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Gutes Spiel braucht keine Titel

Lucien Favre hat mit Borussia Dortmund eine großartige Saison hingelegt. Auch ohne Meisterschaft

Niemand im Fußball weiß, wie groß der Faktor Psychologie wirklich ist, aber jeder weiß, dass es ihn gibt. Niemand weiß zudem, wie groß der Faktor Zufall ist. Er wird jedenfalls beharrlich geleugnet, was an der Phrase „nicht unverdienter“ Sieg zu erkennen ist, die davon ausgeht, dass es irgendeinen Grund schon geben wird, wenn der Schlechtere gewinnt. Dann hat er halt Charakter.

Wer besser ist und verliert, hat dagegen ein Charakterproblem. Die Charakterfrage betrifft nicht nur ein Team, sondern im Zeitalter des durchorchestrierenden Trainers vor allem auch ihn. Wenn also Borussia Dortmund nicht Meister wird, so liegt das an? Genau: Lucien Favre. Er schaut zu traurig, um erfolgreich zu sein, er kann nicht mit Krisen umgehen und eskaliert sie, statt sie zu deeskalieren.

Vor allem Letzteres mag zutreffen, aber es richtet den Blick weg vom Wesentlichen: dass man mit Favre als Trainer kaum Krisen hat und dafür Erfolg in einem Ausmaß, wie er vorher nicht da war.

Wir haben es in der Bundesliga mit einem „Wettbewerb“ zu tun, der faktisch keiner mehr war, wie man an den ununterbrochenen Titelgewinnen des ökonomisch haushoch überlegenen FC Bayern seit 2013 sehen kann. In diesem Jahr ist das anders. Es ist daher eine respektlose Zusammenfassung einer großartigen Saison des BVB, nun herumzumaulen, dass Favre keine Titel gewinnen könne oder „neun Punkte Vorsprung verspielt“ habe.

Favre hat in sehr kurzer Zeit eine ganze Reihe junger Profis zu Halbstars oder Stars entwickelt und so eine Überflieger-Vorrunde gespielt und einen exorbitanten Verkaufswert geschaffen, was ja das Geschäftsprinzip der BVB-Kommanditgesellschaft auf Aktien ist. Er hat Marco Reus noch mal zum Durchstarten gebracht, zuletzt sogar eine Verwendung für Mario Götzes spezielle Sonderklasse gefunden.

Und dann war Reus länger verletzt und die Jungen fingen an zu wackeln und leisteten sich zu viele Fehler, zuletzt Manuel Akanji in Bremen.

Der Wolfsburger Manager Jörg Schmadtke hat den wunderbaren Satz gesagt: „Ich versuche, nachhaltig zu arbeiten, weiß aber, dass etwas dazwischenkommen kann.“

Wie man auch an Jürgen Klopp sehen kann, dem anderen Trainer, dem man in ein paar Tagen ähnliche Vorwürfe machen wird, wenn er nach vier Jahren mit dem FC Liverpool keinen Titel gewonnen hat. Bezüglich der Charakter-Außendarstellung ist Klopp das genaue Gegenteil von Favre. Aber auch das nützt ihm nichts.

Der Philosoph Wolfram Eilenberger hat im Angesicht des bemerkenswerten Liverpooler Fußballs beim FC Barcelona und des absurden Ergebnisses (0:3) darauf hingewiesen, dass der große Titel im Fußball nicht verfügbar gemacht werden kann, ohne dass der Zufall auf der eigenen Seite positiv wirksam wird. Das gelte auch für ganze Trainerkarrieren. (Es sei denn, man ist Bayern-Trainer.)

Lucien Favre kann Krisen nicht deeskalieren. Aber: Man hat mit ihm als Trainer kaum Krisen. Dafür aber ungeahnten Erfolg

Klopps Liverpool, Favres BVB sind große Kunstwerke exzeptionellen Trainerschaffens, ob nun mit oder ohne Titel. Es sind Beispiele dafür, dass man wirklich nachhaltig erfolgreich sein kann. Und dass man im Normalfall am Ende trotzdem ohne Titel dasteht. Das gilt übrigens auch für Ralf Rangnicks Saison mit RB Leipzig.

Wenn wirklich einmal nichts dazwischenkommt, dann ist es grandioser Zufall.

Peter Unfried