Micha Brumlik Gott und die Welt

Auf dem Kriegspfad – wie die Springerpresse das Jüdische Museum kritisiert

Alan Posener ist ein engagierter Journalist, der dem Judentum wohlwill. Deswegen kritisiert er das Jüdische Museum in Berlin, dem er in der Ausgabe der Welt vom 16. 10. eine „Sinn- und Führungskrise“ ebenso unterstellt, wie er von empörten Reaktionen vieler Juden angesichts der laufenden Ausstellung über Jerusalem berichtet: Werde doch dort nicht gezeigt, dass erst die Eroberung Ostjerusalems 1967 dazu geführt habe, Anhängern der ältesten monotheistischen Religion Zugang zu ihrer heiligsten Stätte, der Klagemauer, zu ermöglichen. Noch schärfer ist Poseners Vorwurf gegen das Museum selbst; dieser lautet, dass dort Rassismus heruntergespielt wird – deutschfeindlicher Rassismus. Ziel seiner Kritik ist eine Äußerung Yasemin Shoomans, der Direktorin der am Museum angesiedelten Akademie. Ihr wirft Posener vor, den Rassismus der Einwanderer herunterzuspielen: Habe sie doch die Äußerung eines Mitglieds des Türkischen Elternbundes Hamburg, die Deutschen seien eine „Köterrasse“, als „nicht rassistisch“ bezeichnet. Tatsächlich publizierte Shooman am 15.März in den Blättern für politische Bildung einen Debattenbeitrag, in dem sie sich zur Frage äußerte, ob „Deutschenfeindlichkeit“ ein Fall von Rassismus sei.

„Der Betreffende war […] nach der Armenienresolution des Bundestages […] durch wüste Beleidigungen Deutschlands und der Deutschen als ‚Köterrasse‘ aufgefallen[....] „Die Kritik“, so schrieb Shooman, „am Konzept der ‚Deutschenfeindlichkeit‘ als Form des Rassismus soll solche Haltungen nicht verharmlosen. Es ist aber wichtig, im Blick zu behalten, dass diejenigen, von denen diese Angriffe ausgehen, nicht über die gesellschaftliche Macht verfügen, ihre Ressentiments dahingehend durchzusetzen, dass sie die Opfer, die zur Gruppe der Etablierten gehören – in diesem Fall also weiße Deutsche – auf eine untergeordnete soziale Stellung verweisen könnten.“ Darüber wäre zumal im 80. Jahr nach der Pogromnacht vom 9. November ernsthaft zu streiten; nämlich darüber, ob von „Rassismus“ erst sinnvoll zu sprechen ist, wenn es nicht nur um Meinungen, sondern um aus ihnen erwachsende, effektive soziale Praxen geht.

So anregend der Einwand Poseners, so unseriös ist sein Artikel im Ganzen. Er trägt die Überschrift „Es ist etwas faul“ und muss als tendenziös bewertet werden. Mehr noch: Niederträchtig ist seine Behauptung, dass das Museum Referenten eingeladen habe, die der als antisemitisch bezeichneten BDS-Bewegung nahestehen. Da er diesen schwerwiegenden Anwurf nicht glaubt belegen zu müssen, lässt sich sein Artikel nicht anders denn als Fall von „McCarthyismus“, von Rufmord durch Zuschreibung von Kontaktschuld. bezeichnen. Empört beschließt er seinen Artikel mit der Forderung, dass die Gesellschaft „produktive Unruhe“ in das Jüdische Museum Berlin tragen müsse, und reiht sich damit in eine Kampagne ein, die israelische Journalisten wie Eldad Beck und Benjamin Weinthal schon seit Längerem gegen das Jüdische Museum sowie das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung betreiben – eine Kampagne, die kritisiert, dass sich diese Institutionen auch mit antimuslimischen Rassismus befassen. Es steht außer Frage: Jener Antisemitismus, der im industriellen Massenmord an sechs Mil­lio­nen Menschen gipfelte hier und antimuslimischer Rassismus dort sind nicht miteinander identisch – sieht man davon ab, dass es sich in beidem um „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (Wilhelm Heitmeyer) handelt. Gleichwohl ist es angemessen und sinnvoll, dass sich das Jüdische Museum auch damit befasst. Unterschlagen jedenfalls hat die Leiterin der Akademie des Jüdischen Museums die „wüste Beleidigung“ der Deutschen nicht.

Micha Brumlik ist Mitarbeiter am Zentrum für jüdische Studien und lebt in Berlin.