Berlinale – „L’adieu a la nuit“

Kuffar dürfen wir bestehlen

Im Berlinale-Wettbewerb: Ratlos verfolgt Catherine Deneuve in André Téchinés neuem Film, wie ihr Enkel sich dem Dschihadismus zuwendet.

Mutter und Sohn stehen sich gegenüber

Muriel (Catherine Deneuve) und Alex (Kacey Mottet Klein) Foto: Curiosa, Adieu à la nuit 2019

2011 tauchten zum ersten Mal ausländische Kämpfer in Syrien auf. Unter den 5000 vermuteten Dschihadisten in Syrien und dem Irak stellt Frankreich heute die größte Gruppe. Gemeinsam mit Lea Mysius begann André Téchiné 2015 das Phänomen der jugendlichen Glaubenskrieger in Frankreich in einem Drehbuch für einen Spielfilm zu entwickeln.

„L'adieu a la nuit“ („Abschied von der Nacht“) erzählt vom Zusammentreffen der unabhängigen Muriel mit ihrem unnahbaren Enkel Alex und zeigt zwei Generationen, die einander kaum etwas anzubieten haben.

Unweit der Küste, im Süden Frankreichs betreibt die Großmutter mit ihrem gleichaltrigen Geschäftspartner Youssef eine Reitschule und eine blühende Obstplantage. Zum 8. Mal in einem Film des französischen Regisseurs zu sehen, spielt Catherine Deneuve Muriel souverän als unabhängige, ausgeglichene Frau Ende sechzig und stets elegant leger im Landhausstil gekleidet.

Nach langer Abwesenheit besucht Alex Muriel, bei der er aufgewachsen ist, um sich vor seiner Abreise nach Kanada zu verabschieden. Diese männliche Hauptrolle besetzte Téchiné erneut mit dem Schweizer Schauspieler Kacey Mottet Klein, der als jugendlicher Damien 2016 in „Quand on a 17 ans“ überzeugte.

Die eigenen Spielregeln

Mit Zärtlichkeit und Neugier empfängt Muriel den jungen Mann, der von unbestimmten Zorn und Rastlosigkeit getrieben scheint. Überrascht stellt Muriel fest, dass ihr Enkel inzwischen zum Islam konvertiert ist. Bald entdeckt sie, dass er und Lila (Oulaya Amamra), seine Freundin aus Kindertagen tatsächlich eine Reise nach Syrien in den Dschihad planen.

13. 2., 10 Uhr + 21.45 Uhr, Berliner ­Festspiele,

13. 2., 15 Uhr, FSP, 17. 2., 21.30 Uhr, FSP

Durch Muriels Perspektive nähert sich Téchiné der schwer zugänglichen Gedankenwelt der Heranwachsenden ohne leichtfertig Erklärungsmuster für ihr Tun anzubieten. Nur vereinzelt gibt er darüber hinaus Hinweise zu den biografischen Erfahrungen seiner jungen Protagonisten.

Doch besonders hinter Lilas geduldigem Festhalten an ihrer geheimen Mission, erkennt man deutlich die Begeisterung dafür, im Leben endlich vermeintlich eigene Spielregeln setzen zu können. So entscheidet sie nach kurzem Innehalten „Kuffar dürfen wir bestehlen“ und überzeugt damit den noch zögernden Freund das Konto seiner ungläubigen Großmutter zu plündern.

In deutlichem Kontrast erscheinen die klandestinen Teffen mit dem Anwerber Bilal und ihre nervösen Reisevorbereitungen zu der gelassenen Routine der Reitschule und der stoischen Präsenz der mediterranen Landschaft. Doch Alex ist sich ganz sicher: „Dort wird es einfacher.“

Mit Ratlosigkeit verfolgt Muriel die rigorose Absage des Jungen an Freiheit, Genuss, und Freundschaft – ein Leben, das sie bis ins Alter verteidigt hat. Vehement und mit allen Mittel versucht sie den Enkel aufzuhalten. Näher kommt sie ihm nicht.

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