Jahrzehnte war Kim Jong Ryul treuer Gefolgsmann des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il. 1994 täuschte er seine Ermordung vor und tauchte unter. Jetzt klagt er an.von CIGDEM AKYOL

Nordkoreaner an der Statue des früheren Diktators Kim Il-sung. Bild: dpa
Den Mord plante Kim Jong Ryul jahrelang voraus. Anfangs hatte er mit dem Gedanken gespielt, einfach so zu verschwinden. Er wusste, dass er mit äußerster Vorsicht vorgehen musste. Immerhin ist sein Feind eine paranoide Diktatur. Deswegen hatte er die Idee rasch verworfen, zu kompliziert. Er wählte einen anderen Weg. Tat so, als sei er von slowakischen Gangstern ermordet worden.
"Wenn der Tiger stirbt, hinterlässt er sein Fell. Wenn ein Mensch stirbt, möge er seinen Namen hinterlassen." Mit diesem konfuzianischen Sprichwort antwortet Kim Jong Ryul auf die Frage, warum er sich nun aus seinem Versteck wagt. Dabei wurde er vor 16 Jahren für tot erklärt. Er hatte seine eigene Ermordung inszeniert und verschwand im Untergrund, war plötzlich weg. Jetzt ist er wieder da, das Regime weiß zumindest grob, wo Kim Jong Ryul steckt: Der Totgesagte lebt in Österreich, ist nun ein "Vaterlandsverräter". Und er will erzählen. Seine Meinungen äußern, sich "rächen", wie der 76-jährige sagt. Er sitzt in einem Wiener Kaffeehaus, gekleidet in einen viel zu großen Anzug, und hat eine Papiertüte dabei. In ihr bewahrt er alle seine Unterlagen auf, seinen nordkoreanischen Pass, die Studentenausweise aus der DDR und Bilder aus der Vergangenheit.
align="center"> Staat der Angst
"Rächen" will er sich an dem System, dem er Jahrzehnte diente. Dem Land, in dem alle Angst haben - die Menschen vor dem Gulag, der Staat vor seiner Bevölkerung. Der Diktator Kim Jong Il ist vor allem für seinen exzentrischen Lebensstil bekannt. Seinem Volk präsentiert er sich als Halbgott und lässt es zugleich verhungern, der Welt droht er mit Atomwaffen. Nordkorea ist ein schwarzes Loch der Informationen, ein Armenhaus und Schurkenstaat. Wie das Leben der Menschen dort aussieht, davon haben wir kaum eine Vorstellung. Hin und wieder gelingt es Journalisten, ins Land zu kommen und wenige Bilder mitzubringen. Es sind Mosaiksteinchen. Informationen über den Kim-Clan und die Machtprozesse stützen sich vor allem auf Berichte von Flüchtlingen und Überläufern wie Kim Jong Ryul.
Der gebürtige Bauernsohn wird wegen seiner guten Noten vom Regime in die DDR geschickt, um Maschinenbau zu studieren, und lernt eifrig. Denn er weiß: wer schlechte Noten bekommt, sich nicht ausreichend für die Partei engagiert, Kritik an dem Land übt oder eine Liebesaffäre beginnt, wird zur Zwangsarbeit verdammt - und die Familie dazu. Er dient sich hoch, wird Parteimitglied, Offizier und Ingenieur im sogenannten Hauptquartier, der für Sicherheit und Komfort der Diktatorenfamilie zuständigen Behörde. Er hat nach eigenen Angaben an Atombunkern mitgebaut, Abhöranlagen beschafft, Technologien, Waffen und Luxusgüter für den Staatsgründer Kim Il Sung und dessen Sohn und jetzigen Herrscher Kim Jong Il im westlichen Ausland, vor allem in Österreich, eingekauft. Da die Nordkoreaner einen 30-Prozent-Aufschlag auf die marktüblichen Preise bezahlten, und mit Bargeld, fanden sich leicht Geschäftspartner.
So habe er über mehrere Jahre mit Mercedes-Benz in Stuttgart zusammengearbeitet, in einem Werk nahe Sindelfingen seien Nordkoreaner geschult worden. Daimler bestätigt diese Aussage nicht, räumt aber ein: "Nordkorea hat in den siebziger Jahren einige Fahrzeuge von uns bestellt. Diese wurden im Rahmen der damals gültigen Gesetzgebungen für Exporte geliefert."
Was hat ihn so lange an dem System teilhaben lassen, das keine Menschenrechte kennt? "Ich war ein kritischer Mitläufer", räumt Jong Ryul ein. "Wenn ich auch ,Hurra' schreien musste, habe ich nicht mit ganzem Herzen ,Hurra' geschrien. Weil ich ganz genau wusste, dass sie etwas falsch machen."
Die Parteiführung setzte Vertrauen in ihren linientreuen und korrekten Spitzen-Einkäufer, der mit immer mehr Kompetenzen für immer größere Einkaufstouren in Westeuropa ausgestattet wurde. Weil er anders als die meisten Nordkoreaner die Freiheit sah, habe er seine Zweifel an dem Regime irgendwann nicht mehr unterdrücken können. Bei einem Flug nach Bratislava 1994 ergreift Kim Jong Ryul die Gelegenheit zur Flucht, der nordkoreanische Geheimdienst kann ihn nicht finden. Ein Jahr später wird er für tot erklärt und seitdem als Held verehrt. Mit seiner Familie hat er seitdem nie wieder gesprochen, sie wissen nicht, was mit ihrem Ehemann und Vater geschehen ist. Bis jetzt.
In seinem neuen Leben muss Jong Ryul lernen, wie man in einer kapitalistischen Gesellschaft über die Runden kommt, und gibt sich als Japaner aus. Weil er Angst vor dem nordkoreanischen Geheimdienst hat, bleibt er fünfzehn Jahre illegal in Europa. Der Totgesagte musste jede Einladung seiner Nachbarn ausschlagen, achtetet penibel auf gesunde Ernährung und absolvierte ein tägliches Fitnessprogramm, um ja nicht krank zu werden und den Gesundheitsbehörden aufzufallen. "Aber in der Freiheit kann man alles ertragen", sagt er. Nordkorea gibt es für ihn seither nur noch in den Fernsehnachrichten. Er hat fünf Fernseher, schaut südkoreanische, japanische, deutsche, österreichische und chinesische Kanäle, um jede neueste Entwicklung über Nordkorea zu erfahren. Erst kürzlich hat er in Österreich Asyl erhalten.
Alles klappt nach Plan - bis auf eines: Eineinhalb Jahrzehnte später regiert in Nordkorea immer noch ein Großer Führer. An seinem 70. Geburtstag habe er sich an das konfuzianische Sprichwort mit dem Tiger erinnert und beschlossen, wieder aufzutauchen und zu reden, sagt Jung Ryol. Er habe auch nicht geplant, sich so lange verstecken zu müssen. Doch die Hoffnung, dass das Regime in Nordkorea in absehbarer Zukunft zusammenbreche, hat er mittlerweile aufgegeben. Vergeblich wartet er auf den Umsturz. Das Land ist zumindest in einer Übergangsphase, momentan wird der Machtwechsel eingeleitet. Denn die Gesundheit des 68-jährigen Kim Jong Il soll seit einem Schlaganfall vor zwei Jahren angeschlagen sein. Für den September hat der Machthaber zum ersten Mal seit 44 Jahren einen Parteitag seiner Kommunistischen Partei einberufen, auf dem sein Sohn Kim Jong Un auch offiziell als sein Nachfolger im dynastisch vererbten Diktatorenjob ausgerufen werden soll.
align="center"> Unbekannter Thronfolger
Wenig ist über Kim Jong Un bekannt. Der dritte und jüngste Sohn Kim Jong Ils ist Ende zwanzig, soll eine Schule in der Schweiz besucht haben, sich für Basketball begeistern. Aber vor allem gilt er als politisch unerfahren. "Ein Rotzbengel ist das", sagt Kim Jong Ryul verärgert über Kim Jong Un, den er als Kind kennen gelernt habe.
Wie könnte ein Nordkorea nach Kim Jong Il aussehen? Nichts werde sich ändern, glaubt Kim Jong Ryul. Wegen der lückenlosen Überwachung und Unterdrückung der Bevölkerung könnte keine Widerstandsbewegung entstehen. Aber warum lässt sich ein ganzes Volk derart von einem System unterdrücken? Um kritische Gedanken in der Bevölkerung erst gar nicht aufkommen zu lassen, habe das Regime das ganze Land in ein geistiges Gefängnis umgebaut, sagt Jong Ryul und nennt zwei Beispiele: Wer etwas kopieren will, muss seinen Vorgesetzten um Papier bitten und erklären, wie viel Blatt er für welche Zwecke benötigt. Auf diese Weise wird verhindert, dass irgendwer Flugblätter produziert. Und einmal in der Woche muss jeder Nordkoreaner zur ideologischen Unterweisung und zum Zweck der Selbstkritik zu einer Versammlung erscheinen, was von dem Regime beschönigend als "Lebensbilanz" bezeichnet wird.
align="center"> Eine Rolex von Kim
Auch an innere Machtkämpfe zwischen dem Familienclan und dem Militär glaubt er nicht. Nordkorea sei keine Partei- oder Militärdiktatur, sondern eine Familiendiktatur. "Und in der Spitze der Armee sitzen die Halunken, die nichts von außen eindringen lassen wollen", schimpft Kim Jong Ryul. Diese Machtelite habe den Wunsch, das System so zu erhalten, wie es ist. "Den Parteibonzen und besonders den Generälen wird doch von Kim das Maul mit luxuriösen Geschenken gestopft. Warum sollten die auf ihre Privilegien verzichten?", sagt er mit einer Stimme, die nach Erschöpfung und Hartnäckigkeit klingt. Er selbst habe eine goldene Rolex vom Regime bekommen, in die Kim Il Sungs Konterfrei eingraviert sei.
Zwar besitzt das Land mit 1,2 Millionen Soldaten eine der größten Armeen der Welt, aber als er Nordkorea 1994 verließ, seien die Waffen der Armee veraltet, die Soldaten schlecht ausgebildet und schwächlich, wegen der ständigen Hungersnot gewesen. Stark sei die Armee nur in der Rhetorik. "Das Regime ist sehr stabil, auch wenn die Bevölkerung Staub fressen muss", sagt der einstige Mittäter und jetzige Ankläger. "Ein Scheißland ist das." Diesen Satz wiederholt er oft.
"Das Volk unten, die sterben, die verhungern, und die oben leben so prunkhaft wie Götter. Darum bin ich ein Verräter geworden und geflüchtet." Doch das Regime vergisst nicht, egal wie viel Zeit vergangen ist. Hochverrat bleibt Hochverrat - und seine Frau und zwei Kinder werden für seine Worte bezahlen. Kim Jong Ryul nimmt es in Kauf, dass seine Familie sehr wahrscheinlich in einen Gulag muss. Ob diese Opfer es wert seien? "Ja", antwortet er, er wolle das Regime der Kims entlarven, das seiner Meinung nach "viel schlimmer als das von Adolf Hitler" sei.
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Leserkommentare
10.10.2010 22:50 | Dith Pran
Ach ja...und die Malaria in Kambodscha wurde damals vom "Bruder N°1", Genosse Pol Pot mit seinen Khmer Rouge völlig ausgero ...
10.10.2010 22:22 | Dith Pran
....Ja,ja, und Kambodscha war auch so eine "imperialistische CIA-Lüge"...Die KBW-Idioten sterben eben nie aus!
02.09.2010 13:20 | roterbaron
Heutzutage schreibt Jeder der einen Stift halten kann ein Buch über irgendetwas. Auch sinnloses.
Die Jenig ...