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Zum Drucken plötzlich zu sehr Frau

Ein russisches Gericht schreibt Geschichte: Auch trans Menschen haben Rechte

Oh Land der Wunder! In Russland hat ein Gericht in Sankt Petersburg einer Transgenderfrau in einem arbeitsrechtlichen Prozess recht gegeben. Das ist insofern bemerkenswert, als Menschen mit „nichttraditioneller sexueller Orientierung“, wie es so schön im russischen Sprachgebrauch heißt, im Reich von Wladimir Putin nichts zu lachen haben. Gelinde gesagt.

Abgesehen davon, dass es sie eigentlich nicht geben dürfte, werden sie als „abnorme Gestalten“ diskriminiert, gedemütigt, gejagt und bisweilen getötet.

Und jetzt dieses Urteil, das erste seiner Art: Die Klägerin Anna Grigoriewa hatte, damals nach außen hin noch als Mann identifiziert, zehn Jahre in einem Verlag als Drucker gearbeitet. Nach der Geschlechtsangleichung wurde sie 2017 gefeuert. Ihr ehemaliger Arbeitgeber muss Grigoriewa jetzt umgerechnet 140 Euro Schmerzensgeld sowie knapp 28.000 Euro Lohn nachzahlen, dessen sie nach der Kündigung verlustig gegangen war. Und sie muss wieder eingestellt werden.

Begründet wurde der Rauswurf damit, dass eine Frau den Beruf des Druckers nicht ausüben könne. Seit dem Jahr 2000 gibt es nämlich per Regierungsbeschluss eine LISTE, auf der mehr als 35 Industriezweige und über 450 Berufe aufgeführt sind. Sie werden als zu gefährlich und hart eingestuft und gelten daher als ungeeignet für Frauen. Dazu gehören Schmiede und Taucher sowie Zimmer- und Feuerwehrleute. Erstaunlicherweise interessierte es noch zu Sowjetzeiten kein Schwein, dass sich Frauen als Traktoristinnen auf Kolchosen oder in Militärbetrieben die Knochen kaputt schufteten.

Wladimir Putin hingegen interessiert das sehr wohl. Nicht ohne Hintergedanken. Schließlich sollen Frauen, anstatt „gefährlichen Tätigkeiten nachzugehen, wieder verstärkt ihren familiären Pflichten nachkommen“. Will heißen: für Nachwuchs sorgen. Die Gebärfreude lässt in Russland zu wünschen übrig. Durchschnittlich bringt eine Frau 1,7 Kinder zur Welt. Laut Prognosen sollen 2050 nur noch 137 Millionen RussInnen auf dem Erdenrund siedeln (aktuell 146 Millionen).

Ksenia Michailowa von der LGBT-Gruppe Vychod („Ausweg“ oder „Coming-out“) glaubt, dass dieses Urteil sexuellen Minderheiten dazu verhelfen wird, Anerkennung in der Gesellschaft zu bekommen und ihre Rechte verteidigen sowie gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz vorgehen zu können. Möge sie recht behalten. Barbara Oertel