Neues Buch von Alice Schwarzer

Der große Verschleierungspopanz

"Ich habs schon immer gewusst", sagt Alice Schwarzer in ihrem neuen Buch und schlägt mächtig Alarm. Die Debatte über Integration ist längst weiter.von HEIDE OESTREICH

Neues Buch, alte Ansichten: Alice Schwarzer.  Bild:  dapd

Alice Schwarzer und Thilo Sarrazin sind nicht ganz zu Unrecht in letzter Zeit öfter mal in einem Atemzug genannt worden. Zwar liegt ein himmelweiter Unterschied zwischen dem Genrassismus Sarrazins und der grundsätzlich zur Rettung der Frauen antretenden Schwarzer, dennoch verwundert es nicht, dass Schwarzer Sarrazins "Debattenanstoß" grundsätzlich positiv vermerkte. Die Realität zugunsten der eigenen Position ein bisschen ausblenden oder zurechtbiegen, das ist beiden eigen. Und auch den Gestus des vermeintlichen Tabubrechens in Sachen Islam haben sie gemein.

Während aber Herr Sarrazin das Integrationsproblem gerade erst entdeckt hat und sich als Aussprecher einer ganz unerhört neuen Wahrheit geriert, muss Alice Schwarzer, die nun wirklich schon seit der Iranischen Revolution vor dem Kopftuch als "Flagge des politischen Islam" warnt, anders vorgehen. Bei ihr trifft man deshalb eher auf die Figur des "Ich habs schon immer gewusst, und endlich merken es die anderen auch".

align="center"> Allgemeiner Alarm

Das ist natürlich Anlass genug, ein neues Buch herauszugeben: "Die große Verschleierung. Für Integration. Gegen Islamismus" heißt es. Da heute alle außer Herrn Seehofer für Integration und gegen Islamismus sind, stellt sich natürlich die Frage, was dann noch die "große Verschleierung" ist. Und da liegt das Problem des Buchs.

Es versammelt ältere Texte, die bereits in der Emma publiziert wurden, von Schwarzer selbst, Emma-Redakteurinnen und prominenten Gastautorinnen wie Elisabeth Badinter und Khalida Messaoudi. Die darin beschriebenen Schwierigkeiten mit fundamentalistischem Islam, Islamismus und Integration liegen schon seit Jahren auf dem Tisch. Nun geht es darum, praktische Lösungen und Umgangsweisen zu finden.

Zu diesen aber hat Schwarzer in ihrem Buch so gut wie nichts beizutragen. Stattdessen: allgemeiner Alarm. So verkündet sie, dass etwa die eher fundamentalistischen muslimischen Organisationen in Deutschland nur maximal 20 Prozent aller Muslime vertreten. Das aber ist sogar dem Innenministerium schon vor geraumer Zeit aufgefallen, weshalb es zu seinen Islamkonferenzen auch Nichtorganisierte einlädt. Das aber kommt bei Schwarzers historischem "Best of" nicht vor. Wo nach Lösungen für die altbekannten Schulkonflikte (Essen, Klassenfahrten, Schwimmunterricht) gesucht wird, wittert sie offenkundig immer noch die "Unterwanderung unseres Bildungssystems".

Bei einer Broschüre zum Umgang mit Schulproblemen aus Nordrhein-Westfalen von 2008 zögert Schwarzer nicht vor kreativer Verfremdung, um die "Unterwanderung" zu belegen. Es werde dort behauptet, die Religionsfreiheit habe "Vorrang" vor dem staatlichen Bildungsauftrag, erklärt Schwarzer. In der Broschüre aber findet sich dieser Satz nicht. Stattdessen heißt es, es gehe um "gleichrangige Rechtsgüter", die eben in komplizierten Prozessen in Ausgleich gebracht werden müssten.

Aber komplizierte Prozesse liegen Schwarzer nicht so sehr. In Deutschland herrscht für sie nach wie vor die "falsche Toleranz" der Linken und Grünen (die jahrelange Islamistenfreundlichkeit der Union kommt nicht vor), "die mit ihrem politisch korrekten 'Dialog' und ihrem Antirassismusdiskurs die wirklichen Verhältnisse verschleiern". Sämtliche Debatten und Aufklärungsprozesse, die seither stattfanden, öffentliche Selbstkritik der Grünen inklusive - Schwarzer ignoriert sie. Popanz gebastelt und bekämpft, mission accomplished. Der Auflage wird es sicher nützen.

align="center"> Einfache Wahrheiten

Lesenswert wird der Band höchstens durch Beiträge wie die von Islamwissenschaftlerin Rita Breuer, die den Schwarzerschen Alarmismus mit lakonischem Nachzählen konterkariert und feststellt: "Es sieht nicht danach aus, dass Deutschland islamisch wird."

Und auch die Auslandsstimmen und -reportagen öffnen den Blick wohltuend. Berichte aus dem Irak und Afghanistan wirken, auch wenn sie einige Jahre alt sind, immer noch informativ. Und sogar Alice Schwarzers eigene Reportage aus dem revolutionären Iran von 1979 ist interessant. Denn damals war auch Schwarzers Blick noch offener: "Schwer erträglich" sei die "Arroganz der Christen, die alles Islamische schlicht als mittelalterlich abtun wollen. Denn es ist nicht alles schlecht, was islamisch ist. So einfach ist das", schrieb sie einst. Heute sehen ihre einfachen Wahrheiten etwas anders aus.

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