Diskussion um Diesel-Fahrverbote

Lungenärzte zweifeln Grenzwerte an

Experten streiten über die Gefährlichkeit von Stickoxiden und Feinstaub – und geben so Autolobbyisten und Fahrverbotsgegnern neues Futter.

Auspuffrohre an einem Fahrzeug

Neues Futter für Autolobbyisten und Fahrverbotsgegner Foto: imago/Rene Traut

BERLIN taz | Mitten in der Diskussion um Dieselfahrverbote zweifelt eine Gruppe von Lungenfachärzten an der Seriosität der zugrunde liegenden Grenzwerte. „Miserabel interpretiert“ seien Studien, die zu Maximalwerten von 40 Mikrogramm Stickoxiden pro Kubikmeter Luft geführt hätten, sagt der frühere Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), Dieter Köhler: Sollten diese Grenzwerte bereits tödliche Gefahren markieren, „würden Raucher alle nach wenigen Monaten tot umfallen, was ja nicht passiert“ – schließlich entstünden pro Zigarette „über 200.000 Mikrogramm pro Kubikmeter“.

Ein Papier Köhlers, das Gesundheitsrisiken durch verkehrsbedingte Stickoxid- und Feinstaubkonzentrationen anzweifelt, hatten bis Mittwochmittag 113 Lungenfachärzte unterzeichnet. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass die wissenschaftlichen Daten, die zu hohen Todeszahlen führen, einen systematischen Fehler enthalten“, heißt es darin. „Es gibt keinen einzigen Todesfall, der kausal auf Feinstaub oder Stickstoffdioxid zurückzuführen wäre“, erklärt auch Martin Hetzel, Direktor im Stuttgarter Krankenhaus vom Roten Kreuz.

Sollte dies richtig sein, wären die von der Deutschen Umwelthilfe gerichtlich durchgesetzten Fahrverbote in Stuttgart, Berlin, Frankfurt, Köln oder dem Ruhrgebiet nutzlos. Allerdings gehen die dafür schon seit 2010 EU-weit geltenden Grenzwerte auf Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO zurück. Allein 2014 starben laut Umweltbundesamt rund 6.000 Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch Langzeitbelastung mit Stickstoffdioxid. Und die Europäische Umweltagentur EEA rechnet allein in Deutschland sogar mit 66.000 vorzeitigen Todesfällen pro Jahr durch Feinstaub.

600.000 Lebensjahre im Jahr verloren

Auch in Expertenkreisen vertritt Köhler eine Minderheitenmeinung. „Luftschadstoffe gefährden unsere Gesundheit – insbesondere die von Kindern, Älteren und Erkrankten“, heißt es in einem Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie vom November. Allein durch Feinstaub verliere „die deutsche Bundesbevölkerung jährlich rund 600.000 Lebensjahre“.

Dieter Köhler, Lungenexperte

„Dann würden Raucher tot umfallen“

Dennoch zeigen die Thesen Köhlers, die er in TV-Sendungen wie „Hart aber fair“ verbreitet, Wirkung: „Nicht weitermachen wie bisher“ will etwa FDP-Chef Christian Lindner. „Es wäre politisch fahrlässig, aufgrund offensichtlich wissenschaftlich nicht haltbarer Grenzwerte Fahrverbote und Milliardenschäden hinzunehmen“, sagte der Porschefahrer der Bild-Zeitung, die am Mittwoch „Ärzte-Aufstand gegen Feinstaub-Hysterie“ titelte. CSU-Verkehrsminister Andreas Scheuer sagte, Köhlers Thesen hätten „das Gewicht, den Ansatz des Verbietens, Einschränkens und Verärgerns zu überwinden“. Auch der ADAC forderte eine „wissenschaftliche Überprüfung“ der Grenzwerte.

Ein Sprecher von SPD-Umweltministerin Svenja Schulze erklärte dagegen, die Grenzwerte fußten „auf einer soliden wissenschaftlichen Basis“. Es sei „wissenschaftlich unbestritten, dass Luftschadstoffe wie Feinstaub und Stickoxide im Körper menschliche Reaktionen hervorrufen können“. Von einem „Ablenkungsmanöver“ sprach Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer: „Man kann in Deutschland die Uhr danach stellen, dass bei Umweltproblemen Grenzwerte und Messmethoden angezweifelt werden.“

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