Youtube-Video von Ex-KZ-Häftling

Disco-Dancing in Auschwitz

Zu "I will survive" tanzt der 89-jährige Auschwitzüberlebende Adolek Kohn in einem Video vor der Kulisse mehrerer KZs und ist so zum Youtube-Star geworden.von DORIS AKRAP

</param>

</param>

</param><embed src="http://www.youtube.com/v/StXGvuvSzh4&amp;hl=de_DE&amp;fs=1" type="application/x-shockwave-flash" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true" width="460" height="280"></embed></object>

 

Warum also sollte ein Holocaust-Überlebender nicht "I will survive" in Auschwitz singen und dazu tanzen? Es ist sicher nicht erstaunlich, dass erst jetzt die Tochter eines ehemaligen KZ-Häftlings auf diese Idee kam. So viel Selbstüberwindung muss man erstmal aufbringen. Zusammen mit ihrem Vater, den 89-jährigen Australier Adolek Kohn, der Auschwitz und Groß-Rosen überlebt hat und dessen fünf Enkeln fuhr sie vergangenen Sommer an die Stätten, in denen die Juden Europas ermordet wurden. Vor den Toren der Konzentrationslager Auschwitz, Lodz, Theresienstadt und Dachau und vor der Maisel-Synagoge in Prag tanzen sie alle zu "I will survive" und die Tochter Jane Korman machte daraus ein Video "I will survive Dancing Auschwitz", das in den vergangenen Tagen zum youtube-Klickmonster wurde.

Es ist überraschend, wie sehr der Text des Liedes passt, zu der Combo, die in T-Shirts mit der Aufschrift "Survivor" unter dem Schild "Arbeit macht frei" zaghafte Tanzschritte macht:

Weren't you the one who tried to hurt me with goodbye // You'd think I crumble you'd think I'd lain down and die // Oh no, not I, I will survive.

Der Vorwurf der Selbstvermarktung und der Geschmacklosigkeit, den Michael Wolfssohn von der Bundeswehrakademie der Familie Kohn und ihrem Video macht, ist selbst derart geschmacklos, weil er dem Überlebenden vorschreiben will, wie er sich gegenüber dem erlebten Grauen während des Holocaust zu verhalten habe. Sicher, es gibt viele Stimmen, die fordern, dass absolutes Schweigen die einzige Form sei, die an diesen Orten legitim sei. Und auch in Zukunft wird es derartige Debatten über den Umgang mit den Orten der Nazi-Verbrechen immer wieder geben: Die Debatte um das Würstchengrillen auf dem Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals am Brandenburger Tor war vor langer Zeit erst der Anfang.

Aber was bitte ist daran geschmacklos, wenn Adolek Kohn in seinem weißen Shirt mit der Aufschrift "Survivor" das Victory-Zeichen macht? Am Ende des Videos, erzählt Adolek Kohn, dass es ein historischer Moment für ihn ist, und wenn ihm vorher jemand gesagt hätte, dass er über 60 Jahre später mit seinen Enkeln zu den Konzentrationslagern fahren würde, hätte er ihn für verrückt erklärt. Gerade dieser Moment rührt zu Tränen, weil Adolek Kohn es schafft, zumindest für den Augenblick, seinen schmerzhaften Erinnerungen an diesen Ort selbstbewusst augenzwinkernd zu begegnen.

Man muss aber keine verrenkte Begründung dafür finden, warum Adolek Kohns Video "legitim" ist, wie es Wolfgang Wippermann und andere in guter Absicht tun: Der humorvolle Umgang mit dem Holocaust ermögliche es der jüdischen Bevölkerung, ihre Vergangenheit zu verarbeiten und daher sei es akzeptabel, wenn Israelis und andere Juden sich über den Holocaust lustig machten, Tanzen sei in vielen Kulturen ein Element der Trauerbewältigung oder Israelis wollen nicht mehr nur Opfer sein, etc.

Nein, es braucht überhaupt keine Legitimation für das, was Adolek Kohn und seine Familie gemacht haben. Holocaust-Überlebende dürfen an den Orten, an denen ihre Familien, ihre Nachbarn, ihre Freunde und Bekannte ermordet wurden und sie selbst überlebten, machen was sie wollen. Ja, wenn sie - die Überlebenden - es wollen würden, dürfte man die KZ-Gedenkstätten sogar schließen.

Das Video, das Kohns Tochter, die australische Künstlerin Jane Korman. gedreht hat, ist rührend und komisch zugleich; und das sicher nicht unfreiwillig. Denn man sieht der Gruppe an, dass sie sich nicht wie auf einer Disco-Tanzfläche fühlen, sondern dass ihre Performance alles andere als leichtfüßig ist. Auch wenn es der 89-jährige Adolek selbst ist, der den coolsten Perfomer der Combo gibt, vor allem wenn er den Charleston tanzt wie es Josephine Baker auch nicht besser gemacht hätte.

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!