Tricks der Süßwarenhersteller

Ein Bonbon wie viele andere

Die Süßwarenindustrie führt den Verbraucher in die Irre: Die Werbung suggeriert Vorteile für die Gesundheit, die gar nicht existieren, moniert Foodwatch.von JOST MAURIN

Schön bunt - und schön viel Kalorien...  Bild:  dpa

Die Lebensmittelindustrie versucht, mit Vitaminzusätzen Süßigkeiten gesundzuwerben. Das hat die Verbraucherorganisation Foodwatch nun am Beispiel des Bonbons "nimm2" des Herstellers Storck gezeigt: "Er wirbt mit ,wertvollen Vitaminen', die in Wahrheit völlig überflüssig sind", kritisiert Foodwatch. Diesen Vorwurf macht der Verband auch Firmen und ihren Produkten, wie die zuckrigen Frühstücksflocken "Froot Loops" von Kelloggs, die Kinderlimonade "Capri-Sonne" von Wild oder der Kakao "Nesquik" von Nestlé.

"Kinder leiden in den allermeisten Fällen nicht an einem Vitaminmangel, sie sind teilweise sogar überversorgt", sagt Kampagnenleiterin Anne Markwardt. Die irreführende Werbung verleite dazu, Kinder ruhig mal öfter naschen zu lassen. "Aber mit jeder zusätzlichen Portion Süßigkeiten steigt das Kariesrisiko. Und langfristig auch das Risiko für Übergewicht."

Dabei sind 51 Prozent der Erwachsenen in Deutschland dem Statistischen Bundesamt zufolge übergewichtig. 10 Prozent der 12-Jährigen haben bereits mehr als zwei kariös erkrankte Zähne, wie es in einer Studie des Instituts der Deutschen Zahnärzte heißt. Für die Industrie sind Süßwaren aber ein riesiges Geschäft: Laut Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie macht die Branche mit Süßigkeiten jedes Jahr einen Umsatz von rund 14 Milliarden Euro. Für keine andere Produktgruppe macht sie mehr Werbung.

"Nimm2" etwa bewirbt Storck seit der Markteinführung 1962 als gesündere Alternative zu anderen Bonbons. Auf der Vorderseite der Verpackung ist kein einziger Bonbon zu sehen. Stattdessen glänzende Orangen und Zitronen. Darunter der Schriftzug mit den "wertvollen Vitaminen" und ein weiterer, der unter anderem "Traubenzucker in der Füllung" anpreist.

Beide vermeintlichen Vorzüge beurteilen Experten als überflüssig. "Wir halten Vitaminzusätze in Lebensmitteln nicht für notwendig", sagt Antje Gahl, Sprecherin der renommierten Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Schon eine Portion Paprika liefere die für einen Tag nötige Dosis Vitamin C. Im Gegensatz zu Süßigkeiten kämen Obst und Gemüse aber ohne "extra Kalorien, die sich schnell summieren und zu Übergewicht beitragen können", wie die Ernährungswissenschaftlerin erklärt. "Süßigkeiten sind nicht die geeigneten Lebensmittel, um Vitamine zu sich zu nehmen. Süßigkeiten gehören auch nicht zu den täglich empfohlenen Lebensmitteln." Schließlich enthält etwa "nimm2" zu 72 Prozent Zucker. Doch laut DGE sollte man nur 10 Prozent seiner täglichen Energieaufnahme über diesen Stoff decken.

Auch der von Storck gepriesene Traubenzucker ist laut Gahl kein Argument für "nimm2". "Traubenzucker ist ernährungstechnisch das Gleiche wie normaler Zucker", sagt sie. Und selbst wenn Traubenzucker besser wäre - laut Foodwatch ist nur ein Neuntel des Gesamtzuckers eines "nimm2" Traubenzucker.

"Wir sagen nicht, dass ,nimm2' gut für die Gesundheit oder Traubenzucker besser sei", sagt dazu Firmensprecher Bernd Rößler. Aber suggeriert die Werbung das nicht? "Jeder kann selbst entscheiden, ob er den Zusatznutzen von ,nimm2' sieht oder nicht. Der Verbraucher ist nicht dumm."

Doch viele Industriekritiker bezweifeln, ob gerade bildungsferne Schichten irreführende Werbung durchschauen. Ein Beispiel nennt Rößler gleich selbst: "Wir wissen, dass viele Verbraucher Traubenzucker als positiv betrachten", sagt er - obwohl der Stoff den Wissenschaftlern zufolge keine Vorteile bringt.

Foodwatch fordert deshalb: "Storck soll die Bonbons als das bewerben, was sie sind: eine Süßigkeit, die nicht besser oder gesund ist als andere."

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