ist auch deine Ablehnung des Handwerks.

Am Anfang war da sicher vieles unfreiwillig komisch. Jemand meinte: Das ist so geil, wie du jemanden darstellst, der so gar nicht auf die Bühne passt. Und ein Kumpel, der mich 15 Jahre nicht gesehen hatte: Super, du bist ja immer noch der Ungelenke, der Unfähige, der nichts kann. So hatte ich das, um ehrlich zu sein, nicht angelegt.

Aber dieses Unperfekte, das inszenierst du sehr perfekt.

Ich bin einfach so.

Schwer zu glauben.

Wenn ich einen Trick durchschaue, dann widert der mich an. Wenn jemand lacht, obwohl er gar nicht lachen muss, weil er weiß, dass dann auch das Publikum lachen muss. So was kotzt mich an. Wenn die nur so tun, als ob. Ich finde das widerwärtig. Die Schlechtigkeit meiner Kollegen kotzt mich an. Ich will diesen weichen Weg nicht gehen. Der Trick ist, sich möglichst wenig vorzubereiten.

Die Fotografin kommt.

Hallo. Willst du einen Kaffee?

Fotografin: Ein Wasser würde ich nehmen.

Keinen Kaffee? Ich fühl mich immer so schlecht, wenn ich den Leuten nur Wasser gebe.

Fotografin: Gut, dann Kaffee.

Fil stellt die Espressotüte auf den Kopf. Ein paar letzte Krümel fallen in die Spüle.

Ich befürchte, der Kaffee ist alle.

Fotografin: Einen Tee würde ich zur Not auch nehmen.

Fil hält der Fotografin zwei Schachteln hin. Sie tippt auf eine.

Sweet Chili. Sehr gute Wahl.

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