Portrait CDU-Ministerpräsident BaWü

Mappus' Welt

Wenn die Erde eine Scheibe wäre, würde Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus über den Rand fallen, heißt es. Weil er so weit rechts außen stehe. Eine Reise in Mappus' Welt.von PETER UNFRIED

Kann von Stuttgart 21 nicht abrücken: Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus.  Bild:  dpa

Eine Maschine kann noch so viel Kraft haben. Wenn sie sich nicht bewegt, bringt sie keine Leistung. Diese Erkenntnis hat Thomas Knapp mal irgendwo gehört. Fand er einleuchtend. Und nun wendet er sie auf seinen Ministerpräsidenten Stefan Mappus an. Wenn der steht, dann steht er - das sehen politische Freunde in diesen Tagen als seine herausragende Qualität. "Er steht", sagt Knapp, "das stimmt. Aber wer steht, bewegt sich nicht."

Knapp, 51, ist Unternehmer in der Erneuerbare-Energien-Branche und energiepolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. Grade macht er Mittagspause im "Da Joe" in Mühlacker, das ist eine 25.000-Einwohner-Stadt zwanzig Intercity-Minuten nordwestlich von Stuttgart. Hier lebt er, aus dem Stadtteil Enzberg stammt auch Mappus. Knapp kennt ihn, seit beide in den 90ern im Gemeinderat waren.

Unlängst blieb Mappus sitzen, als er im Landtag sprach. Vorher war er immer rausgerannt. Grüßte Knapp auch nicht mehr. Knapp hatte 2007 aus für ihn gegebenem Anlass gesagt: Wenn die Erde eine Scheibe wäre, würde Mappus über den Rand fallen, weil er so weit rechts außen stehe. "Guter Spruch", findet Knapp heute noch. Auch inhaltlich. Er wurde noch besser, als Mappus klagte. Und selbstverständlich verlor.

Man kann einige der negativen Einschätzungen, die über Mappus kursieren, in Knapps Geschichte wiederfinden: dass er leicht beleidigt sei, nachtragend, unsouverän, dass er nur Freund oder Feind kenne, dass er überziehe und dadurch auch strategische Fehler mache. Dass er daher beim Streit um das Verkehrsprojekt "Stuttgart 21" so reagiere, wie er es tue: hart an der Kante. Durchsetzen. Wasser marsch.

Seine Bürger in gut und böse einteile, für ihn oder gegen ihn, statt nach Kanzlerinnenvorbild präsidial der MP aller Baden-Württemberger sein zu wollen. Knapp sieht eine größere Dimension: Mappus sei "keine fertige Persönlichkeit" und nicht wirklich in der Höhe angekommen, auf der er als Ministerpräsident agieren können müsse.

Stefan Mappus, 44, war ein Einzelkind und wurde von seinen inzwischen verstorbenen Eltern entsprechend aufmerksam behandelt. Das waren "normale Menschen", heißt es in Mühlacker. Kleine Leute, große Aufstiegsgeschichte. Fleißig und ordentlich in der Schule. Gemeinderat, Kreisvorsitzender, den alten Landtagsabgeordneten von Pforzheim ordentlich weggebissen. Im Netzwerk des klassisch-konservativen Ministerpräsidenten Erwin Teufel durchgestartet.

Als Fraktionsvorsitzender Teufels liberaleren Nachfolger Oettinger in Rekordzeit losgeworden und sich so schnell Ministerpräsidentenamt und Landesvorsitz geschnappt, dass die anderen nur nicken konnten, nicht nachdenken. Mit Themen, Konzepten, Visionen verknüpft ihn kaum jemand. Gern sagen sie in diesen Tagen, dass Mappus "intellektuell bei weitem nicht das Niveau von Oettinger" habe. Wie überhaupt der an der Grenze zur Witzfigur gehandelte Ex-Ministerpräsident deutlich an Reputation gewonnen hat, seit Mappus regiert.

Mappus hat seine Lebens- und Karriereplanung darauf aufgebaut, dass die Macht im Land von der CDU ausgeht und innerhalb der Partei von einigen wenigen. Die CDU gibt, die CDU nimmt, gepriesen sei der Name der CDU. Parteimotto: "Des hen mir beschlossa, des machet mir jetzt au". Dank Stuttgart 21 allerdings könnte der seit Februar amtierende Mappus der erfolgloseste Ministerpräsident der Parteigeschichte werden: Als Einziger von der Bevölkerung abgesägt - und nicht von der Partei wie sämtliche Vorgänger.

Das sind Veränderungsszenarien, mit denen man emotional und strategisch zurechtkommen muss. Aber was wäre die strategische Alternative zum Kante-Zeigen? Wenn es eine Lösung gibt, muss Mappus sie selbst finden. Klüger als er selbst sei keiner um ihn herum, heißt es. Da achte er sehr darauf. Die Fraktion gilt auch nicht grade als Thinktank.

Günter Bächle kennt "den Stefan", seit er ihn bei einer Kinderfreizeit im Kleinen Walsertal betreute. 1977 oder 1978. Bächle ist Journalist. Er sitzt in seinem Ressortleiterbüro bei der Ludwigsburger Kreiszeitung. Sieht aus, wie man sich einen CDU-Kreistagsfraktionsvorsitzenden vorstellt - und ist auch einer, im Enzkreis. Außerdem seit 34 Jahren Gemeinderat in Mühlacker. Als Mappus dort einstieg, wurde er eine Zeit lang dem "Bächle-Lager" zugeordnet.

"Ich versuche immer, über die vielen positiven Seiten zu reden, die Mappus hat", sagt er. Und dass er ihn "durchaus noch positiv" sehe. Durch den Streit um Stuttgart 21 sei es wie beim legendären Filbinger-Wahlkampf 1976. "Freiheit oder Sozialismus", lautete der Slogan, der dem Ministerpräsidenten und furchtbaren Juristen Hans Karl Filbinger in Zeiten von Willy Brandts neuer Ostpolitik seinen größten Wahlsieg brachte. Polarisierung, klare Kante, wir oder die. Ergebnis damals: 56,7 Prozent. Größer war die CDU niemals und nirgends.

Oettinger holte 44 Prozent. Derzeit steht man in Umfragen bei 34, 35 Prozent. Das Ziel im März 2011, sagt Bächle, müsse schon 40 Prozent sein. Das reichte dann sogar mit einer Mini-FDP, wenn die Linke nicht reinkommt. Aber auch 40 Prozent erreiche man heute nur noch mit einer "gewissen Offenheit".

In der Zeitungsausgabe des Tages hat er Tanja Gönners Verkehrsministerium die Vorteile von Stuttgart 21 für die Region aufzählen lassen. Ohne Gegenposition. Das ist das alte Baden-Württemberg, das mit einer Stimme spricht. Der Stimme der Regierung, also der Partei, die sich ja nicht umsonst "Baden-Württemberg-Partei" nennt. Andererseits hört Bächle das Murren der Leute schon seit einiger Zeit und sieht Sattheit und Modernitätsbedarf. In der Energiepolitik, bei der Partizipation, im Selbstverständnis der Partei, im Umgang mit den Bürgern.

Bächle produziert Strom mit einer Fotovoltaikanlage auf seinem Hausdach. Hat er bei Thomas Knapp gekauft. "Des isch keine ideologische Frage", sagt er, "des isch vernünftig." Sie haben drei Kinder, 6 bis 12 Jahre, aber seine Frau arbeitete stets Vollzeit. "Eine Volkspartei muss die gesellschaftlichen Veränderungen positiv begleiten", sagt er. Er sieht, dass "die Leute" mitgenommen werden, einen "vermittelnden Landesvater" wollten und eine Partei, die sage: "Okay, wir haben verstanden." Stefan Mappus' Position aber sei stets "ich oder die" gewesen - und bisher stets erfolgreich.

Die CDU hat derzeit 69 Landtagsabgeordnete. Alle haben ihr Mandat direkt gewonnen. Nur der Wahlkreis Mannheim I ging 2006 traditionell an die SPD. Nun sind bis zu 12 Wahlkreise in den Groß- und Unistädten in Gefahr - durch die Grünen, die der Protest gestärkt hat. Drei der vier Stuttgarter Wahlkreise könnten grün werden. Nur Reinhard Löffler hat gute Chancen - im Norden der Stadt, wo man es mit den Grünen nicht hat.

Löffler steht im Stuttgarter Abgeordnetenhaus an der Kaffeemaschine und lässt eine Fraktionsmitarbeiterin vor. Die muss dem Fraktionsvorsitzenden Kaffee holen, das hat selbstverständlich Priorität. Dass der "Mannschaft", wie die Fraktion intern genannt wird, der "Arsch auf Grundeis" gehe, wie die Grünen kolportieren, kann Löffler nicht bestätigen. Ihm jedenfalls nicht. Obwohl bei seiner ersten Wahl Stimmenkönig, war er parteiintern umstritten. Die CDU gibt, die CDU nimmt? Er hat aber Freude an der Politik gefunden. Er setzte sich in einer Kampfabstimmung durch.

Löffler, 56, ist Jurist. Wurde früh Halbweise, die Mutter war Putzfrau, Studium, Managerkarriere bei IBM; auch er - wie Mappus - ein eingelöstes Aufstiegs- und Wohlstandsversprechen, das die Partei und das Land über ein halbes Jahrhundert verband. Er ist als wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU klarer Befürworter eines neuen Tiefbahnhofs; wie alle in der Fraktion.

Seine Tochter sagte zu ihm, sie trete "in 100 Jahren nicht in diesen Verein ein". Muss man als Vater akzeptieren. Er sieht schon auch, dass anderswo lebhafter inhaltlich diskutiert wird. Aber er spricht auch voller Begeisterung vom Corpsgeist der Mannschaft, ihrer "starken Geschlossenheit" nach außen. Er nennt es eine "konservative Loyalitätswelt". Klare Hierarchie, Individualisten haben es schwerer. In so einer Welt wird und will keiner an Mappus und seiner Wahlstrategie der Kante kratzen. Jedenfalls nicht vor dem 27. März.

Auch Löffler spricht von der Analogie zum Filbinger-Wahlkampf. Besteht nicht ein Problem der CDU darin, dass es die Entweder-oder-Welt nicht mehr gibt? Eben, ruft Löffler. Aber nun seien alle anderen Themen und schwer zu unterscheidende Positionen weg. Nur noch Bahnhof. Hier die Grünen, da die CDU.

Dass man neuerdings mit Wasserwerfern auf protestierende Bürger schießt? "So kann man das nicht ausdrücken. Es wurde nicht geschossen. Es war ein schwarzer Tag, der sich nie wieder wiederholen darf." Für Löffler tragen beide Seiten Verantwortung an der Eskalation. Wie viele in der Partei setzt er darauf, dass die SPD am Ende nicht mit den Grünen, sondern mit der CDU koalieren wird. Die hätten dann drei, vier glückliche Minister, aber die Machtstrukturen in den Apparaten und damit im Land blieben erhalten.

In Mühlacker bringt Joe inzwischen den Espresso und Thomas Knapp sagt in Rage: "Dieser schwarze Sumpf muss ausgetrocknet werden." "Und wenn wir nur eine Stimme mehr haben, dann wird das trotzdem gemacht." Auch Knapp ist klarer Befürworter von Stuttgart 21. "Aber den Kollateralschaden, dass Mappus kippt, den würde ich locker verschmerzen."

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