Auch Denkmalschützer denken immer moderner: Beim Aktionstag am Sonntag können sogar Graffiti besichtigt werden. 46 Objekte sind allgemein zugänglichvon Henning Bleyl

Imposant: Die Einfahrten zur Baumwollbörse Bild: Henning Bleyl
"Denkmäler müssen nach Möglichkeit genutzt werden." Mit dieser programmatischen Aussage, die in Gegensatz zu einer puristisch-musealisierenden Auffassung im Umgang mit historischer Bausubstanz steht, verweist Landeskonservator Georg Skalecki auf den Tag des offenen Denkmals. Am Sonntag sind 46 geschützte Bauten im Land Bremen für BesucherInnen geöffnet. Der Schwerpunkt liegt auf Gebäuden, die mit dem diesjährigen Thema Reisen, Handel und Verkehr zu tun haben.
Paradebeispiel ist die Baumwollbörse. Dort wurde zwar 1971 das Termingeschäft eingestellt, doch die in der Wachtstraße gefällten Urteile über die Qualität von Baumwolle sind noch immer weltweit gültig. Andererseits hat die Börse nur noch 120 Mitglieder, vor zehn Jahren waren es noch mehr als doppelt so viele - das Geschäft verlagert sich rapide in Richtung China. Von den rund 60 Firmen, die ihren Sitz im Haus haben, sind noch vier im Baumwollbereich tätig.
Einen Besuch des Bauwerks macht das nicht weniger lohnend. Obwohl die Türme und reichhaltigen Giebel im Stil der Weserrenaissance nach dem 1. Weltkrieg entfernt wurden, ist es von außen noch immer mächtig und prächtig, vor allem für Bremer Verhältnisse. Wo sonst existieren so eindrucksvolle Durchfahrten zu einem ersten und zweiten Innenhof? Da kann allenfalls das "Haus des Reichs" - am Sonntag ebenfalls geöffnet - mithalten. Seine eigentlichen Schätze zeigt die Baumwollbörse jedoch in ihrem Inneren: Das Treppenhaus würde jedem Residenzschloss zur Ehre gereichen. Auch die alternative Aufstiegsmöglichkeit ist reizvoll: Der "Paternoster" von 1928, der die sechs Etagen durch ununterbrochen kreisende Umlaufkabinen verbindet. In Bremen gibt es höchstens noch ein halbes Dutzend solcher Anlagen, obwohl sie wesentlicher effizienter arbeiten als moderne Aufzüge: Jederzeit geht es auf- oder abwärts, mit immerhin 40 Zentimetern pro Sekunde.
Lediglich die Unfallgefahr ist nicht völlig zu leugnen: "Wenn Handwerker mit ihrer Leiter einsteigen, hat es schon manchmal Kleinholz gegeben", erzählt ein langjähriger Mitarbeiter der Börse. Trotzdem sei der Paternoster als wartezeitfreie Vertikalverbindung unschlagbar.
Dass Denkmalschutz heute durchaus modern gedacht wird, zeigt auch das Beispiel des Kaffee HAG-Ensembles am ehemaligen Überseehafen. Da Ludwig Roselius nicht nur den koffeinfreien Kaffee, sondern auch das unmittelbar anrührbare Kakaopulver erfand, entstand hier ein Kaba-Werk. Während dessen Leerstand in den vergangenen Jahren entstanden großformatige Graffiti, die beim Tag des offenen Denkmals ausdrücklich als Sehenswürdigkeit hervorgehoben werden - in einem Atemzug mit dem Marmorsaal der Direktoren. "Auch als Kunsthistoriker kann ich deren Qualität anerkennen", sagt Rolf Kirsch von der Denkmalbehörde. Der neue Arealbesitzer, die Sirius AG, sei am Erhalt der Graffiti interessiert.
Für das kommende Jahr verspricht Skalecki ein weiteres Update in Sachen moderner Denkmalschutz: Zunehmend sollen Veranstaltungen für Kinder angeboten werden.
<typohead type="5">Programm: www.denkmalpflege.bremen.de. In Einzelfällen sind Voranmeldungen erforderlich. Flyer gibt es unter 36 11 00 40</typohead>
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