Nachruf Fritz Teufel

Der Humorist der 68er ist tot

Er war Mitgründer der Kommune 1, Erfinder des "Pudding-Attentats", Terrorist und Fahrradkurier. Teufel wollte ein abenteuerliches Leben haben. Das ist ihm gelungen.von Reiner Metzger

Eine revolutionäre Rede: Fritz Teufel spricht am 15. September zu Demonstranten in Frankfurt.  Bild:  ap

BERLIN taz | Am Dienstag starb Fritz Teufel: Der berühmte 68er wurde gerade mal 67. Solche Sätze hat er selbst produziert und man könnte ganze Seiten mit herrlichen Zitaten Teufels füllen. Er litt an der unheilbaren Nervenkrankheit Parkinson seit er 55 Jahre alt war. Deswegen musste er auch seinen Beruf als Fahrradkurier in Berlin aufgeben. Das Fahrradfahren liebte er schon in seiner Jugend, aber erst als er 1980 aus dem Gefängnis kam, verlegte er sich beruflich und privat darauf.

Der taz sagte Teufel einmal über sein Leben: "Ich wollte, dass es abenteuerlich wird, und das ist es geworden." Und wie: Mitten im Krieg am 17. Juni 1943 im schwäbischen Ludwigsburg geboren, als jüngstes von sechs Geschwistern. Mit 20 Jahren geht er nach Berlin und studiert Germanistik, Publizistik und Theaterwissenschaften. Er lernt Rudi Dutschke kennen, Anfang 1967 gründet er die berühmte "Kommune 1" mit.

Die propagierte zwanglosen Partnertausch, plante Politaktionen, beschäftigte sich mit Psychoanalyse und der mangelnden Aufbereitung des Nationalsozialismus – damals alles ein skandalöses, mindestens aber ein verdächtiges Verhalten. Mit Nickelbrille, langen Haaren und Vollbart wurde Fritz Teufel zum Modell des frechen Polit-Revoluzzers stilisiert, und damit zum Feindbild des deutschen Bürgers.

Im Prozess um die Entführung von Peter Lorenz legte Fritz Teufel sein Alibi erst im allerletzten Moment vor, weil er die Voreingenommenheit des Verfahrens offenlegen wollte. Kein Alibi hatte er aber für die Zeit der Überfälle auf die so genannten "Negerkuß-Banken", die damals ebenfalls verhandelt wurden. Sein "B-libi" für diese vier Wochen dokumentierte die taz am 26.6.1980. Teufel erklärte im Gericht Berlin-Moabit, er habe sich in Köln versteckt gehalten, doch wären die, die ihm damals geholfen hätten, kaum bereit, das zu bezeugen. Der Text beginnt mit einem Gedicht:

Vom A-libi zum B-libi

Eine alibidinöse Erklärung zur Frage der Beteiligung an zwei Sparkassenüberfällen und zum unsittlichen Alibizwang durch die moderne Inquisition - aus dem Hut gezaubert in Moabit am 25. Juni 1980.

Mein lieber Hut,

diene mir gut!

Verlass mich nicht

vor diesem saublöden

hochintelligenten Gericht!

Hilf der Wahrheit ans Licht!

Simsalabim!

Fritz Teufel hat ein Alibi!

Abrakadabra!

Damen und Herren, sehen Sie:

Fritz Teufel hat auch ein B-Libi!

Was aber ist ein B-Libi?

 

Teufels Antwort darauf findet sich im Faksimile (pdf) der ganzen taz-Dokumentation von 1980.

 

Seine Aktionen entblößten das Establishment. Teufel nutzte kongenial die Aufgeregtheit der Autoritäten, die er erschüttern wollte. So wurde er mit anderen beim Besuch des US-Vizepräsidenten Hubert Humphrey verhaftet, weil er angeblich gerade bombenwerfend ein Attentat starten wollte. Die Berliner Polizei war blamiert, als sich die Bomben als Mehl- und Puddingtüten herausstellten, das "Pudding-Attentat" war geboren.

Wegen eines angeblichen Steinwurfs während der Demonstration vom 2. Juni 1967 gegen den persischen Schah – der Tag, als Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wurde – wanderte er zum ersten Mal länger in Untersuchungshaft. Während der Verhandlung lieferte er sich vielbeachtete Rededuelle mit dem Richter, wurde von ihm aufgefordert, sich zu erheben und sprach dabei seinen vielzitierten Satz "Wenn's der Wahrheitsfindung dient". Als er Ende des Jahres aus der Haft entlassen wurde, war er unter den Linken eine Legende.

Nach eigener Aussage war der 2. Juni 1967 einer der wichtigsten Tage seines Lebens: Weil jeder Vorwurf an die Polizei und den Todesschützen abgebügelt wurde, kam es zur politischen Eskalation. Auch Teufel schwenkte in Richtung des militanten Kampfes. 1975 wurde er verhaftet, mit einer Pistole im Hosenbund und einer abgesägten Schrotflinte in einer Plastiktüte.

Er wurde erneut angeklagt und saß fünf Jahre in Untersuchungshaft – bevor er der Staatsanwaltschaft wieder einen der Teufel'schen Tiefschläge versetzte: Angeblich sollte er als führendes Mitglied der terroristischen "Bewegung 2. Juni" an der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz mitgewirkt haben.

Fünf Jahre lang liefen die Ermittlungen, wurde Teufel von Presse und Gericht vorverurteilt. Schließlich forderte die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer 15 Jahre Haft. Danach erst legte Teufel sein Alibi vor. Er hatte zur fraglichen Zeit in einer Fabrik in Essen unter falschem Namen Klodeckel produziert. Kurz darauf schob er für die restlichen Vorwürfe in dem Verfahren bezüglich zweier Banküberfälle noch ein "B-libi" nach (siehe Kasten).

Auf die Frage, warum er damals so lange mit dem Alibi gewartet habe, sagte er in einem Interview von diesem Januar im Tagesspiegel: "Meine Stimme wurde gehört. Ich konnte zeigen, wie das ganze System funktionierte." Und für die anderen Sachen wie Waffenbesitz und Unterstützung des 2. Juni hätte er sowieso fünf Jahre Haft bekommen, schätzte er.

Eine Zeit lang schrieb Fritz Teufel danach Kolumnen für die taz, im Wechsel mit dem Kabarettisten Wolfgang Neuss. In den letzten Jahren lebte er zurückgezogen mit seiner Lebensgefährtin und Freunden im Berliner Stadtteil Wedding.

Er hatte Anteil daran, dass "dieses Land", so Teufel, "wieder in die Gemeinschaft der Nichtverbrecher-Staaten aufgenommen werden konnte". Und gefragt, was er erreichen wollte und erreicht hat: "Ich bin geworden, was ich mir unter einem humoristischen Dichter vorstelle."

Respekt, Herr Teufel.

 

Lesen Sie auch sein letztes Interview mit der taz.

 

Und seine Vision einer linken Tageszeitung, die er 1978 vor der Gründung der taz im Gefängnis formulierte.

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