Den ganzen Radikalenscheiß und das ständige Beleidigtsein endlich hinter sich lassen - ein taz-Autor wendet sich dafür hilfesuchend an die Linksextremisten-Hotline.Interview: Helmut Höge

Die mangelnde Radikalität ärgert mich manchmal so sehr, das ich mich in Gewaltfantasien reinsteigere. Bild: dpa
taz: Guten Tag, bin ich mit dem Verfassungsschutz verbunden? Ich bin Linksextremer und möchte aussteigen.
Verfassungsschutz: Das begrüße ich, aber wir sind nur für Rechtsextreme zuständig. Da müssen Sie sich an die Hotline des Familienministeriums wenden, ich gebe Ihnen mal die Nummer …
Hotline? Na, so eilig ist es nicht, ich bin jetzt seit 1967 Linksextremer, da kommt es auf eine Woche mehr oder weniger auch nicht mehr an.
Die heißt nur so. Die Nummer ist 0180 - 190 70 50.
Guten Tag, ist dort die Hotline für linksextreme Aussteiger?
Das fiktive Gespräch auf dieser erst demnächst besetzten Aussteiger-Hotline führte Helmut Höge
Familienministerium: Ja, Sie sind hier richtig, ich höre …
Ich bin immer noch Linksextremist und würde den ganzen Radikalenscheiß gerne hinter mich lassen. Alle meine früheren Genossen haben es auch geschafft. Ich erinnere nur an Hans-Christoph Buch, Peter Schneider, Joschka Fischer, Tom Koenigs, Götz Aly, Thomas Schmidt, Gerd Koenen. Was sagen Sie - oder hören Sie nur zu?
Nein, ich gebe zu bedenken, die eben von Ihnen Erwähnten, das sind alles mehr oder weniger prominente Linksextremisten - gewesen. Und die wollten was werden: prominent oder was auch immer. Was versprechen Sie sich von einem Ausstieg? Ich frage nach Ihrer Motivation.
Erst mal, dass ich nicht immer so beleidigt bin. Das fängt morgens beim Zeitunglesen an: mit diesem ganzen angepassten Seich. Die mangelnde Radikalität ärgert mich manchmal so sehr, das ich mich in Gewaltfantasien reinsteigere.
Ich verstehe. Ja, da sollten wir uns wirklich Gedanken darüber machen, wie man das abstellen kann. Sie würden damit wieder Lebensfreude zurückgewinnen.
Sie meinen, wie ich sie hatte, bevor ich lesen lernte?
Nein, ich meine einen Zustand, in dem man auch den "angepasstesten Seich", also das Oberflächlichste oder Verlogenste, gelassen zur Kenntnis nimmt.
Genau, und deswegen denke ich, ich muss raus aus dem Linksextremismus. Die Gesellschaft ist so reaktionär und gemein geworden, dass ich befürchten muss, damit vollends ins Abseits zu geraten …
Ja, darum geht es auch im Aussteigerprogramm für Neonazis von unseren Kollegen beim Verfassungsschutz. Nur die bekommen ihre aussteigewillige Klientel von ihren V-Leuten in den Leitungsgremien rechtsradikaler Organisationen quasi überstellt. Da handelt es sich meistens um Unzuverlässige, die die los sein wollen, ohne dass die sich dann in Wort und Tat gegen sie wenden. Das ist denen früher ein paar Mal passiert. Sie sind uns aber von keiner linken Organisation oder Partei empfohlen worden, oder?
Ich habe nie einer angehört.
Aber Linksextremist sein - und allein, ist das nicht ein Widerspruch?
Davon rede ich doch, dass meine Einstellung mich da reintreibt. Abgesehen davon gibt es neben einer Organisation oder Partei auch noch andere Kollektive, wenn auch kurzlebigere.
Können Sie mir welche nennen?
Es geht doch hier nicht um meine Einwanderung in die USA, ich wollte mit dem Aussteigerprogramm verbunden werden.
Das sind Sie, aber es macht doch auch in extremistischer Hinsicht einen Unterschied, ob Sie, jetzt nur mal als Beispiel, in einer vergrübelten Trotzki-Studiengruppe mitmachen oder beim eher aktionsorientierten Autonomen-Info "Interim" …
Und Sie würden lieber Aktivisten als Grübler zum Ausstieg raten?
Wir haben ja gerade erst damit angefangen. Dies ist auch ein Experiment unserer Ministerin. Also, nein, das würde ich nicht sagen. Es geht uns generell um Leute, die sich nach links verrannt haben - politisch gesehen.
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Leserkommentare
08.08.2010 00:49 | Arne Babenhauserheide
@Erikius: Ich sehe da eine ganze Reihe sehr klare Aussagen drin. Die für mich schönste: ...
06.08.2010 10:50 | comax
Sehr lustiger Artikel, danke. ;-) ...
05.08.2010 01:21 | Eike
Meine Fresse, ist das wunderbar. Mehr davon und weniger von dem, von dem es in der taz in den letzten Jahren viel zu viel g ...